In dem Allen sind wir, wenigstens Viele unter uns, einig, aber um so uneiniger im Einzelnen. Denn während die Einen der Zukunft harren, ergreifen die Andern, was vorhanden ist. Den Letzteren scheint es kurzsichtig, wo nicht sündlich, an der Wahrheit dessen zu zweifeln, was von ihnen anerkannt worden; und sie selbst sind wiederum in viele Parteien gespalten, deren jede die Anderen bekämpft.
Eine ähnliche Fehde zu beginnen, dazu die einzelnen Philosopheme nach ihrem logischen Gehalt zu zergliedern, liegt nicht in unserem Bereich; es wäre, selbst wenn wir wollten, ein unerquickliches, unfruchtbares Geschäft: was uns berührt, ist die allgemeine Wirkung auf die Zeit und die Menschen überhaupt. Die Einigkeit, welche ein deutsches Princip uns bringen soll, hat von all den vorhandenen Systemen uns noch keines gebracht. Vielmehr sind in Weltanschauung und Glauben die Deutschen zersplitterter als sie jemals gewesen[50]; die Mannigfaltigkeit, und mit ihr die Verwirrung, hat den höchsten Gipfel erstiegen. Dieses sei weder zum Tadel, noch zum Lobe der bisherigen Philosophie gesagt, nur als einfache, geschichtliche Thatsache ausgesprochen. Wäre sonach das, was wir suchen, schon vorhanden: so müßte nothwendig Eines der jetzigen Philosopheme die anderen übersiegen. Dieß könnte vielleicht erst nach Jahrzehnten, ja nach Jahrhunderten geschehen: denn die Wahrheit pflegt langsam Raum zu gewinnen: gleichviel für uns, wenn nur Hoffnung ist, daß es geschehe. Aus der Mischung des Vorhandenen, das weiß Jedermann, kann uns nimmermehr Heil erwachsen. Nun sind aber, wie die Dinge stehen, nur zwei Systeme vorhanden, welche als künftighin siegend möglicher Weise gedacht werden können: das Schelling’sche und Hegel’sche. Alle andern sind von diesen beiden überflügelt worden; die früheren, weil Schelling und Hegel auch von denen, die nicht zu ihren Schülern gezählt sind, als höhere Phasen der großen Entwicklung betrachtet werden[51] die gleichzeitigen und außer jener Reihe in besonderer Eigenthümlichkeit stehenden (z. B. J. J. Wagner, Herbart), weil sie keine Herrschaft in der öffentlichen Meinung, keinen Einfluß auf die Wissenschaft errungen haben, der jenen vergleichbar wäre. An jene beiden also sind wir beschränkt, den Maßstab der Hoffnung anzulegen. Aber indem wir geneigt sind, dieß zu versuchen, tritt uns eine seltsame Erscheinung entgegen. Das ältere und das neuere Schelling’sche System, die Rechte, das Centrum und die linke Seite der Hegel’schen Schule sind so ganz verschiedenartige Dinge, daß es unmöglich ist, die Ideen, welche von beiden Philosophemen in die Welt gerufen worden, als Einheit anzuschauen. Was hat, um das schärfste Beispiel zu nehmen, die Orthodoxie, ja der Pietismus der Hegel’schen Rechte mit der antikirchlichen Aufklärung der jüngern zu thun?[52] Wie, fragen wir uns, wo ist Schelling, wo ist Hegel selbst — wo ihr Princip — und kaum gefaßt, entsagen wir unserem Vorhaben; denn es sind ja nur die alten, längst bekannten Gegensätze der Zeit, die uns hier begegnen.
Nicht die Zeit zu beherrschen oder zu überwinden, hat die bisherige Philosophie vermocht: sie selbst ist nur ein befangenes Kind der Zeit, sie spiegelt nur eben in philosophischer Weise, in ihrer Art die Kämpfe der Zeit zurück. Kaum geboren, zersetzen sich die modernen Systeme, in dieselbigen Bestandtheile, die zu einigen oder zu bezwingen ihre Absicht war; kaum geprägt, verfallen sie demselben zernichtenden Einfluß, der allen Geburten des Jahrhunderts den Stempel einer unauflöslichen Zwietracht aufdrückt. Nur zweierlei konnte im Sinn der Meister liegen: entweder Eine von den zwei Tendenzen, welche um die Weltherrschaft kämpfen, zum Siege zu erbeben; oder ein Neues zu schaffen, und hiedurch das Bisherige zu vermitteln oder zu beseitigen. Wenn jenes, wie so wenig gelang es ihnen, da aus ihrem eignen Schooße die besiegte Tendenz mit erneuerter Kraft hervorging; wenn dieses, was soll uns eine Vermittlung, deren Inhalt so arm, deren Umfang so gering ist, daß sie selbst im Nu den Gegensätzen unterliegt, die sie vermitteln wollte?
