Diese Lehren des Christenthums, so göttlich wirksam in der verderbten, durch Sinnlichkeit untergegangenen römischen Welt und unter den rohen barbarischen Massen, mußten in Widerspruch treten zur menschlichen Ordnung, nachdem das Bekenntniß die allgemeine Herrschaft errungen. Doch die Kirche verhinderte den Zwiespalt. Das Christenthum war sichtbar geworden in der irdischen Welt, es hatte sich zu einem Körper gestaltet, der alle Gebiete des Lebens beherrschte, den weltlichen Mächten gebot, und eben durch diese Beherrschung das Irdische zu sich heraufzog und verklärte. Die Kirche selbst hat die alte Kultur gerettet, sie dem christlichen Unterricht beigegeben; allem konnte sie, als Erzieherin, die Weihe geben.

Als aber die Wissenschaft das Gemeingut Aller geworben, als die Kirche dem Staat, als endlich die Religion der Kritik unterlag — da trat der Zwiespalt offen und unversöhnlich hervor. So lange die Gemüthsanschauung des Christenthums mit ihren Dogmen auch den Verstand befriedigte, war die Gefahr noch beseitigt; der Mensch wurde nach allen Kräften, in seinem ganzen Sein von der Einen Wahrheit ergriffen, er blieb, wenn auch der Erde abgewandt, doch gesunde, lebendige Persönlichkeit. In unsern Tagen ist Alles verändert. Wer heute noch festhält am alten Glauben, der muß die Vernunft gefangen geben unter das höhere Gesetz; er versinkt in ein krankhaftes, einseitiges Gemüthsleben, und wohl ihm, wenn er darin nicht untergeht. Das herrlichste, was der menschliche Geist hervorgebracht hat in Poesie, Wissenschaft, Kunst und Politik, ist für ihn nur mit dem schwarzen Stempel der Sünde gezeichnet; das ganze Naturleben verschließt sich ihm, und er wandelt auf Erden, wie einer der ihr bereits entrückt ist, in trauriger und tragischer Unnatur.

Diese Erscheinung ist es, welche man gewöhnlich mit dem Namen „Pietismus“ bezeichnet. Wir wollen es uns nicht verhehlen, wir Protestanten ins Besondere: der so oft geschmähte, von der Menge so leichtsinnig mit dem Vorwurfe der Heuchelei abgefertigte Pietismus[61] ergreift auch die edlen und tiefen Gemüther, erfüllt auch höhere Seelen, (bei denen freilich eine mehr unbewußte als bewußte Freiheit des Geistes ein natürliches Gegengewicht hält); er wurzelt heutzutage mit Nothwendigkeit in dem alten Christenthum, d. h. in dem Mißverhältnisse, worein in Beziehung auf letzteres unsere ganze Kultur gerathen ist. Der Pietismus wird eher nicht aufhören, eine nothwendige Krankheit der Zeit zu sein, als nicht der moderne Verstand, am Ziele der Forschung angelangt, eine klare Stellung zu der christlichen Anschauung gefunden haben wird, eine solche, die dem Gemüthsleben seine Rechte gibt, ohne die Gefangennehmung der Vernunft dabei zu bedingen.

Aber nicht nur das heutige Mißverhältniß, überhaupt jenen alten Zwiespalt der religiösen Konsequenzen und des irdischen Lebens soll die Philosophie versöhnen. Sie soll in das flüchtige Dasein einen bleibenden Selbstzweck legen, allen menschlichen Hervorbringungen unvergängliche, selbsteigene Bedeutung verleihen, und die Ewigkeit ins Leben hereintragen, wie das Christenthum das Leben in die Ewigkeit versetzt hat. Dem Gemüth ists eigen, zu ahnden, zu hoffen und zu sehnen, ins Unendliche sich zu verlieren; der Geist ergreift die Gegenwart, durchdringt das Vorhandene und gibt ihm die höhere Weihe. So auch die Religion und die Philosophie. Diese hebt nicht auf, was jene geschaffen, aber sie thut ein Neues hinzu, sie zerstört nicht das ewige Leben, aber sie schafft eine neue Erde. Erst wenn der Mensch der Ewigkeit, die vor ihm liegt, mit freier Seele gewärtig, aber auch des Augenblicks, worin er befangen ist, im Innersten fröhlich sein kann, erst dann wird sich die Menschheit eines vollkommenen, gerechtfertigten Daseins erfreuen.

