Der hohe Adel der ersten Kammern (auch der reichsunmittelbare, so sehr er sonst sein eigenthümliches Interesse zu wahren hat) verstärkt in der Regel lediglich das monarchische Element, ja er steht oftmals dem Volke noch absoluter entgegen als die Krone selbst, und indem er aufhört, selbständiges Mittelglied zu sein, zerstört er die Harmonie des Staatsgebäudes und schärft den Gegensatz, den zu mildern seine Bestimmung war. Vom bureaukratischen Adel gilt dieß in noch höherem Grade, weil er sich mit dem Throne mehr und mehr identificirt.

Was unsere Zeit beherrscht, die wahre Großmacht der Staaten, vornehmlich in Deutschland und Frankreich, ist der Mittelstand. Durch Talente, Thätigkeit und Erfindungen hat er unbestreitbar die Herrschaft errungen. Aber wehe uns, wenn im Laufe der Jahrzehnten diese Herrschaft in gleichem Maße und in gleicher Weise, wie bisher sich verbreitet. Ihr Hebel ist der Handel, die Industrie und der Reichthum. Die gefallene Erbaristokratie ist einer andern gewichen — aber in Wahrheit keiner bessern: dem Geld-Adel. Von diesem Gift des Mammons ist jeder Fortschritt der Civilisation getränkt, und je weiter wir der Vervollkommnung uns zu nähern scheinen, desto unwiederbringlicher gehen die höchsten Güter der Menschheit, die alten Tugenden und die alte Kraft dem Untergange zu. Alles löst sich auf in der allgemeinen Sucht unserer Tage, in der Sucht nach Erwerb. Ja, die edelsten Bestrebungen des deutschen Patriotismus, jene Reihe von vaterländischen Entwürfen, die sich an den Zollverein, an deutschen Handel und deutsche Industrie knüpft, die ganze sonst so tröstliche Agitation, führt uns nur eben noch tiefer an den Abgrund, sie wirft uns dem Götzen des Tages, der Geldmacht, in die versengenden Arme.

Dieses Alles bedenkend, sucht der redliche Mann nach dem einzigen Troste der übrig bleibt, nach der erquickenden Hoffnung, die uns so vielfach gerühmt und als das höchste Zeichen der Zeit gepriesen wird: ich meine die Macht der Intelligenz. Doch ist’s gerade dieser Trost, der uns in die tiefste Trostlosigkeit zu versenken gemacht ist. Denn im Gewirr der Principien, im Gewühl der Parteien, in der Fluth der Leidenschaften, ist die Wahrheit verloren worden: die Intelligenz eine käufliche Waare, dem Meistbietenden Preis gegeben, der Geist das niedrige Werkzeug der augenblicklichen Plane — Alles verstrickt in einem gräulichen Knäuel unreiner Leidenschaften, den die Edelsten kaum mehr zu entwirren vermögen, Alles verwickelt in ein Gewebe von Lügen, das auch die Reinsten unbewußt umfängt. Und mit der Wahrheit, wie immer, ist auch die Gesundheit dahin. Der Geist, wo nicht feil, unterliegt doch der allgemeinen Krankheit; er beginnt ein buhlerisches Spiel mit sich selbst zu treiben, versenkt sich in heuchlerische Schmerzen oder ekle Selbstvergötterung; das Höchste und Heiligste, was Gott dem Menschen gegeben hat, wird auf diese Weise in einer Art von Selbstbefleckung entweiht.

Unter allen Wunden unserer Zeit ist diese die tiefste. Denn die Religion, welche früherhin den Geistern ihr Maaß, den Gemüthern ihren Halt und ihre Wahrheit, und allem menschlichen Thun das Gepräge eines gesunden einheitlichen Charakters gegeben hat, ist durch den Zweifel untergraben; die Moral, von den alten Gesetzen entbunden, bleibt dem Einzelnen überlassen, und das heutige Geschlecht geht frei und ungezügelt seine tausendfältige Bahn. Talente, die sonst das allgemeine Beste befördert haben würden, gehen dadurch unter, und die Intelligenz gereicht dem Vaterlande fast ebenso sehr zum Verderben als zum Heile. Wenn erst der Geist sich selbst verliert, wenn die Grundlage, aus der er sich entwickeln soll, Frische und Natürlichkeit der Gemüther, zerfressen ist, wenn er sich künstlich steigern muß, um noch Etwas zu sein[45] — dann ist das höchste Verderben der Civilisation erreicht, und die ganze Welt scheint gereift entweder zum Tod oder zur Vernichtung durch eine neue Barbarei.