Die neuere Philosophie kann von allen Erscheinungen, welche die Sehnsucht der Zeit und der Kampf der Principien hervorgerufen hat, die größte, sie kann als solche bewundernswürdig und unsterblich sein, sie kann die Wahrheit stückweise geahndet und die Grundlage für eine höhere Hand gelegt haben — und sie ist das und hat das in der That — was wir begehren, ein neues, lebendiges Evangelium, das ist sie nicht, jene erlösende und richtende, jene schlichtende und schaffende Kraft, welche die Menschheit verlangt — die hat sie nicht.
Und woher sollte sie ihr auch eigen sein? Bei allem Herrlichen, daß sie geleistet, ist sie doch immer Schule geblieben, eingeschlossen in die engen Schranken der Form und der Kaste, verständlich nur einem kleinen Kreise des Volkes, gebunden an äußere Bedingungen, ergreifend und erweckend nicht den ganzen Menschen, sondern nur etliche Fächer des Geistes, endlich so gekettet an die Terminologie, daß der formale Gehalt das innere Wissen bedingt, ja leichtlich so sehr überwiegt, daß die Wahrheit selbst, das höchste Ziel des menschlichen Wollens, zum logischen Spielwerk herabsinkt[53]. Daher ist, bei aller Systematik, jene wahre, innere Logik so selten zu finden, welche, ohne ein Zuthun von künstlichen Formeln oder rhetorischer Darstellung oder phantasiereicher Anschauung, schon allein durch ihre nackte Reinheit den Geist belebt und erquickt; was hievon vorhanden ist in den Werken der Meister, verliert sich unter den Händen der Schüler, deren größere Masse sich im formalen Gehäuse einnistet, alle Wissenschaften damit bekleidet und sich dann bedünken läßt, sie besitze die Wahrheit, weil sie ein Gerippe von Formeln und Phrasen besitzt, die von ihnen selbst nicht verstanden, von der Menge aber bewundert werden, weil es in der Menschen Art liegt, in Allem, was räthselhaft klingt, einen tieferen Sinn zu suchen[54]. So geschieht, daß in neuerer Zeit die systematische Philosophie mehr des Unheils anrichtet als sie Segen bringt: die Mittelmäßigkeit unterliegt dem Zauber der Formeln, ihre Köpfe werden mit Verwirrung, ihre Gemüther mit Schalheit erfüllt; und ein Geschlecht wächst heran, welches unter der stolzen Einbildung, die schwierigsten Fragen zu bemeistern, die entsetzlichste Hohlheit verbirgt, weil es, durch jene äußere Fertigkeit verführt, noch weniger gedacht und noch oberflächlicher empfunden hat, als es ohne das vielleicht gethan haben würde. Das ist nun zunächst nicht der Meister Schuld (obwohl Hegel durch seine Form Veranlassung genug gegeben hat), wohl aber der heutigen Philosophie überhaupt, d. h. der zunftmäßigen Stellung, die sie unter den Wissenschaften einnimmt, und wodurch sie alle Handwerker der Zunft berechtiget, an der Wahrheit zu pfuschen.
Endlich gesetzt auch, der dogmatische Gehalt der heutigen Philosophie sei genügend — was er in keiner Weise ist —: wo ist der Uebergang von der Idee zum Leben? Wo die Brücke zu den socialen und politischen Dingen? Wo ist irgend eine Heilkraft für die Gebrechen, irgend ein Eingriff in die Entwicklung der Zeit? Darin war Fichte ein anderer Mann und ganz einzig; vor ihm lebte in frischer Eigenthümlichkeit ein Staat, eine Erziehung, eine Politik; und obwohl jedes Kind begreifen konnte, wie unmöglich es sei, seine Gedanken praktisch anzuwenden oder auszuführen, so war doch in seinem Geiste die Brücke geschlagen, sich wenigstens hatte er eine sociale Ordnung geschaffen, und in schwerer Zeit konnte er sprechen zu seinem Volk, so sprechen, daß ihn als einen der Retter aus tiefer Noth die deutsche Nation ewig heilig halten soll. Wenn sein Denken, sein Wollen ein Irrthum gewesen, so war es doch ein großer, herrlicher und lebensvoller Irrthum. Die heutigen Systeme sind kraft- und leblos; wo sie wagen, herauszutreten in’s Freie, versinken sie im Strudel der politischen Parteiung. Und das wahrhaftig zum Glück der Zeitgenossen; denn wehe uns, wenn der modernen Schelling’schen Schule oder den alten oder den jungen Hegelianern vergönnt wäre, nach ihrem Sinne den Staat zu modeln! Wir würden in neue und tiefere Verwirrung stürzen; die Unklarheit, noch leidlich auf dem Gebiete des Wissens, würde unerträglich, wenn sie als politisches Evangelium erschiene. Doch — der Hegelianismus selbst hat gefühlt, wie wenig er berufen sei, das Leben und die Wirklichkeit zu reformiren; einer seiner begabtesten Jünger hat ein ehrliches Bekenntniß der socialen Unfähigkeit abgelegt, und die guten Deutschen für die Gegenwart an die französische Revolution für die Zukunft auf die englische verwiesen[55].
