[11] Da die Römer in diesem ihrem Charakter als Staatsvolk, d. h. in der Entwicklung des Staats und des Rechts bisher noch unübertroffen sind, so ist die Herrschaft, die sie im römischen Kaiserthum deutscher Nation und durchs römische Recht noch Jahrtausende nach ihrem Fall über Europa ausgeübt, organisch begründet. Wir werden uns eher nicht vom römischen Recht emancipiren, als bis wieder ein weltumfassender Staat, bis jene vierte Tendenz, von der oben die Rede, ins Leben tritt.
[12] Deshalb ist, wie wir später sehen werden, die heutige Türkei der Sitz des europäischen Weltreiches, wie China des Reiches der Mitte.
[13] Um die Analogie der europäischen Familie mit der Organisation der Raçen nachzuweisen, könnte es bequemer scheinen, von vorn herein die Dreiheit (in Kaukasern, Semiten und Mongolen), da ja ohnedieß die Chinesen als eigene Raçe naturhistorisch nicht anerkannt sind, zu statuiren, und statt der acht Welttheile nur sechs anzunehmen. Aber für unsere Anschauung ist die Eigenthümlichkeit der Sprache und der historischen Entwicklung gewichtiger als jene äußeren Merkmale. Auch ist es unläugbar, daß trotz der Dreiheit der europäischen Familien, doch England als Insel, Italien als Sitz des alt- und neurömischen Reiches, Ungarn als magyarisches Land, daß diese, sag’ ich, obwohl jedwedes Glied einer Dreiheit, doch einen isolirten, und zugleich zwischen zwei Raçen vermittelnden Charakter tragen.
[14] Deutschland hat eine Forderung zu thun gegen Frankreich; die geht ans Elsaß, und vielleicht noch weiter. Was noch deutsch geblieben in der Sprache und im Volkskern, das gehört nach innern Gesetzen in den deutschen Organismus. Drüber hinaus gibt es kein Recht mehr für uns; wo die Nationalität gewichen ist, da will der historische Verwandlungprozeß geachtet sein. Man hat im Pariser Frieden nur die Revolution gezüchtigt; auch „was die Lilien gesündigt“, findet noch seinen Tag. Ich habe diesen Anspruch oben im Text nicht erwähnt, weil ich glaube, daß zu derselben Zeit, wo den Franzosen thatkräftig unser Verständniß geöffnet wird, Alles, was noch wahrhaft deutsch geblieben jenseit des Rheins, sich von selbst zum Anschluß an Deutschland drängen wird.
[15] Dieses Letztere, so weit aussehend, ja lächerlich es klingt, ist nichts weniger als das, selbst nach diplomatischen Berechnungen der jetzigen Krise, geschweige denn vom Standpunkt einer kommenden organischen Politik. Jedermann weiß, wie unfähig die Türken sind, in dem wiedereroberten Syrien Ordnung zu schaffen; wie dringend die öffentliche Meinung die Besetzung Palästinas verlangt, und wie leicht die Mächte zu Konsequenzen getrieben werden, die ursprünglich nicht in ihrem Willen lagen. Wenn also bei einer weitern Krise, wie zu hoffen steht, Palästina okkupirt werden sollte, woher anders würden die Mächte, nach ihrem in Griechenland angewandten Grundsatz, einen Administrator oder Regenten verschreiben als aus Deutschland? — Das nur für diejenigen, die nur auf den nächsten Moment schauen. In den obigen Zeilen freilich ist nicht von dem deutschen Volke die Rede, welches, weil total indifferent in der großen Politik, nach allen Ländern seine Prinzen lieferte, sondern von dem, welches als erste differente Macht auch in Asien einschreiten muß.
[16] Daß ein neues Polen die ehemals polnischen, jetzt einverleibten russischen Provinzen wieder erhalten müßte, brauche ich kaum hinzuzufügen.
[17] Wenn ich hier nicht von den innern Elementen der Auflösung spreche, die Rußland in sich selbst, in seiner Verfassung und seinem gegenwärtigen Zustande [trägt], so geschieht es, weil der Mangel an Nachrichten hierüber uns ein sicheres Urtheil kaum möglich macht. Doch darf man, nach früheren Vorgängen und anderen Andeutungen, glauben, daß der Keim des Todes in Rußlands eigenen Eingeweiden liegt und daß ein Umsturz der Dinge von innen heraus nicht zu den unmöglichen Dingen gehört.
[18] Dieß muß man im Auge behalten, um die unendliche Moralität würdigen zu können, womit Rußland für die Aufrechthaltung der Ordnung und des Gehorsams in Deutschland bedacht war und bedacht ist. Die zärtliche Fürsorge der Russen für die deutsche Stabilität erinnert ganz und gar an die unvergleichliche Weise, womit nach Matthäus Paris die Mongolen, als sie Ao. 1243 in Ungarn, Oestreich u. s. w. einfielen, ankündigten: sie seien ausgezogen „propter furorem Teutonicum, sua (der Mongolen) modestia temperandum“. (Siehe die Briefe des Freiherrn von Stein an den Freiherrn von Gagern p. 68).
[19] Noch konnte ich hinzufügen, Schweden, durch Finnland, sei die nördliche Vormauer gegen Rußland. Denn allerdings scheint der finnische Volksstamm seiner Natur nach mehr unter skandinavische als unter russische Hoheit zu gehören. Doch muß ich mich hier, aus Mangel an näherer Kenntniß, eines bestimmten Urtheiles enthalten.
[20] Auch innerhalb der drei skandinavischen Stämme ist diese Fluctuation zu bemerken. In Schweden hat das aristokratische, in Norwegen das demokratische, in Dänemark das monarchische Element den Vorrang.