Um das letztere ganz zu sein und um ihr Verhältniß zur Kirche zu ordnen, steht ihr noch ein anderes Hülfsmittel zur Seite. Wenn der Entwicklungsgang der Seele am Einzelnen uns vor Augen liegt, so eröffnet sich zugleich die Geschichte des großen Individuums, welches Menschheit heißt. Die erhöhete, ungeahnte Anschauung des Geistes, der bisher durch die Vergangenheit gezogen, wirft ihre Strahlen zurück auf die Gegenwart. Indem wir erfahren, was die Menschheit bisher gewollt und warum sie es gewollt, welche Stadien sie durchlaufen hat, und in welchem Stadium wir selbst uns bewegen: so ergießt sich uns ein neues Licht über unser Thun und Treiben, leuchtend genug, um den Weg, der vor uns liegt, auf Jahrhunderte zu erhalten.
Vor allem aber ist es Eine Gestalt, worüber die Zeit belehrt sein will, unbegriffen bis auf diesen Tag, geschmäht von den Einen, vergessen von den Andern, mit Nebel umhüllt vor den Augen der Menge, und auch denen noch unenträthselt, die ihn als ihre Gottheit tiefer im Herzen tragen. Wie soll die Geschichte begriffen werden, so lange Der, welcher den Eckstein aller bisherigen Geschichte bildet und als Eckstein stehen wird bis ans Ende der Tage, entweder als wesenloses Idol von der Mehrzahl angebetet oder als mythische Erscheinung von den Denkenden verfolgt und zersetzt wird? Wie die neue Zeit verstehen, ohne den zu begreifen, mit dessen Stiftung unser ganzes Sein verwebt, unsre ganze Kultur verknüpft ist, auf den Ein ganzes Volk lebendige Weissagung gewesen, durch den dasselbe Volk ein lebendiger Fluch tagtäglich vor unsern Augen wandelt?
Christus muß als geschichtliche Individualität begriffen, als psychologische Persönlichkeit erläutert werden, ehe wir das Christenthum klar zu fassen vermögen[67]. Der Menschensohn muß vor uns stehn, heilig und erhaben, wie er war und gelebt hat und gestorben ist. Alsdann wird erhellen, wie er unter allen Söhnen Gottes sich den Eingeborenen nennen und als Mittler zwischen Gott und den Menschen in Wahrheit darstellen konnte, warum er sich opfern und warum sein Tod für jene Zeit sowohl als für alle Zeiten eine Versöhnung werden mußte. Es wird sich zeigen, wie weit die Herrschaft eines solchen Geistes über andere Geister sowohl als über die Natur, wie weit die, niemals vorher in solchem Maße gewesene, niemals ähnlich wiederholte, in ihm und um ihn waltende Steigerung des Gemüthslebens jene Vorgänge erzeugen konnte, welche von der Kirche als Wunder bezeichnet[68], von einer Kritik aber, der die geheimen Tiefen der menschlichen Seele verborgen sind, schlechtweg als Mährchen verworfen werden.
Endlich wird erhellen, wie an seinem Wesen das Dogma der Dreieinigkeit sich entwickelt hat; wie die Gedankenreihe Gottes in der Schöpfung zwei ewig nothwendige, uranfänglich gedachte Spitzen enthält, deren Eine er selbst gewesen; wie er den Geist der Wahrheit als kommenden geahnt, als wirkenden schon gefühlt und als unerläßlich für den Bestand seiner Stiftung erachtet; wie dieser Geist, nachdem er als bildender Verstand in den Dogmen und der Verfassung der Kirche gewirkt, sich zurückgezogen und seinen Weg gewandelt: um endlich als umfassendes Princip zu erscheinen und als heiliger Geist sich im Staate zu verwirklichen.
Also wird die Philosophie von der Religion, der Staat von der Kirche anerkannt werden als gleich göttliche, ja als höhere Macht. Wollte die Kirche sich dessen weigern: sie würde sich selbst vernichten, wenn sie den Geist verwürfe, dem sie ihre Rettung verdankt. Staat und Kirche werden hinfort gemeinsam wirken im Menschengeschlecht, gerade so und nicht anders, wie Vater und Mutter sich theilen in die Erziehung der Einzelnen.
