So wird die Menschheit, in diesem Sinne zum ersten Male, die Augen aufschlagen: sie wird sich kennen lernen, die Zeit ihrer Mündigkeit ist damit erfüllet. Je mehr sie, auf diese Weise, allmälig an Selbstkenntniß wächst, je allgemeiner das psychologische Bewußtsein in den Massen um sich greift, desto möglicher wird es, das Höchste zu erreichen, was die Geschichte kennt — den vollkommenen Staat.

Es soll nämlich der Staat sein das Abbild der natürlichen, ewig dauernden, von Gott gepflanzten Stufenordnung. Da, wo die Stände des Staats zusammenfallen mit den geistigen und moralischen Klassen, wo der Adel wahrhaftigen Adel, wo der Mittelstand die mittleren, der niedere Stand die niederen Naturen und der Pöbel den innern Pöbel in sich begreift[64]; — da ist die äußere Ordnung vollendet, weil sie die innere ausdrückt, da ist das Menschenwerk eins geworden mit der göttlichen Stiftung, da das Reich Gottes lebendig geworden auf Erden.

Dieses höchste Ziel, (welches wie ich glaube mit so wenigen Worten scharf genug bezeichnet ist) kann freilich nur im Lauf der Jahrhunderte, nachdem die neue Wahrheit ins Fleisch und Blut der Menschen gedrungen, zur ausgeprägten Darstellung reifen. Aber genug, wenn ein Ideal nur vorhanden ist, wonach mit sichrem, unverrücktem Schritte gestrebt werden kann; und die Wirkung schon allein der psychologischen Lehre, wäre sie erst vorhanden, würde für die Gegenwart von unermeßlicher Bedeutung, für die socialen und politischen Fragen schlechthin entscheidend sein.

Denn die demokratische Gleichheit, die im Westen, die absolute Vollgewalt, die im Osten gepredigt wird, sind beide dadurch wie mit Einem Schlage vernichtet, als wiedersprechend dem Charakter der menschlichen Natur. Das Königthum (die fürstliche Gewalt) ist gerechtfertigt als die Spitze der pyramidalischen Ordnung; die Person des Herrschers geheiligt als das Symbol der Gesammtindividuums, welches der Staat und das Staatsvolk bildet. Zwischen ihm und dem Volke, (das durch Vertreter spricht, weil es in Masse nicht reden kann) steht als lebendiges, ewig von unten ergänztes, auf und ab wogendes und doch geschlossenes Mittelglied die geborene Aristokratie des Geistes und Charakters, findbar und erkennbar mit Sicherheit, sobald die psychologischen Gesetze ausgesprochen sind.

Der Geldadel fällt damit in Nichts zurück. Der alte Erbadel bleibt, obwohl als bedeutend nur so weit, als er mit dem geistigen Adel sich zu paaren vermag. Die Gewalten im Staate sind scharf geschieden[65], weil jede auf einer besonderen innern Funktion beruht. Die Erziehung, der Unterricht und die Volksbildung sind fortan auf die höhere Kenntniß der menschlichen Seele gegründet. Jedes Talent, jeder Charakter kann ungehemmt das Höchste erreichen, dessen er von Natur befähigt ist, so bald der Maßstab der Beurtheilung aus dem äußeren, materiellen, ein inneres geworden. Dem Staate wird möglich, Millionen zu kennen, und unter Millionen jedwede Natur auf den Platz zu stellen, der ihr gebührt. Die reichste Entfaltung der einzelnen Persönlichkeit widerspricht nicht der lebendigsten Herrschaft der Staatsidee (welche ja auf tiefem psychologischem Grunde fußt); die Freiheit ist eins mit der Ordnung; und die Mannigfaltigkeit des mittelalterlichen Lebens vereinigt sich im kommenden Staate mit der bindenden Energie das antiken Gemeinwesen[66].

Nicht minder umfassend würde das psychologische Gesetz die äußere Politik berühren; das Verhältniß der Völker und Reiche von Europa, die Organisation der Erde wäre mit ihm gegeben. Die ganze Menschheit bildet ein geschlossenes, innig verbundenes System von Gattungs-, und diese wiederum von Völkerindividuuen. Wenn nun die Bestandtheile des Systems zergliedert, wenn ihre Stellung erkennt, wenn jeder Nation ihre Natur gezeigt, ihr Beruf gewiesen ist, so entsteht jene Ueber- und Unterordnung, aus der, wie wir an andern Orten gesehen, der Friede, die Wohlfahrt und (mit der Zeit) die Staatseinheit des Menschengeschlechts hervorgeht.

Und hierin muß der erste Welttheil den übrigen vorangehen. Die Familien und Nationen Europas müssen sich in ihrer Wesenheit, jede die andere anerkennen, damit freiwillig gehorcht jede Volksnatur, so weit sie ein höheres über sich findet, und ohne Uebermuth herrsche, so weit sie zur Herrschaft berufen ist. Eben hiedurch wird es möglich, die niedern Raçen (in Afrika, Australien &c.) zu erziehen und zu derjenigen Stufe von Civilisation zu führen, welche sie ihrem Wesen nach erlernen können; so wie andrerseits innerhalb eines Nationalkörpers den einzelnen Provinzialcharakteren die richtige Geltung und die organische Stellung zum Ganzen zu geben.

So bleibt jede Nationalität in unverrückter Eigenthümlichkeit an ihrem Platze, während doch Alle Ein großes Band umschlingt; das Bestehende wird in tieferem Sinne geheiligt; die politische Ordnung gestaltet sich zum Abdruck des innern Völkerorganismus, und die Politik wird (wie wir früher gesagt) die Vollstreckerin der göttlichen Intentionen.