[1] Man erlaube mir, den „Untergang des Reiches“ auf die ganze Dauer der Napoleonischen Kriege auszudehnen.

[2] Ebendeßhalb, weil er auf dem Gipfel des Mittelalters steht, hat die Sage sich an Friedrich den Rothbart geknüpft. Er schläft und träumt so lange, bis wieder eine Zeit (die neuere Zeit) den Gipfel der Vollendung erreicht. Dann erwacht er wieder als Friedrich, d. i. als Friedebringer seines Volks.

[3] Es ist bekannt, daß die Starrheit der Calvinischen Consequenzen eine Verschiedenheit der Symbole, somit eine Bewegung innerhalb gewisser äußerster Gränzen erzeugte. Das Eine Symbol, zu dem die Lutheraner bald sich einigten, erstarrte bälder, konnte vom Geiste leichter übersprungen werden: der philosophische Fortgang knüpft sich daher in höherem Grade an den Lutheranismus. Von ihm ist hier vorwiegend die Rede, weil die deutsche Entwicklung, weil der positiv philosophische Trieb, der die Deutschen charakterisirt, von ihm geleitet worden ist; während die negative Philosophie (der Deismus in Holland und England, die Aufklärung in Frankreich) durch das reformirte Princip vermittelt wurde.

[4] Es geht Luthers Schriften ohngefähr wie der Bibel: beide werden vernachlässigt, weil sie religiösen Inhalts sind!

[5] Weil das reformirte Princip seinem Wesen nach ein romanisch-germanisches war, so konnte kein dritter großer Staat entstehen, in dem es, wie das katholische in Oestreich, das lutherische in Preußen, vertreten gewesen wäre. Im Gegentheil ist’s bezeichnend, daß die Pfalz, als im Westen gelegen, die Hegemonie der reformirten Partei übernahm, daß gerade sie so oft von Frankreich überzogen, endlich verschlungen wurde.

[6] Nichts charakterisirt schärfer das deutsche Wesen, als der Begriff, den die Sprache mit dem Worte leicht-fertig verbindet. Leicht-fertig waren damals die Franzosen, und eben deßhalb leichtfertig.

[7] Die systematische Philosophie gehört nicht hieher, weil sie immer Schule geblieben ist, und als solche des unmittelbaren Einflusses aufs Volk ermangelt, wie die Literatur ihn hat. Doch seien hier einige Worte über den Zusammenhang erlaubt, der mir zwischen ihr und der Entwicklung des protestantischen Prinzips in Deutschland und in der Geschichte überhaupt stattzufinden scheint. — Ich finde im Leben des Protestantismus zwei große, scharf geschiedene Perioden: die erste die Zeit der Emancipation von mittelalterlicher, päpstlicher und kirchlicher Autorität, ihr Urbild Luther; die zweite die Zeit der Entfesselung des Geistes schlechtweg, ihr Urbild Lessing. (Luther und Lessing sind daher die Marksteine aller deutschen Geschichte seit dem Anfang der neuern Zeit. Auch das reformirte Princip hat, nur schneller und kühner, jene zwei Stadien durchlaufen; im ersten Stadium fertiger als das lutherische und weltbewegender [in der englischen Revolution &c.], im zweiten Stadium negativer, und Mutter des Deismus und Skepticismus, hat es seine Geschichte bereits geendigt; denn die negative Weltanschauung ist gerichtet. Daher auch die Union. Die lutherische Tendenz dagegen, wie sie in Lessing ausgesprochen ist, mit ihrem tiefen positiven Kern, hat ihre wahre Zukunft erst vor sich). Demgemäß, und gleichlaufend, sind auch in der systematischen Philosophie zwei Phasen bemerkbar: die erste bis Kant die Zeit der halben, noch befangenen Freiheit, wie sie in Descartes, die zweite von Kant an die Zeit der vollkommnen Emancipation von den christlichen Fesseln, wie sie in Spinoza vorbildlich
ist. So erscheint Leibnitz noch gebunden, wenigstens theilweise,
von der Autorität der Offenbarung und kirchlicher Dogmen; ein riesenhaftes Wissen ersetzt bei ihm den Mangel der spekulativen Idee, welche, urfrei und urkräftig, alle Gebiete durchdringt; und nach ihm sinkt unter Wolf die Philosophie in die alten scholastischen Bande zurück. Davon befreit durch Kant, beginnt sie von nun an aufs schärfste, in ihrer Weise dieselben Ideen auszusprechen, welche gleichzeitig die literarische und politische Welt bewegen. So tritt in Kant die Aufklärung, in Fichte die Revolution, in Schelling die Restauration, in Hegel endlich das Justemilieu hervor. Daher der ungeheure Einfluß der Hegel’schen Ideen in Deutschland, und ihre Verwandtschaft mit dem preußischen Staate (welcher, freilich jetzt viel restaurativer geworden, Schelling an sich zu ziehen sucht); eben daher ihr Zerfließen in unendlich verschiedene und entgegengesetzte Ansichten. Es ist aber der Friede, welchen Hegel zwischen Glauben und Unglauben gestiftet hat, nur ein Scheinfriede, gleich dem des politischen status quo; und die Hegel’sche Versöhnung verhält sich zu einer wahrhaftigen gerade so, wie die künstliche, trügerische Protokollregierung unserer Tage zu einer wahren, natürlichen, organischen Friedenspolitik. Darf ich ein kühnes Bild gebrauchen, ohne, bei so ernsten Dingen, den Verdacht leichtfertigen oder übermüthigen Spottes zu fürchten, so möchte ich sagen, Hegel und das politische Justemilieu, das ist: die Scheinwahrheit und der Scheinfriede, gehen der ächten Wahrheit, dem ächten Frieden auf ähnliche Weise vorher, wie in der Stufenleiter der animalischen Schöpfung der Affe dem Menschen. —

[8] Man hat Göthe, und das nicht mit Unrecht, seinen Mangel an Patriotismus vorgeworfen; aber meist die Anklage schief gestellt. Auch Schiller war Kosmopolit, und kosmopolitisch ist überhaupt, aus dem obigen Grunde, der Charakter jener Literatur; nur war Göthe auch als Weltbürger kalt, ohne Begeisterung für die Freiheit, ohne warme Liebe für die Menschheit.

[9] Ich habe diese drei angeführt, nicht nur als die Spitzen der Literatur, sondern insofern sie die gerichtlichen Ideen der Zeit repräsentiren. Wenn in Jean Paul dieses nicht so unmittelbar hervortritt, als in den beiden Anderen, so drückt er doch in der schärfsten Weise die Versenkung des Geistes, das Sinnen und Träumen aus, worein, inmitten politischer Ohnmacht, der deutsche Geist sich zurückgezogen hatte.

[10] Da das Princip hier nur in seinen allgemeinen Wirkungen, als das Endziel der deutschen Geschichte, beleuchtet wird, so verweise ich die Leser auf die nähere Erörterung im zweiten Theile.