Jetzt, deutsches Volk, kommt näher und näher die Zeit, da an dich der höhere Ruf ergehen wird. In deine Hände hat der Herr dein eigen Schicksal und das der Welt gelegt; durch dich will er’s entscheiden, ob die Völker in leichtsinniger Materialität verderben oder in drückenden Fesseln des Geistes versinken, ob sie an einer falschen Freiheit verbluten oder in knechtischer Niedrigkeit dahin sterben sollen, ob die Civilisation einer Welt sich an den eignen Wunden verzehren oder auf Jahrhunderte hinaus der Barbarei unterliegen soll: — oder ob ein neuer, herrlicher Frühling hereinbrechen soll über das arme Menschengeschlecht. Das Alles hat er dir anheimgestellt, weil du der Heilung vor allen bedürftig, weil dir die Gefahr am ehesten droht, weil, wenn du dich nicht zu retten vermagst, du, in dem die frischesten, moralischen und geistigen Kräfte schlummern, überhaupt keine Rettung mehr vorhanden ist. Wirst du nun auch sein, wie jene, deren unseliges Loos es war, „niemals zu sein, was sie hätten sein sollen und sein können?“

Warum rufe ich dir dieß zu? Nicht als ob es in deiner Macht stünde, jenen Gedanken hervorzuzaubern, aus welchem allein eine neue Zeit entsprießen kann: dazu muß dir der Höchste Einen aus den Deinigen erwecken und wird es thun; sondern damit du dich bereitest auf eine große Zukunft und ausfüllest die tiefe Kluft, die zwischen deinem Sein und deinem Können besteht, damit wenn der Weltgeist kömmt, um Wohnung zu machen unter dir, er eine würdige Stätte finde — ein einiges, starkes, enggeschlossenes, stolzes, nach dem Größten begieriges Volk, ein Volk, das sich kenne und achte mehr denn bisher und wisse, wozu es berufen ist unter den Völkern. Glaube nicht, daß dir’s Gott im Schlafe bescheeren werde, wie du lange geglaubt, daß er dich jemals mit einem Glück überschütten werde, dessen du dich nicht würdig gemacht im Schweiß deines Angesichts; im Schlaf gibt ers den Kindern, du aber sollst ein Mann sein und mit Manneskraft das Schicksal an dich reißen — und das ist’s gerade, was du bisher so wenig gewesen und so selten gethan hast.

Es ist zwar allerdings, als ob die neue Zeit sich schon hören ließe, ihr allmächtiger Schritt klingt schon, wenn auch noch aus der Ferne, zu uns herüber. Ein herrlicher Auferstehungsgeist glüht und arbeitet in den deutschen Landen, ein anderer Sinn ist erwacht und das Wehen einer hoffnungsreichen Zukunft zieht hin über die deutsche Erde. Der Anfang ist geschehen, der erste Grund gelegt. Laß diese heilige Begeisterung, deutsches Volk, nicht noch einmal zum Gespötte werden, wie es eine frühere schon geworden, laß sie nicht betasten von ungeweihten Händen, nicht schnöde mißbrauchen zu Parteienzweck, als ein treffliches Werkzeug für die Stunde der Gefahr, welches weggeworfen wird in sicheren Zeiten, oder als Waffe in derer Hand, die dir von Freiheit schwätzen und weiter nichts wollen als sich bereichern an deiner Zerrüttung. Laß nicht erkalten, was einmal glüht, nicht erschlaffen, was einmal lebt; strebe fort und fort, ohne Rast und Ruhe, als gälte es (wie es denn auch gilt) dein Dasein auf Jahrhunderte. Wer immer kämpft für ein gutes deutsches Recht, der thu’ es ohne Unterlaß und unerschütterlich, es werde was da wolle — und das ganze Volk soll ihm zur Seite stehen, und ihn stärken im Kampf. Wer immer arbeitet für die äußere Größe des Vaterlandes, sei es für Zollverein oder Eisenbahnen oder Volksbewaffnung, wenn es nur vaterländische Zwecke sind, deßgleichen und noch mehr, wer es für innere Größe thut, für Mündigkeit und gegen Mißbräuche, für die Heiligkeit des Gesetzes und die Reinheit der Verwaltung, für Förderung des Unterrichts und der Sitten oder fürs freiere Wort, — alle diese sollen unverrückt und unaufhaltsam, wo nicht das Gesetz sie aufhält, dem Ziele nachjagen, das sie einmal sich vorgesetzt. Und wo sie’s nur im rechten Geiste thun, sollen sie nicht zagen oder zweifeln am Erfolg; denn „alle die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.“

