[21] Wollte Gott, daß diese Wahrheit von allen denen begriffen würde, die nicht wissen, was zu ihrem Frieden dient! Wollte Gott, sie möchten endlich an Englands Beispiel lernen, was sie immer und immer nicht zu fassen vermögen: daß eine männliche, kräftige Opposition nichts weniger sei als Revolution, daß der Staat, um gesund zu bleiben, ihrer bedarf, daß sie die Throne nachhaltiger kräftigt, als die erlogene Hingebung unsrer Tage.

[22] Dadurch war Canning so einzig, und hat in so hohem Maße die Bewunderung Europas geerndtet, daß er dem Egoismus der englischen Politik eine allgemein humane Richtung unterzuschieben suchte. Der Versuch mußte, als unenglisch, scheitern, Canning unterliegen. — Was die im Text berührten Eigenschaften der Engländer im Auslande betrifft, so sind sie wohl niemals der Welt glänzender vor Augen gelegt worden als in unsern Tagen. Anglisirte Deutsche scheinen das Unglaubliche leisten zu können. Was kann aber auch in Deutschland nicht geleistet werden? —

[23] Da Rußland durch die nächste und natürlichste Berührung an Ostasien geknüpft ist, so kann der englische Einfluß hier zufällig und ungegründet erscheinen. Aber es zeigt sich auch hier wieder, daß die Mittelpunkte des Völkerlebens, und ein solcher ist China, überall, wenigstens zunächst, der germanischen Einwirkung vorbehalten sind.

[24] Das Wenige, was hier über den Zustand der drei Länder gesagt werden wird, ist nur in folgender Beziehung gesagt. Wenn die oben im Allgemeinen aufgestellte Behauptung richtig ist; so muß in dem Innern jener Staaten selbst der Keim zum Anschluß an Deutschland liegen; das heißt, ihre Lage muß der Art sein, daß sie lediglich aus sich heraus keine Zukunft mehr gebären können. Es ist also hinreichend daran zu erinnern, daß den Holländern durch ihre trostlosen materiellen Aussichten, den Belgiern durch den Geist des romanischen und germanischen Elements, den Schweizern durch ihre schon vorhandene tiefe Zerrüttung die Zukunft abgeschnitten ist. Das zugegeben, bleibt den drei Völkern die Frage übrig: ob es besser sei, in unsicherer Isolirung krankhaft zu verharren, oder als eigenthümliche Zweige des großen Stammes lebendig aufzublühen? Und die Antwort wird um so leichter sein, als sie den relativen, scheinbaren Verlust der Nationalfreiheit mit andern Völkern theilen werden, weil ganz Europa vom Gleichgewichtssystem zum konstitutionellen übergehen wird.

[25] Dieß läßt sich hoffen, weil der deutsche Theil der Bevölkerung den wallonischen bei weitem überwiegt. Aber freilich wird, wo es sich um ein Land handelt, in dem die gebildeten Klassen die französische Sprache als Muttersprache reden, vor Allem erfordert, daß die deutsche Kultur in Belgien das verlorene Terrain wieder gewinne; und daß zu diesem Zwecke die Deutschen ihren Stammesbrüdern mehr Theilnahme widmen, als bisher geschehen ist.

[26] Dieß Uebergewicht ist in der geographischen Lage selbst, durch das Verhältniß der Seefähigkeit, ausgesprochen. Während unter allen germanisch-romanischen Ländern keines sich findet, das nicht durch die Natur auf Schifffahrt und Seemacht angewiesen wäre, ist unter den slavischen blos Rußland, unter den griechisch-slavischen nur Griechenland dazu befähigt. Ohne Seemacht aber keine wahrhaftige Großmacht. In dieser Beziehung wird Deutschland (siehe weiter unten) nicht nur unvollkommen, sondern überhaupt nicht vertreten.

[27] Um Mißvertändnissen vorzubeugen, bemerke ich hier, daß die konservative Politk, so weit sie im Charakter des östreichischen Staates liegt, zwar durchaus jede revolutionäre, aber nicht die reformatorische Tendenz ausschließt. Das hat Maria Theresia gezeigt, die große Frau, welche mit ihrem männlichen Sinn, ihrer ungeheuchelten Religiosität, ihrem Herzen fürs Volk und ihrer Einsicht in die Forderungen der Zeit noch heute die Männer beschämt.

[28] Der sicherste Schritt, den Preußen thun könnte, um sich innerlich zu konsolidiren, wäre meiner Ansicht nach die Trennung Posens von den übrigen Landen, in der Weise nämlich, daß der König von Preußen zugleich Großherzog von Posen wäre, wie einst die Churfürsten von Sachsen Könige von Polen waren. Die Polen würden dabei gewinnen, die Deutschen nichts verlieren; es wäre eine Grundlage für die Zukunft.

[29] Gebieten — durch veränderte Stellung gegen Polen hin, in den Jahren 1830 und 1831; wie noch heute durch Posen.

[30] Die Einsicht in diese Wahrheit ist es, welche die Städteordnung in Preußen gegründet hat; sie ist es auch, welche neuerlich die Provinzialstände wieder belebt hat. Vielleicht wundert man sich, daß wir, wo von Preußen die Rede ist, zwischen der Periode vor dem Jahr 1840, und der nach diesem Jahre nicht scharf unterscheiden. Uns erscheint es ungerecht zu verkennen, daß früherhin schon dieselben, ja noch größere Keime gelegt waren als heute; es handelt sich nur um ihre Entwicklung, und darüber läßt sich in diesem Augenblicke noch kein kompetentes Urtheil fällen. Jedenfalls ist in seinem Charakter als Großmacht nach außen Preußen dasselbige geblieben. Wenn dieser Staat, trotz der Freiheit seiner Gemeinden, trotz seiner Provinzialstände, trotz seiner germanischen Heerverfassung, und unter dem redlichsten persönlichen Willen, bis 1840 die Mittel gefunden hat, eine bureaukratische Militärmonarchie zu bleiben, warum sollt’ er sie nicht auch nach 1840 finden? — Was übrigens die konstitutionellen Hoffnungen betrifft, die man einige Zeit gehegt hat, so sollten wir Deutsche nie vergessen, daß Preußen, wie es ist, eine Mitte bildet zwischen Oestreich und den übrigen deutschen Staaten, wodurch die Gemeinschaft gefördert wird. Stünde Preußen an der Spitze des konstitutionellen Deutschlands, so würde die Entfremdung von Oestreich vollständig werden. Schon jetzt haben so viele Deutsche verlernt, ihre Landsleute in Oestreich als Brüder zu betrachten; dem ganzen Westen liegt Paris näher als Wien. Wie wenn diese beklagenswerthe Trennung noch erweitert würde? Lieber kein einiges Deutschland als eines ohne Oestreich. In diesem Sinn also schulden wir Preußen Dank, so wie für die Enthaltsamkeit, mit der es verschmäht, ganz Deutschland an sich zu ziehen; was doch nur in seinem Willen läge. Ueberhaupt, es ist allewege wünschenswerther, daß Deutschland zu den Großmächten komme, denn daß diese zu Deutschland kommen.