Dieses alles kann nur langsam geschehen, im Laufe der Zeit und durch gesteigerte Unbefangenheit der ganzen religiösen Anschauung. Die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts hat eine Toleranz geschaffen, die auf der Gleichgültigkeit oder Verachtung beruhte. Aus der des neunzehnten soll eine höhere Toleranz hervorgehen, welche zur Versöhnung treibt, nicht weil sie die konfessionellen Dinge von sich weiset, sondern weil sie dieselben durchdringt und eben hiedurch die Gemüther zu warmer religiöser Gemeinsamkeit, die Geister zu voller und gerechter Anerkennung erhebt. Es soll aber Deutschland allen übrigen Ländern in dem großen Werke der Versöhnung vorangehen, als dasjenige Land, in dem die Kirchenspaltung ihren Ursprung genommen, in dem die drei Parteien sich in gleicher Blüthe erhalten, in dem endlich heute noch über kirchliche Fragen am tiefsten gedacht, aufs lebhafteste verhandelt und am meisten gestritten wird. Was hier, im Mittelpunkte des religiösen Lebens, zur Entscheidung kommt, ergießt sich von selbst in die übrigen Theile von Europa, besonders ins germanische, welches in der altlutherischen Kirche Skandinaviens, in der presbyterianischen Schottlands und in der englischen Hochkirche die verschiedensten Elemente beherbergt[73]. Die erste kirchliche Aufgabe der Zukunft muß also die sein, eine deutsche Nationalkirche zu schaffen, zunächst um die Deutschen zu einigen, weiterhin aber als Grundlage einer umfassenden, europäischen Kircheneinigung.
Denn die Kirche muß zuvor gereinigt, sie muß eine andere, neue und höhere sein, ehe Europa der großen Sendung genügen kann, die ihm über die Erde hin angewiesen ist. Der Staat kann erobern, beherrschen, civilisiren und organisiren, die Kirche aber soll durch ihre Missionen den Saamen einer innern Umwandlung unter die barbarischen Völker streuen. Dieses ist unmöglich, der Sieg und die Ausbreitung des christlichen Princips kann nicht gedeihen, so lange die Missionen von kleinlichem Gesichtspunkt geleitet, in kleinlichem Geiste ausgeführt, durch beständige Zwietracht sich selbst zerrütten. Erst wenn es einst eine große, einige und umfassende Mission gibt, kann die Erde durch die Waffe des Princip[74] unter civilisirten, durch das Christenthum unter wilden Völkern, im höchsten Sinne des Herrn werden.
[Kapitel XV.]
Beschluß.
Es gibt in der Geschichte des Menschengeschlechts drei große Epochen der Erziehung, drei Zeiten, in welchen der göttliche Geist, obwohl beständig und allenthalben wirksam, doch mit besonderer und unmittelbarer Fügung eingegriffen hat in die Entwicklung des Menschengeschlechts.
Die erste Zeit ist gewesen, als Moses die ältesten Traditionen fixirte und den Glauben an den Einigen Gott auf Jahrtausende hinaus bewahrte, indem er beides in einem durch Gesetze, Verfassung und Sitten abgeschlossenen Volke niederlegte. Dies war das erste Testament, in welchem Gott noch dunkel verhüllt, und als strenger Vater den unmündigen Kindern erschien — nur vorbereitend, nur Grundlage für die kommenden. Die zweite Zeit war, als Christus die Decke von den Augen nahm, als er aus der symbolischen Hülle die reine religiöse Anschauung hervorzog, und einen ewigen Bund der Liebe aufrichtete zwischen Gott und den Menschen, so daß in ihm und durch ihn Alle selig werden konnten. Die dritte Zeit ist die unsrige. Mit dem dritten Testamente ist die Erziehung des Geschlechts abgeschlossen: die Menschheit steht nicht nur liebend und versöhnt, sie steht auch bewußt und frei dem Vater gegenüber, das Menschliche wird geheiligt, und die dunkeln Ahnungen eines göttlichen Reiches auf Erden, welche in den Büchern des zweiten Bundes enthalten sind, gehn der Verwirklichung zu[75].
