Wenden wir uns hinweg von dem traurigen Anblick und betrachten die Aussicht, die die Zukunft uns bietet. Laßt uns sehen, welche Art von Entwicklung die innern Zustände Deutschlands versprechen.

Es gibt in den deutschen Staaten zwei Systeme, die sich schroff gegenüber stehen: das monarchisch-konstitutionelle und das monarchisch-absolute. Die Geschichte sagt uns, daß das erste, obwohl in der heutigen Gestalt kein deutsches Erzeugniß, der deutschen Natur mehr angemessen sei. Die Rechte der Freien an der Staatsgewalt sind so alt als das deutsche Volk, und die ständische Verfassung des Mittelalters hat nicht nur Gesetzgebung- und Besteurungs-, sie hat Regierungsrechte und das Recht des bewaffneten Widerstandes geübt, während die neuen Konstitutionen der Krone eine wahrhaftige Souveränetät gegeben haben. Diejenigen also, welche nicht müde werden uns zu sagen, es liege darin ein Grund von Freiheit, der dem Charakter des deutschen Volks widerspreche, verdienen mit Verachtung abgewiesen zu werden. Ganz anders die kleinere Zahl von ehrenwerthen Männern, denen die konstitutionelle Verfassung widrig erscheint, weil sie vom Ausland her ohne tiefere Begründung auf deutschen Boden verpflanzt worden, und weil die deutschen Kammern, trotz den edlen Bestrebungen, die sich vielfältig geoffenbart, trotz so mancher Verhandlungen, die an Gediegenheit, Muth und Kenntnissen allen andern gleich zu achten sind, dennoch im Ganzen und Großen die Sache des Vaterlandes, das Wohl und die Freiheit von Deutschland nur wenig gefördert haben. Sie haben Recht[39], aber Unrecht würden sie haben, zu verkennen, daß die Gebrechen des konstitutionellen Systems uns nicht berechtigen, das absolute zu preisen. Jenes ist aus einer Mischung des romanisch-liberalen Princips mit der germanischen Freiheit, aus der Zusammensetzung französischer und englischer Bestandtheile hervorgegangen, dieses aus der bureaukratisch-militärischen Monarchie, welche von Richelieu und Mazarin gegründet, von Ludwig XIV. vollendet, nach dem dreißigjährigen Kriege um sich gegriffen hat, und freilich wohl durch die Verfallenheit des alten ständischen Staats vorbereitet gewesen ist. Beide also theilen den romanischen Ursprung, das letztere noch in höherem Grade, und wenn das eine uns in eine geistige Verbindung mit Frankreich setzt, welche ihr Uebles hat, so bringt uns das andere in eine Abhängigkeit von Rußland, welche dreifach von Uebel ist. Genug: welches von beiden das deutschere, und daher unser würdigere sei, darüber kann kein Zweifel sein.

Aber eben so wenig darüber: welches von beiden in der Gegenwart das Uebergewicht behaupte. Die Großmächte, mit andern Worten, das bureaukratische System, beherrscht den Bund. Es liegt in der Natur der Dinge, daß die zwei ersten Staaten von Deutschland die Richtung der andern maßgebend bestimmen, daß das konstitutionelle System von dem ihm entgegengesetzten verhindert wird, seine Konsequenzen auszubilden.

In diesem Zustande, in so ungesundem Zwiespalt, kann Deutschland nun und nimmer verharren. Entweder die östliche Hälfte muß über die westliche oder diese über jene siegen. Da aber das undeutsche Element zu kraftlos ist, um das deutschere zu besiegen, so bleibt nur der letztere Fall. Und wie soll nun der Sieg errungen werden?

Woher soll Euch die öffentliche Meinung kommen, so stark, so allmächtig, daß sie ganz Deutschland ergreift von oben bis unten, unwiderstehlich und doch friedlich und gesetzlich? Wo findet ihr die geistige Macht, die solches vermag? Merket wohl: Eure Kraft ist nur die verhältnißmäßig größere, sie steht nur als deutschere der minder deutschen, nicht als deutsche der undeutschen gegenüber. Und da die Großmächte Deutschlands Beschirmer nach außen, da sie die Horte der Nationalehre sind, da es eure Pflicht ist, in der Stunde der Gefahr vertrauungsvoll nur ihnen zu folgen — so haben sie überdieß ein Gewicht, das Euch fehlt und ihre Schwäche ersetzt.

Wie also wollt ihr siegen, als nur durch ein neues, drittes deutsches Element? Und woher es erhalten, wo nicht auf dem Wege des Geistes?

Doch es sei. — Setzet, das konstitutionelle System solle allenthalben, wo es jetzt besteht, eine Wahrheit, es solle nirgends mehr der Deckmantel der Willkühr oder das Spielwerk der Launen sein, es solle ungehemmt seine Blüthen und Früchte treiben; setzet, der Westen von Deutschland überwände, so gekräftigt, den Osten. Preußen habe seine Stände, Oestreich eine Charte, der Bund die umgekehrte Tendenz gewonnen; setzet, das Unglaubliche, ja das Unmögliche — und geht nun mit mir noch einen Schritt weiter. —

Ihr seid einig geworden nach innen, der Zollverein umschlingt euch nach außen, mehr und mehr erhebt sich eine deutsche Politik, immer mächtiger wird das Nationalgefühl, immer lebendiger die Allmacht des Bundes — wie nun? Je höher die Einheit, desto größer die Opfer, die das einzelne Glied dem Ganzen zu bringen hat: desto beschränkter die Souveränetät der Staate: desto gebundener die Wirksamkeit der Kammern: desto unmöglicher die Wahrung der konstitutionellen Rechte. „Das unvermeidliche Resultat jeder Bundesverfassung ist Beschränkung der ständischen Steuerbewilligung in einem der wichtigsten Punkte, der will sagen, Beschränkung der Ausführbarkeit der guten Verfassung.“[40]

Armes, armes Vaterland! Die Freiheit kannst du nur zum Schaden der Einheit, die Einheit nur auf Kosten der Freiheit erringen. Jeder Fortschritt nach außen ist für dich ein Rückschritt nach innen, und derselbe Weg, den du im Schweiß des Angesichts zum Ziele der Vollendung gehst, führt dich immer weiter von diesem Ziele hinweg.

Ja, der Staat überhaupt, wie er heute ist, widerspricht der Gestaltung von Deutschland. Denn was in früheren Zeiten in ungeordneter Freiheit lose zusammenhing, ist in der neuen zum festgeschlossenen Ganzen geworden; in absoluten, wie in konstitutionellen Ländern übt die Staatsidee ihre Gewalt, sie verlangt einheitliche Grundlagen, Freiheit nach außen und unabhängige Entwickelung; zusammengesetzte Monarchien bestehen eben so wenig vor ihr als zerrissene Völker. Einen Staatenbund, der in gemessenen Graden sich abstuft, so daß in der Spitze sich alles vereinigt und am Ende nur ein Wille das Ganze beseelt, — den mag sie noch gestatten, wo aber gleiche Berechtigung herrscht, da untergräbt die Föderation sich selber. Je mehr die Staaten sich bestreben wahrhaftig zu sein, was sie sind, desto loser wird die Verbindung, je enger die letztere, desto unmöglicher politische und sociale Ausbildung. Das Ganze blüht nur, wenn das Einzelne, das Einzelne nur, wenn das Ganze welkt.