[31] Den Unterschied des wahren und falschen Gleichgewichts zu veranschaulichen, dient am einfachsten die Analogie der menschlichen Seele. Wenn wir von dem Gleichgewicht aller Seelenkräfte sprechen, welches großen Persönlichkeiten eigen ist, so wird darunter nicht eine gleiche Quantität derselben oder ein gleichartiges Maß der verschiedenen Talente verstanden, sondern die richtige Vertheilung, wonach diejenigen Fähigkeiten, welche den Kern des Manns bilden, die übrigen beherrschen, ohne sie jedoch einseitig zu beschränken oder in ihrer Wesenheit zu unterdrücken: während ein Mensch, der die homogensten Gaben zugleich und alle in demselben Grade besäße, uns als Unding erscheinen würde.
[32] „Wäre nur erst,“ sagt Jean Paul in seiner Weise, wo er von der Hoffnung eines ewigen Friedens spricht, „Ein Welttheil mit sich ins Reine und in Ordnung: in den andern würde sein Zepter bald aus einem Ladstock der Kanonen-Kugelzieher werden, und die Höllenmaschine immobil machen, statt wie jetzt mobil; und da alle Kriege nur malteser Kriege gegen die Ungläubigen sind, würden sie wie die Malteser aufhören.“
(Dämmerungen für Deutschland).
[33] „Unvergänglich“ sage ich, weil sie noch dauern kann, wenn auch das Volk, das zuerst damit bekleidet war, längst dem Tode verfallen ist.
[34] Was sich in Kürze über die Nothwendigkeit und Möglichkeit einer deutschen Seemacht sagen läßt, ist schlagend zusammengefaßt in den „Erinnerungen“ des ehrwürdigen Arndt p. 343-348.
[35] Wie ungenügend das bisherige System der Konskription in den übrigen Staaten sei, wie entwürdigend es (durch die Sitte der Ersatzmänner) auf die Armee, wie drückend auf die vermögenslose gebildete Klasse des Volks einwirke, und wie nöthig es sei, den Wehrstand auf eine tiefere und edlere Grundlage zu bauen — dieß ist so allgemein klar geworden, daß es keiner weitem Worte bedarf.
[36] Vom französischen Charakter spreche ich nicht, weil seine fürs Gute wie fürs Schlechte gleich entzündbare, wetterwendische Erregbarkeit sich dem männlichen und tiefen Gehalte des deutschen in keiner Art zur Seite stellen läßt.
[37] Daher ist für den Deutschen schon das bloße Bewußtsein seines ersten Ranges unendlich wichtig, und hat ihm der Mangel an Selbstkenntniß mehr geschadet, als irgend einem andern Volke. Darum ist schon die Ueberzeugung von dem Berufe zur Hegemonie, schon der lebendige Glaube daran hinreichend, einen Patriotismus von nie gekannter Stärke und damit eine Umwälzung zum Guten hervorzurufen. Darum endlich ist uns vor allen die Wahl gegeben zwischen Sein und Nichtsein: wir haben entweder ein Vaterland ohne Gleichen oder keines.
[38] Jean Paul, den ich als Kenner der deutschen Natur (nicht, wie sich von selbst versteht, als politischen Gewährsmann) hier noch einmal anführe, hat auch diese Seite unsres Wesens vortrefflich zu würdigen gewußt. „Man drohte,“ schreibt er in einem zur Zeit der tiefsten Erniedrigung, im Jahre 1809 verfaßten Buche, „der Erde schon oft Universalmonarchieen. Obgleich in unsern Jahrhunderten schwerlich eine andere, als die des Rechts und der Vernunft sich errichten wird, nicht aber eine über beide Erdhälften schlagfertig hängende Wetterwolke: so möchte man doch, wenn es einmal einen Universalmonarch außer unserm Herrgott oder in Rücksicht der Thiere außer dem Mensch geben soll, der Erde, welche sich hier Universum nennt, anwünschen, daß er ein Deutscher wäre; denn die Allseitigkeit, der Weltsinn und der Kosmopolitismus der Deutschen fände auf dem höchsten Throne gerade die rechte Stelle.“
[39] Alle Arbeit der deutschen Kammern ist die Arbeit des Sisyphus, wenn sie den Stein auf dem Gipfel glauben, so entrollt er ihren Händen; und wohl uns, wenn er nicht tiefer hinabfällt als er anfangs gelegen war, oder nicht ein Stückchen Volksfreiheit auf dem Rückwege gelegentlich zermalmt. Wie weit dieß Mißgeschick von den Kammern selbst, wie weit von außen her verschuldet wird kann hier nicht entschieden werden. Aber das bleibt gewiß: mit dem augenblicklichen Muthe, der so oft zur Schau gelegt wird, ist Nichts gethan, wenn ihm nicht (in Dingen, die einmal als Recht erkannt sind) eine eherne, unerschütterliche Beharrlichkeit folgt. Das Schauspiel dieser letzteren haben die Hannoveraner uns zum Theil schon gegeben, und werden es, so Gott will, noch weiter geben — zur Freude jedes ehrlichen Mannes in ganz Deutschland.