Das erste Testament war nur Einem Volke gegeben, das zweite den Menschen schlechthin, das dritte wird durch Ein Volk allen Völkern gegeben werden.
Jenes ersten Volkes Schicksal ist uns allen bekannt. Gott hatte sich’s auserlesen zu seinem Eigenthum, es begnadigt mit wunderbarer Führung. Er hatte es großgezogen in der Schule der Knechtschaft, ihm dann ein Gesetz gegeben, ihm viele Helden und große Könige erweckt, später aber, als es in Zwietracht zerfiel, sich spaltete und andern Göttern nachging, fremde Unterjochung aufgelegt, um reiner und geläuterter daraus hervorzugehn. Die ganze Geschichte des Volkes, sein Kultus, sein Glaube, seine Helden und Propheten, seine heiligen Bücher — alles war eine ununterbrochene, lebendige Weissagung eines höheren, neuen Evangeliums. Als aber nun die Zeit erfüllet war, als das Wort erschien — da überhörten sie den Ruf des Höchsten und schlugen den Messias an’s Kreuz. Da ging in Erfüllung, was Moses ihnen verkündigt hatte: sie wurden „zerstreuet unter alle Völker der Erde, von einem Ende der Welt bis an’s andere; sie haben kein bleibendes Wesen unter ihnen, und ihre Fußsohlen keine Ruhe; der Herr hat ihnen ein bebendes Herz und verschmachtete Augen und verdorrete Seelen gegeben.“[76]
Das zweite von jenen begnadigten Völkern bist du, deutsches Volk. Auch du bist „ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priesterthum, ein heiliges Volk, ein Volk des Eigenthums dem Herrn.“ Zwar in einem andern Sinne, denn jene waren gleichsam als das halsstarrigste, verkehrteste und unwissendste unter allen auserlesen zu hervorstechenden Werkzeugen der Erziehung, während du vor allen reich gesegnet bist an Gaben des Geistes und Gemüths, am fähigsten ihn zu suchen und zu finden, jene durch ein großes Geschick begnadigt, während du durch Natur es bist. Aber doch hat der Herr auch dich so wunderbar geführt, hat auch deine Kindheit in schwerem Druck herangezogen, hat auch dir den Sieg verliehen und dich groß gemacht über alle Feinde, auch dir im Christenthum ein Gesetz gegeben und dir vergönnt, eine neue Ordnung der Dinge drauf zu gründen, auch dir viel große Herrscher und Richter erweckt, auch über dich, als du von der eignen Art zu lassen, falscher nachzujagen und in Zwietracht dich aufzulösen drohtest, das Joch einer fremden Knechtschaft verhängt, damit du reiner und herrlicher wieder auferstündest. Auch deine Geschichte ist eine lebendige, fortlaufende Weissagung, auch sie ist allenthalben erfüllt von Typen, Vorbildern und Ahnungen einer kommenden Herrlichkeit, wenn du sie nur zu deuten verstehst. Sieh hin auf dein Mittelalter. Hast du nicht in deinem Kaiserthume das Vorbild jener umfassenden Hegemonie, jener allgemeinen Völkerordnung? nicht in deinen Kreuzzügen die Ahnung eines großen Sieges über die asiatische Welt, in deinen hierarchischen Kämpfen eines gerechtfertigten Verhältnisses von Staat und Kirche? Ist nicht dein seltsamer, tausendfach abgestufter Lehrerstaat der materielle Typus jener wahrhaftigen geistigen Staatsordnung, nicht deine mittelalterliche Aristokratie das Vorzeichen eines höheren Adels[77]? Und deine Reformation, ist sie nicht die Weissagung eines größern Princips, welches gleich ihr die Völker durchdringen und Europa verjüngen soll? Ja, mußtest du nicht, wie die Juden durch persische und babylonische, so durch europäische Knechtschaft hindurchgehn, um reif zu werden für deine höchste Hervorbringung?