So herrscht in unsern Tagen entweder die Militärmacht, das ist die Gewalt — oder das Geld — oder die Lüge[46]. — Das ist das fürchterliche Bild der heutigen Zeit: dasselbe Bild, das uns, wenn wir in die Geschichte zurückschauen, die letzten Stadien der größten Epochen zur ewigen Warnung enthüllen. Denn die Lüge der Sophisten und der entwickeltste Luxus hat geherrscht als Griechenland fiel; militärische Gewalt verbunden mit der pikanten Verdorbenheit der Geister und der Hingebung an den Comfort war übermächtig im sinkenden römischen Reich; und die Unwahrheit war es, nebst jener geistigen Buhlerei, was am Ende des Mittelalters (im Zeitalter Leos X.) die Hierarchie dem Untergang überliefert hat. Wer diese Dinge nicht fühlt, dem werden sie mit Worten nicht in die Seele getränkt, aber wer sie fühlt, (und gewiß sind deren nicht wenige) der wird auch fühlen, daß unsere Zeit, wenn jemals eine, der rettenden Kraft von oben bedarf um nicht unterzugehen; nach dieser Kraft, nach Erlösung wird er seufzen.

Was ist’s also, dessen die bürgerliche Gesellschaft bedarf, um sich zu reinigen? Statt des alten erstorbenen Adels will sie einen neuen, höheren, der zwischen Völkern und Fürsten lebendig vermittle, gegen die Geldmacht ein ungeheures geistiges Gegengewicht, damit die industrielle Bewegung, die uns ohne dieses ins Verderben zu führen droht, einem höheren Leben diene, gegen die militärische Gewalt das einfache aber unbesiegliche Bewußtsein freier Bürger und gegen die Lüge die Wahrheit selbst. Denn die Wahrheit allein, wie sie frei macht von dem Taumel der Leidenschaft und dem Gewirre der Parteien, kann auch dem Geist die Gesundheit wieder geben, die er verloren hat, seit das Bestreben der neuern Zeit, in ihm allein das Heil zu finden, uns dem Gemüthe entfremdet und ihn, gesondert, seiner eigenen, zehrenden Unruhe überlassen hat. Jenes Bestreben ist ein wahres, und die Civilisation, um ihre Spitze zu erreichen, müßte wirklich durch eine Anzahl krankhafter Auswüchse hindurch gehen. Die Ueberbildung führt uns zur Natur zurück. Erst wenn der Geist erreicht hat, wornach er trachtet, erst entledigt der schweren Bürde, die er trägt, kann er wieder gefunden, und mit ihm tritt von selbst das Gemüth in seine alten Rechte; denn die Harmonie stellt sofort sich wieder her, und die höchste Kunst ist gleich der höchsten Einfalt.

Das Alles will sagen: ein Princip verlangt die Zeit, um die falschen Gewalten zu zerstören, neue zu schaffen, und die Wahrheit zu verkünden.

Wir sind noch nicht zu Ende. Setzt, die Uebel, wovon bisher die Rede, seien geheilt. Die bürgerliche Gesellschaft sei vollkommen in ihren Bestandtheilen und ihrer Verfassung; setzt, der Staat könne ohne einen höhern Durchgang sich selbst im Laufe der Zeiten genug thun: so bleibt euch Eine Frage zurück, ungelöst und unauflöslich, sie allein gewichtig genug um alle Vollkommenheiten, die ihr nach Jahrhunderten erreicht habet, zu nichte zu machen — ich meine das Verhältniß des Staats zur Kirche. Ein solches zu schaffen, organisch, bestimmt und friedsam, wie es sein soll, dahin reicht kein gewöhnliches Wissen, wenn es noch so tief, keine bisherige Kunst, ob sie noch so hoch ist. Wollt ihr die Kirche belassen in ihrer Wesenheit, so steht euch ein ewiger Kampf bevor, denn der Kirche ist unmöglich der Staat als gleich geschweige als überlegen anzuerkennen, so lange sie ihres göttlichen Ursprunges eingedenk sich selbst als von oben herreinragend in alle menschliche Entwickelung, als Erzieherin des Menschengeschlechts betrachtet. Wollt ihr sie aufheben, so habt ihr die Wahl, entweder sie zu zerstören oder ihr durch euere Kraft einen Impuls zu geben von so gewaltiger Art, daß sie selbst sich in dem Staat zersetzt, in freiwilliger Opferung sich dem Tode weiht. Jenes vermögt ihr nicht, ihr müßtet denn die Axt an die Wurzel legen[47]; dieses noch weniger, es wäre denn, daß der Glaube der Menschen eine Umwälzung erführe, wovon selbst die ungläubigsten Zeiten keine Spur offenbaren. In allen Fällen, die Kirche mag bleiben oder fallen, bedarf der Staat, um mit ihr ins Klare zu kommen, eines geistigen Mittels, von dem bis jetzt noch keine Ahnung vorhanden. Was diese Sache zur wichtigsten der Zukunft macht, ist nicht sowohl der äußere Kampf um die Macht und Kompetenz, der seit Jahrhunderten auf beiden Gebieten geführt wird, als vielmehr die tief eingreifende Wirkung, welche das Verhältniß des Staats zur Kirche auf Erziehung, Bildung und Gesittung, auf Schule, Unterricht und Leben ausübt.