Es sind aber vorzüglich drei Mächte, in welchen das Wohl oder Weh des Vaterlandes liegt. Die erste sind die Fürsten und die, die in ihrem Rathe sitzen. Der Fürsten Sache ist es, voranzugehen in Allem, was die Ehre, den Ruhm und die Wohlfahrt Deutschlands besonders nach außen betrifft, und, wie sie auch sonst zu den politischen Fragen der Zeit gestellt sein mögen, das Eine nicht zu vergessen, was Einer aus ihrer Mitte ihnen zugerufen hat, daß die Völker nicht um ihrentwillen, sondern sie um der Völker willen da seien. Ihre Rathgeber aber sollen bedenken, welch ein schweres Gewicht der Verantwortung auf ihnen liegt, daß die öffentliche Meinung mit einem ganz andern Maßstabe sie, mit einem andern ihre Herren mißt (welche als sterbliche Menschen auf die höchste Höhe gestellt, gerade zumeist dem Straucheln ausgesetzt sind), und daß die Nation um so höher sie ehren wird, je weniger sie ihre Stimme zu meiden, oder mit der Heiligkeit des Thrones ihre Fehler zu bedecken suchen. — Die zweite Macht sind die Kammern. Diesen liegt es ob, die allgemein deutschen Interessen vor allem hervorzuziehen, für sie, wenn es Noth thut, auch Opfer zu bringen, und es wohl zu wägen, ehe sie schwierige (und wie oft fruchtlose) Controversen beginnen; wenn sie aber begonnen werden müssen, ohne Wanken mit dem Recht zu stehen und zu fallen. — Die dritte Macht ist die Presse. Ihr ist Unendliches anvertraut, sie kann die Seelen regieren und die Geister beherrschen. Sie soll daher deutsch sein im schärfsten, ausgeprägtesten Sinn, deutsch vor allen provinziellen Dingen und gegen allen ausländischen Einfluß; welcher Partei sie auch angehöre, ihre Pflicht ist es, nach außen zu nur Eine Stimme zu führen, wenn liberal, dem Westen, wenn konservativ, dem Osten als deutsch gegenüberzustehen, und im Innern unter allen Kämpfen nur das Eine Ziel, die Einigkeit vor Augen zu haben.

Wenn dieses geschieht: so können wir hoffen, für eine große Zukunft gerüstet dazustehen und das Schicksal würdig zu empfangen, es mag nun im sanften Wehen oder im wilden Sturme zu uns kommen.

Vor allem aber, deutsches Volk, steh’ fest auf dir allein — schau nicht um weder rechts noch links nach Freunden und Nachbaren, geh unverrückt deinen eigenen Weg, und achte nicht auf die, welche scheel seh’n zu Deutschlands steigender Wiedergeburt. Glaube sicherlich, es ist keine unter den mächtigern Nationen Europas, welche dich nicht lieber klein und niedrig sehen wollte denn herrlich und groß, keine, von der du dir Heiles und Freundschaft erwarten könntest, um deinetwillen, keine, die dir nicht den Weg erschweren möchte, den du betreten hast.

So ists im Frieden; wie erst, wenn die Gewitterwolken sich entladen, die jetzt schon schwül und dumpf über unsre Häupter hereinhängen? Es kann eine Zeit kommen, wo von allen Gränzen her die Wogen über dich zusammenschlagen, und der Feind dich ängstigt in allen deinen Thoren. Da wirst du keinen Genossen haben als dich selbst, keine Hülfe als die der eigenen Kraft. Denn die Völker, welche dich mit Freuden ehren werden, wenn du einst sein wirst, wozu du berufen bist, werden sich dir entgegenwerfen, ehe du’s bist; und um der Erste zu sein in Europa, mußt du dich vielleicht erproben vor ganz Europa. Ein heißer, schwerer Kampf — und dann wird Friede werden, wahrhaftiger Friede; erst aber sollst du im Feuer geläutert werden, damit die Schlacken von dir gehn und du erfunden werdest als reines Gold.

Darum, seid einig, haltet fest und eng an einander, bis die höhere Hülfe kommt. Thut ihr das Eurige — und Gott, der noch nie seine Deutschen verlassen hat, wird das Seinige thun. Vergiß es nie, deutsches Volk, schreib’ es dir tief ins Herz und sag’ es dir täglich und immer wieder: die Zeit, welcher du entgegen gehst, ist eine Zeit auf Leben oder Tod, jetzt oder nie ist deine Stunde gekommen, ist dir die Wahl gegeben, Alles zu sein oder Nichts. Vor dir liegt eine herrliche Zukunft — wo nicht, die tiefste Erniedrigung. Du bist das Salz der Erde. Wenn aber das Salz verdummt, was geschieht? „Es ist hinfort zu Nichts nütze, denn daß man es hinausschütte und lasse es zertreten.

Noch einmal rufe ich dir zu, mit den Worten eines alten Sehers: „Mache dich auf, und werde Licht; denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn gehet auf über dir. Denn siehe, Finsterniß bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir gehet auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheinet über dir. Und die Völker werden in deinem Lichte wandeln, und die Könige in dem Glanz, der über dich aufgeht. Hebe deine Augen auf, und siehe umher: diese alle versammelt kommen zu dir. Deine Söhne werden von Ferne kommen, und deine Töchter zur Seite erzogen werden. Dann wirst du deine Lust sehen und ausbrechen, und dein Herz wird sich wundern und ausbreiten, wenn sich die Menge am Meer zu dir bekehrt und die Macht der Völker zu dir kommt.“

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