Wie aber der Staat erwachsen wird zu einer organischen Einheit unzähliger Völker und Gemeinwesen, so soll allerdings auch in der Kirche lebendige Einheit herrschen. Wie dorten der Eine Welttheil über den andern, die Eine Familie über die andere, das Eine Volk über das andere sich stufenweise erheben wird, also daß Eine Nation auf den Gipfel des ungeheuern Baues gestellt ist, so muß auch hier hierarchische Ordnung sein, und an ihrer Spitze (denn die Kirche hat nicht mit den Nationen, sondern mit dem Menschen als solchen zu thun) Ein sichtbares Oberhaupt. Aber so wenig im Staate von einer Gewalt, welche keine andere Gewalten neben sich duldet, künftighin gehört werden wird: eben so wenig kann das Papstthum in seiner jetzigen Gestaltung, geschweige denn in den jetzigen Ansprüchen verharren.
Mit andern Worten: die Kirche überhaupt unterliegt, so wie das Princip in den Geistern sich Bahn gebrochen hat, einer durchgreifenden Umwandlung. Die römische, lutherische und reformirte Konfession werden fallen, um Einer allgemeinen (katholischen) zu weichen. Wie diese Entwicklung der Dinge, (welche uns heutzutage als unglaublich erscheinen muß) gedenkbar sei — darüber noch einige Worte.
Die Philosophie wird die verschiedenen dogmatischen Auffassungsweisen des Christenthums in sich aufsaugen; sie wird die Ideen, welche den einzelnen Konfessionen zum Grunde liegen, jede in ihrer Wahrheit erklären, alle insgesammt aber ihrer Einseitigkeit entledigen, indem die verschiedenen Lehren, wie die Radien des Kreises in Einem Mittelpunkt, in ihr zusammenlaufen. Die Zeit selbst hat sowohl durch die steigende Duldung, als durch innere Vorgänge den dogmatischen Unterschied der Kirchen bereits ungemein gemildert. Es ist dieß in der katholischen Theologie geschehen durch die Bemühung, ihre Dogmen geistig zu verfeinern, ihnen tiefere Begründung zu geben. Die reformirte und lutherische Lehre sind sich schon bis zum Unmerkbaren nahe gerückt, wenigstens haben die noch vorhandenen streitigen Punkte ihre Spitze verloren. Der auf solche Weise dem katholischen Glauben fast einig gegenüberstehende Protestantismns hat wiederum, nach der Lage der Dinge, mit dem ersteren die mannigfachste Berührung. Denn da die große Parteispaltung zwischen rationalistischer und orthodoxer Ansicht auf beiden Seiten mit ähnlicher Macht eingedrungen ist: so fühlt sich die linke Seite der Protestanten zu der ihr entsprechenden unter den Katholiken, und die rechte andererseits zu ihren Geistesverwandten hingezogen; wodurch eine ununterbrochene geistige Verbindung zwischen beiden Theilen erhalten und die Annäherung vorbereitet wird. Die dogmatische Verwandtschaft, um es an Einem Beispiel zu zeigen, ist bereits lebendiger zwischen der katholischen und der lutherisch-orthodoxen Lehre, als zwischen der letztern und den rationalistisch-protestantischen Ansichten. Die Wirkung des kommenden Princips muß sonach naturgemäßer Weise diejenige sein, daß die Denkgläubigen (welcher Konfession sie angehören mögen,) der Kirche entsagen, und der Philosophie und dem Staate als einer andern Kirche sich zuwenden[69], während alle diejenigen, welche am christlichen Symbole (gleichviel, welchem Symbole) und damit an der Kirche festhalten, sich im alten dogmatischen Gehalte des Christenthums wieder begegnen und finden werden.