Auch die höchste Philosophie muß in strenger logischer Gebundenheit ihre Sätze entwickeln, auch sie kann nicht Allen begreiflich sein, auch sie wird zunächst nur den Verstand der Menschen berühren. Aber ihre Logik muß, unabhängig von scholastischen Formeln und gelehrtem Beiwerk, jedem, der klar zu denken vermag, begreiflich, ihr Verständniß allen höheren Naturen vergönnt sein, welche, gebildet oder ungebildet, weß Standes und Berufes sie sein mögen, nach Wahrheit verlangen[56]; ihre Wirkung soll alle Seiten der Seele erfassen, so daß die Klarheit, welche geistig über ihr ausgegossen wird, zugleich das Gemüth erwärmt und der ganze Mensch gewandelt wird wie in Verjüngung und Wiedergeburt. Ein tiefes, göttliches Element muß in ihr liegen, welches, auch abgesehen von aller systematischen Entwicklung, die verschiedensten Naturen bewältigt, die Sehnsucht der Geister und der Herzen befriedigt; gleichwie die Religion nicht nur durch ihre Dogmen, sondern mehr noch durch einen innern, kaum auszusprechenden Eindruck die Seelen ergreift.
Das Princip, mit Einem Wort, welches wir begehren, muß von allen Philosophemen, die bisher gewesen, nicht nur im Grade, sondern der Wesenheit nach geschieden sein; die ganze Kette von Systemen von Spinoza an bis auf unsere Tage ist eine der vielen Vorarbeiten, die der menschliche Geist durchlaufen mußte, um zum Ziele zu kommen: die größte, ausgesprochenste, und organisch gerundet. Das letzte Glied der Kette, Hegel, ist sowohl durch die überall sichtliche Ahnung[57], die theils in seinen, theils in seiner Jünger Ideen lebt, als durch die trostlose Unfähigkeit (wie sie jetzt klar genug der Welt vor Augen liegt), die lebendigste und sicherste Weissagung der kommenden Wahrheit. Der Mann, der die letztere uns brächte, würde unter die Philosophen des Tages hineintreten, wie einst Sokrates unter die Sophisten[58].
Ich habe bisher von denen gesprochen, welche des wahren Princips bereits theilhaftig zu sein glauben; aber ungleich größer ist die Zahl der Andern, welche ein solches überhaupt nicht begehren, weil ihnen das Christenthum in seiner Fülle genügend erscheint. Wie weit dieses wahr sei, wie weit nicht, darüber zu rechten, ist hier nicht der Ort; aber so viel ist offenbar: wenn auch Einzelne, und darunter treffliche und redliche Zeitgenossen, einer neuen Erscheinung nicht bedürfen, so kann damit nicht gesagt sein, daß nicht die Zeit im Ganzen eines solchen bedürfe. Ja, sie selbst können, bei vollem Glauben, ein ähnliches Verlangen hegen: sei es, damit der Zweifel, der seit Jahrhunderten die Religion untergräbt, zum Abschluß geführt[59] und der Kampf zwischen Philosophie und Theologie geschlichtet werde; sei es zur Versöhnung der Konfessionen, oder sei es um die socialen und politischen Fragen zu lösen. Der letztere Punkt insonderheit ist es, in dem wir Alle, weß Glaubens wir sonst seien, zusammentreffen. Das Christenthum ist seiner Natur nach unfähig, über diese Dinge Licht zu geben; jede Staatsverfassung gilt ihm das Gleiche, in Despotieen wie in Republiken gedeiht sein stilles Walten, und es ist gerade eines seiner größten Merkmale, daß es unabhängig von allen Einrichtungen überall dieselbe Wurzel schlägt. Es ist nicht nur unmöglch, vom christlichen Standpunkt aus den Staat zu konstruiren: noch mehr, das Christenthum zieht uns von dergleichen Bemühungen ab. Ich komme damit auf einen Gegenstand, der in die untersten Tiefen des Lebens und der Gesittung eingreift, der uns mehr als alle andern Dinge den furchtbaren Zwiespalt unsrer Civilisation offenbart. Die christliche Religion hat von Anfang an das irdische Dasein als ein Zwischending betrachtet, das Zweck und Bedeutung nicht in sich trägt, erst durch ein anderes, höheres bekömmt. Hier unten ist Sünde, Elend und Tod; was hier geschieht, ist befleckt von dem Fluch der verdorbenen Kreatur, die Erde ein Jammerthal, aus dem die Seele sich sehnen muß befreit zu werden. Das Christenthum, mit Einem Wort, hat niemals die Erde geheiligt. Der Trieb, auf dem die Fortpflanzung des Geschlechts beruht, obwohl von Gott ursprünglich gegeben, ist eine Unvollkommenheit, welche die Auserwählten um des Himmelreichs willen besiegen können[60]. Wie sollte es nun das menschliche Treiben überhaupt, und die höchste Spitze desselben, den Staat, heiligen?