Wir wollen nun dem Princip selbst noch näher treten.

Die Spekulation soll uns den Grund der Welt, ihre gegenwärtige Bedeutung und ihr Endziel erschließen. Sie soll die Einheit des Alls uns beweisen, und aus ihr die Trennung Gottes und der Welt, des Schöpfers und des Geschaffnen herstellen. Sie soll uns einen Gott geben, welcher sein Bewußtsein nicht nur in uns finde, sondern in ihm selbst trage, einen Gott, welcher schrankenlos und unendlich, dennoch für uns ein versönlicher sei, das heißt mit welchem ein unmittelbar persönliches Verhältniß uns möglich und nothwendig sei. Sie soll uns mehr als Unvergänglichkeit, sie soll uns die Unsterblichkeit des Ichs geben, und seine Erscheinungsformen konstatiren. Sie soll den Gedankengang Gottes in der Schöpfung nachweisen, und seine ewig nothwendigen Gesetze. Sie soll alle Gegensätze, welche die Welt, (somit auch die moralische Welt) bewegen, auf Einen Gegensatz zurückführen und diesen Einen in der Ureinheit auflösen: also daß im ewigen Kampf selbst die Versöhnung liege und die Nothwendigkeit zur Freiheit werde. Endlich soll sie das Verhältniß der kosmischen Massen zur organischen Welt, und der Erde zum Weltall einerseits, zu den Erdgeschöpfen andrerseits zeigen[62].

In ihr muß die bramanische und buddhistische Weltanschauung aufgehen, der Polytheismus seine Erklärung, der Monotheismus seine Begründung finden, das Christenthum aber gerechtfertigt werden als das höchste Erzeugniß der Einen Seite der menschlichen Seele. Wie diesem mit Nothwendigkeit das Produkt der andern folgen mußte, wie beide sich bedingen und ergänzen, in welcher Ordnung sie gegenseitig gestellt sind, muß klar hervorgehn.

Doch — ich habe bereits vorgegriffen. Wir stehen an dem Punkte, der uns zunächst berührt. Was vor allem die Zeit bedarf, und wovon noch keine Spur vorhanden, ist die Lehre vom Geiste, das ist die Kenntniß der geistigen Gesetze, auf denen aller Organismus, insbesondere der menschliche, als der höchste beruht[63]. Die menschliche Seele muß zergliedert, ihr Bau erkannt, ihre Funktionen nachgewiesen, ihre Entwicklung von der Geburt bis zum Tode nach den einzelnen Stadien beschrieben werden. Erst wenn dieses geschehen sein wird, gibt es ein wahrhaftiges Wissen, sowohl von dem, was in uns ist, als von den Dingen außer uns, als welche sich gegenseitig bedingen.

Aus diesem geht aber einfach hervor die Wissenschaft von den Individuen, d. h. die Wissenschaft der mannigfaltigen Geister und Charaktere, der verschiedenen Klassen und Abstufungen, welche Gott in die menschlichen (somit in alle) Geschöpfe gelegt hat, und die Auffassung jeder einzelnen Persönlichkeit als Einer, untheilbaren, urmäßigen Natur.

Der Kenntniß der einzelnen Individuen folgt die der Gesammtindividuen, das ist der Raçen, der Völker, der Nationen, der Stämme, der Familien. Auf der letztern beruht die Völker- und Staatenstellung auf Erden (denn jeder vollkommene Staat ist der Ausdruck eines Gesammtindividuums); auf der ersteren die sociale Ordnung innerhalb des Staates; aus jener entspringt die äußere, aus dieser die innere Politik.