Ist das Letztere geschehen: so bleibt noch Eine Verschiedenheit zurück unter den Konfessionen, die einzige tief eingreifende, schon heutzutage die kardinale Verschiedenheit[70]: ich meine die Theorieen über Verfassung der Kirche und ihre Stellung zum Einzelnen, und der Bestand der Theorieen in der Wirklichkeit. Die absolute Monarchie der römischen Kirche, das Episkopalsystem des aufgeklärten Katholicismus, die Beamtenrepublik der Lutheraner und die Demokratie der Reformirten stehen sich unversöhnt gegenüber. Ob die Kirche zwischen Gott und den Menschen vermittele, oder ob der Einzelne ohne ihre Dazwischenkunft frei mit dem Höchsten verkehre; ob sie dem Staat sich hingeben oder in eigenthümlicher Organisation selbstständig verharren solle, ob sie sichtbar sein müsse oder unsichtbar sein könne, das alles hängt mit den oben genannten Differenzen aufs innigste zusammen.
Und hier ist es nun, wo der Einfluß der Philosophie seine volle Wirkung entfalten wird. Von ihr allein können die Verfassungsfragen entschieden werden, worüber weder die Urkunden, noch der Geist des Christenthums Aufschluß geben. Der Geist der Wahrheit, indem er sich im Staate verwirklicht, erleuchtet mit seinem Lichte zugleich das Dunkel der kirchlichen Gestaltung: das Bild des vollendeten weltlichen Staates wird zugleich das Vorbild des geistlichen. Die Kirche muß konstitutionell werden, wie der Staat es ist; sie muß gleich ihm ein Gleichgewicht finden zwischen dem monarchischen, aristokratischen und demokratischen Element. Jene absolute Vollgewalt, welche die römische Partei dem Papste vindicirt, ist damit auf immer verloren, es sind alle diejenigen gerichtet, welche der Kirche die vergangene weltliche Tendenz des Mittelalters wieder einflößen und dem deutschen Volke, wie vor Zeiten, einen Götzen der Knechtschaft und der Zwietracht setzen wollen jenseit der Alpen[71]. Wenn hierin der Katholicismus sich gereinigt hat: so wird dagegen der Protestantismus erkennen, daß eine festgeschlossene, einheitliche Organisation allerdings der christlichen Kirche vonnöthen sei, daß sie, um lebendig zu wirken in der Welt, einer zusammenhängenden Verbindung und hierarchischer Gliederung bedürfe, und daß ein sichtbares Oberhaupt mit der Freiheit des Ganzen sich eben sowohl vertrage, als das Königthum im Staate mit der Freiheit des Volkes sich verträgt. Er wird einsehn, wie bei aller Ungebundenheit der Forschung des Einzelnen doch eine Kirche, um Kirche zu bleiben, wenn sie nicht zerfallen soll in unendliche Parteiungen, ein Bekenntniß aufstellen muß, welches den bindenden Ausdruck ihres Glaubens und ihrer Einrichtung enthält. Und da sowohl die Dogmen als die Verfassung, nach dem lebendigen Charakter des Christenthums, in den verschiedenen Zeiten verschiedener Aenderungen fähig und bedürftig sind: so liegt es an der gesetzgebenden, in den Concilien ruhenden Gewalt, dem Symbole und den Satzungen, dem Bedürfnisse gemäß, die entsprechende Modification zu geben. Auf diese Weise wird die katholische Ansicht von der unbedingten Gewalt der Kirche zur freien und beweglichen; den Protestanten bleibt unbenommen, die Bibel als die einige Quelle der christlichen Lehre zu betrachten, doch ists an ihnen, zuzugestehn, daß diese Quelle eine Auslegung, die Auslegung einer kirchlichen Macht erfordert und daß einiges Gewicht aus eben diesem Grunde auch der kirchlichen Ueberlieferung beiwohnt[72]: gerade wie im Staate das Gesetz nicht bestehen könnte ohne die befugten Ausleger und wie auch hier, neben den geschriebenen Statuten, dem überlieferten (Gewohnheits-) Rechte eine Geltung gegeben wird.