Und hier ist es, wo ein Abgrund vor den Blicken sich zu öffnen, wo die Zukunft des Vaterlandes sich in ein undurchdringliches Dunkel zu verhüllen scheint. Wenn wir die frühere Geschichte betrachten, so zeigt sie uns, daß Deutschland nur in den Zeiten groß und mächtig gewesen, da die Reichsgewalt in Eines Hand vereinigt lag, daß die höchste Blüthe der „germanischen Freiheit“ von jeher mit dem tiefsten politischen Elend verschwistert war, und daß die neuere Zeit eine Entwicklung geschaffen hat, durch welche bereits aus den frühern dreihundert Staaten eine kleinere Zahl von sechs und dreißig geworden; daß endlich dieser Zug, wenn er in gleichem Maße sich in den deutschen Staaten forterhalten würde, allmählig sie alle in Eins verringern kann. Die Einheit von Deutschland — wer unter uns wünschte sie nicht, ja, welcher ist von unsern Fürsten, dem sie nicht als das höchste Ziel, als das theuerste Gut erscheinen müßte? Aber wie dazu gelangen?

Unter den Fürsten, wie unter dem Volke sind Versuche gemacht worden. Das erste deutsche Fürstengeschlecht, das Erzhaus, hat zeitenweise den Gedanken verfolgt, durch immer steigende Erweiterung seines Einflusses die Deutschen zur Einheit zu führen. Sehr thöricht ist es, wie viele gethan haben, die östreichische Politik um eines Gedanken willens, der so nahe lag, dessen Durchführung so großartig und belohnend scheinen müßte, zu tadeln. Aber die damaligen Zeiten waren hiefür nicht reif, und wären sie gewesen — so war die höhere Gefahr vorhanden, daß Deutschland in Oestreich sich verloren haben würde, während Oestreich in Deutschland sich hätte verlieren sollen. Es sollte nicht sein und eine weise Fügung hat es verhindert, welche nicht wollte, daß Großes und Herrliches mit Verletzung heiliger innerer Rechte erzielt werde.

Seit der Konstituirung des Bundes hat Oestreich auf alle Plane der Art, auch für Süddeutschland (der Norden ist durch Preußen gesperrt) verzichtet, und das mit Recht. Denn da die deutschen Staaten Oestreichs nicht so geartet sind, daß sie den innern Gang von Deutschland vorbezeichnen könnten, vielmehr durch ihre Verbindung mit der großen Monarchie darauf beschränkt sind, den übrigen nachzugehen — so würde eine solche Politik nur verderblich wirken. Ganz anders ist Preußen gestellt. Preußen kann vorangehn; es ist im Zollverein bereits vorangegangen, und wäre fähig, auch in der innern Politik voranzugehn. Die deutsche Hegemonie liegt (wenn das letztere geschähe), in seiner Hand. Allein gerade dieser geistige Einfluß ist es, der eine materielle Ausbreitung den Preußen so unmöglich macht, als den Oestreichern. Die höchste Idee der preußischen Politik kann lediglich die sein, in Deutschland aufzugehn, nicht umgekehrt Deutschland preußisch zu machen. Wäre dieß nicht an sich schon klar genug: so fühlt man doch, daß jeder äußere Versuch im letzten Grund an Oestreich scheitern würde, und thut wohl, nach diesem Gefühle zu handeln. So wird eine Großmacht durch die andere, und alle übrigen Staaten eben durch die Großmächte gehindert, in Deutschland um sich zu greifen. Es ist keine partiale Tendenz vorhanden, welche mächtig genug wäre, das Ganze zu überwältigen.

Auch Einzelne aus dem Volke haben den Gedanken gehegt, die deutsche Einheit zu schaffen, aber der Weg, den sie einschlugen, konnte nur über Leichen gehen. Die Versuche, die seit 1815 in diesem Sinne gemacht wurden, waren nicht nur unreif und kindisch, sie waren auch naturwidrig, und die ganze Vorstellung, die ihnen zu Grunde lag, beruhte auf einem tiefen Irrthum[41]. Ehe nicht die einzelnen Staaten selbst so mächtig von dem Gemeingefühl durchdrungen sind, daß die partiale Tendenz in der allgemeinen aufgeht oder sich organisch einfügt, ist keine Einheit gedenkbar. Eine äußere Revolution, gesetzt auch, sie wäre mächtig genug, den bestehenden Zustand aufzuheben und einen Staat zu schaffen, würde unfähig sein, die Verschiedenheit der Tendenzen aufzuheben. Das geeinigte Deutschland würde sofort wieder in ähnliche Theile zerfallen. Die partialen Tendenzen, der alten Form beraubt, worin sie gegossen waren, würden sofort sich neue erschaffen. Wir würden unendlich verloren, Nichts gewonnen haben.

