Diese Beziehungen allein, zu geschweigen des innern Einflusses auf Glauben und Weltansicht, sind von so umfassender Natur, daß ohne ihr Feststehen weder die Staatsordnung gedeihen, noch die Volkseinheit lebendig fortschreiten kann.
Ja denket euch, auch diese Frage sei wie durch ein Wunder geschlichtet, wir wären im Innern befriedigt, nach außen im Besitz einer anerkannten Hegemonie, das glücklichste, freiste und größte Volk — selbst dann noch müßtet ihr, wenn auch nicht für euch, doch für die Völker, an deren Spitze ihr gestellt seit, einen Gedanken, eine Idee, ein Wort verlangen, um es als Banner voranzutragen, wo die äußere Macht euch verläßt, und eine tiefere Anziehung vonnöthen ist. Wo nichts ist als die äußere Macht, da erkalten bald die Herzen; die Macht der Natur, die euch die wahre Berechtigung gibt, vergessen sie, wenn ihr nicht durch ein geistiges Erzeugniß tief und unauslöschlich den Eindruck der Hoheit ihnen einprägt. Noch mehr aber ihr selbst, würdet im Besitze der Macht, ob noch so gemäßigt von Natur, noch so gerecht und wohlwollend, nur zu bald der Versuchung unterliegen, der kaum ein Sterblicher widersteht. Die Lockungen des Uebermuths, die Gelüste des Despotismus würden auch euch ergreifen und euern herrlichsten Werken den bittern Beigeschmack der Sünde einimpfen. So könnte, was ursprünglich zum Segen der Völker bestimmt war, zuletzt zu ihrem Fluche werden. Davor schützt euch und sie nur ein Gesetz, welches von höherer Hand geschrieben, unantastbar für euch selbst und gleich heilig den Andern, als das Palladium der Zukunft in alle Herzen geschrieben, als das unumstößliche Testament an die Spitze der ganzen kommenden Entwickelung gestellt werden soll. Ueberhaupt jene neue Aera, auf die wir alle hoffen, kann dadurch nicht geschaffen werden, daß, wie früher Frankreich, dann England und Rußland eine Art von Hegemonie errungen, so die wechselnde Laune des Geschicks sich auf einige Zeit zu Deutschland neigte; dergleichen ephemere Zukunft wäre nicht würdig mit Feuer gepredigt und mit Liebe umfaßt zu werden: ein flüchtiger Tagesglanz, in dem weder das Vaterland noch die Menschheit sich sonnen könnte. Die wahre Hegemonie muß von allen, die vorher gewesen, durch Wesen, Bestand und Wirkung geschieden sein: nur auf die umfassendste Grundlage, aus dem tiefsten Kern menschlichen Denkens und Wollens kann sie erhoben werden.
So weiset jede Seite der Gegenwart, weiset jede Frage der Zukunft, weisen die politischen und socialen Gebrechen auf ein gemeinsames Ziel. Und es wäre thöricht, zu erwarten, daß irgend eines der großen Probleme, die uns vorgegeben sind, sich abgetrennt von den übrigen oder zu theilweiser Genüge lösen ließe. Das bezeichnende Merkmal der heutigen Kultur, ihr höchster Vorzug und ihre tiefste Gefahr liegt eben darin, daß unsere sämmtlichen Zustände in wunderbarer Verkettung sich durchkreuzen und umschlingen. Und das am mehrsten in unserm Vaterlande und bei dem deutschen Volk, als dem innerlichsten unter allen. Für uns gibt es keine äußere Größe ohne innere Vollendung, keine politische Einheit ohne die Einheit des Glaubens und Denkens, keine sociale Vervollkommnung ohne philosophische Klarheit, keine industrielle Blüthe ohne sittliche Hoheit, keine Hegemonie ohne geistigen Vorgang. Die feinsten Verzweigungen des praktischen Lebens schlagen ihre Wurzeln in die untersten Tiefen des Geistes. Uns ist nur vergönnt, entweder der Welt ein Schauspiel zu geben, wie sie niemals gesehen hat, und so Großes hervorzubringen, wie es noch keine Geschichte kennt — oder in elendem Siechthume unsre Uebel hinzuschleppen bis der Tod uns erwartet.
Was wir jetzt leben, ist ein trauriges, halbes, freudloses Leben; was wir können, ein Kleines und Weniges, nicht zu heilen unsre Wunden, nur auf Augenblicke den Schmerz zu lindern; was wir wollen, ein Wollen ohne Vollbringen, ohne Halt, Begründung und Einheit. Mitten unter den höchsten Gütern der Kultur, unter den üppigsten Schätzen der Civilisation, umgeben von den lockendsten Früchten der Politik, dulden wir tantalische Qual; die Wasser des Lebens rauschen in der Tiefe und wir verschmachten vor Durst. „Wir gehen alle in der Irre, wie die Schafe, ein jeglicher seinen Weg.“ „Wir tappen nach der Wand wie die Blinden und tappen als die keine Augen haben. Wir stoßen uns in Mittag als in der Dämmerung; wir sind im Düstern wie die Todten. Wir brummen Alle wie die Bären und ächzen wie die Tauben; denn wir harren auf das Recht, so ist es nicht da, auf das Heil, so ist es fern von uns.“[48]
In diesem Dunkel scheinet uns nur jenes einzige Licht. Es hat uns überall geleuchtet, wo alle andern Sterne verbleicht sind und dumpfe Finsterniß uns umfing.
Noch einmal wie vor achtzehnhundert Jahren muß das Wort als der Morgenstern aufgehen in den Herzen der Völker, muß es die Welt erretten als eine Kraft Gottes, selig zu machen alle die daran glauben.
Laßt uns nun in Kürze sehen, von welcher Art es sein müsse. So weit die Eigenthümlichkeit unserer Leiden auf die Gestalt der Heilmittel schließen läßt, so weit können wir errathen, wie etwa das Princip beschaffen sein möge, das die kommenden Jahrhunderte beseligen, das unsrige erlösen soll.
[Kapitel XIV.]
Art und Umfang des Princips.
Indem wir die letzte Hoffnung der Zeit ins Auge fassen, begegnet uns zuerst die Frage: ob etwas dem ähnliches, was wir suchen, nicht schon vorhanden sei im Reiche des Geistes? Wir Alle wissen, daß nur die deutsche Philosophie den Grundstein einer höheren Zukunft uns legen kann. Wir Alle glauben, daß die deutsche Forschung, so mühselig sie vorwärts schreitet, so seltsam der unaufhörliche Wechsel auch Manchen bedünken mag, dennoch ihr stilles Werk noch fördern werde, bis sie, der Vollendung genesen, aus der unbeachteten, verborgenen Hütte heraustritt an’s Tageslicht, um als Sauerteig die Masse der Zeit zu durchdringen. Wir alle sind überzeugt, daß keine Macht der Welt im Stande ist, die Freiheit der Forschung zu hemmen, daß die Philosophie, wo sie nur die Wahrheit sucht, vor keinem Resultate zu zittern braucht, wäre es auch allen Meinungen des Tages entgegen, daß endlich die einmal gefundene Wahrheit sich Bahn brechen muß durch tausend und aber tausend Hindernisse, um zur Herrschaft zu gedeihen im Leben. Wir alle sind der Meinung, daß es nur Einem vergönnt sein könne, die höchste Blüthe der Wissenschaft heraufzuführen[49], und daß die Natur und Persönlichkeit dieses Einen der ungeheuern Sendung entsprechen müsse, womit er betraut ist.