Wenn es sonach den einzelnen Staaten unmöglich ist, sich selbst zum Ganzen zu erweitern, dem Volke noch unmöglicher, von unten herauf die einzelnen Staaten ohne ihr Zuthun aufzuheben — was bleibt uns übrig? Nur das eine, daß beide Hand in Hand gehen. Wenn die Staaten selbst ihren beschränkten Trieb dem Allgemeinen in so steigendem Maße unterordnen[42], daß der erstere im letzteren verschwindet, und wenn die Völker durch ein festgeschlossenes einheitliches Bewußtsein diesen Proceß beschleunigen und wo er nicht von selbst beginnt, ihn dem Staate mittheilen; dann ist eine Einheit gedenkbar, welche, obwohl nur innerlich, doch durch gesteigerte Wirksamkeit Deutschlands nach außen, durch große Ereignisse im Laufe der Zeiten, der politischen gleich werden kann, indem sie die Energie des gewöhnlichen Centralstaates sich aneignet, ohne seine Fehler zu theilen[43]. Da aber von sechs und dreißig Staaten nur die wenigern, d. h. die größeren eine Seite des deutschen Wesens (eine Staatsidee) darstellen: so ergibt sich als natürlicher Gang, daß die kleineren, je nach der innern Verwandtschaft, mehr und mehr in die größeren verwachsen, während letztere, indem jeder in seiner Weise den besondern Ausdruck der Einen Gesammtheit bildet, sich in Ecksteine des großen Ganzen verwandeln.

Wie wollt ihr nun einen so deutschen Sinn den Regierenden und den Gehorchenden zugleich einflößen? Wie den Einzelnen zumuthen, sich für’s Ganze zu opfern, wenn nicht ein deutsches Gesammtgefühl sich erhebt von so gewaltiger Art, wie es in früheren Zeiten gar nicht gewesen ist? Wie eine Politik erschaffen, die nichts kennt, als die deutschen Rücksichten, diesen letzteren alles andere schlechtweg hintansetzend? Dieß geschieht nicht auf dem gewöhnlichen, breit getretenen Wege — nur durch eine unerhörte, harmonische Bewegung der Geister und Gemüther — auf Thronen wie in Hütten — durch unzertrennliche Einigkeit des gebildeten Kerns der Nation, durch ein scharfes und inniges Bewußtwerden des Berufs von Deutschland.

Deutschlands innere Einheit ist bedingt durch die Vereinbarung der politischen Principien, die äußere durch die unbedingteste Gleichheit des Nationalwillens. Beides, die Vereinbarung und die Gleichheit erfordert ein deutsches Princip.

Wenn wir, vom Ganzen absehend, die inneren Bestandtheile der Staaten betrachten, so tritt uns dieselbe Forderung und noch lebendiger entgegen.

Es ist zunächst die bürgerliche Gesellschaft selbst, und die Schichten des Volkes, aus denen der Staat zusammengesetzt ist, was uns mit der tiefsten Besorgniß erfüllt. Zwischen dem Königthum, als Spitze, und der ackerbauenden Klasse, als dem Fundament des Staates, liegt der Adel und der Mittelstand — die beiden Stände, welche der bürgerlichen Gesellschaft Seele und Richtung geben. Nun hat die Zeit den alten Erbadel untergraben. Seine geistige Bedeutung ist verloren, und keine menschliche Kraft vermag sie wieder hervorzuzaubern[44]. Er ist nur der Schatten von dem, was er war, und mit ihm fehlt uns ein wesentliches, unentbehrliches Element des Staats — eine Mittelmacht zwischen Fürst und Volk, wie sie früher von ihm gebildet worden ist. Wie wahr dieses sei, zeigt ein Blick auf die ersten Kammern der konstitutionellen Länder in Deutschland. Im Gefühl der Nothwendigkeit einer Mittelmacht hat man die Pairien geschaffen — aber was sind sie?