Alles dieses, sagt man weiter, bestehe nicht ohne Kolonieen, welche zu erwerben in der jetzigen Lage der Dinge unnütz und schwierig, ja fast unmöglich sei. Vielleicht hätten wir bereits eine Anzahl von Kolonieen, die in ihrer Art genügend sein würden, wenn seit einem Jahrhundert nur die deutsche Auswanderung überwacht, geleitet und auf gewisse Punkte koncentrirt worden wäre. Daß dieses künftig geschehe, ist eine der dringenden Anforderungen, unabweislich geboten durch die Menschlichkeit, welche für die, die das Vaterland verlassen, ein neues bereiten, durch die Klugheit, welche daheim der Uebervölkerung steuern soll, ohne den Volkscharakter draußen Preis zu geben, endlich durch die Politik, welche den deutschen Namen auch außerhalb Europa’s zu beschützen und groß zu machen hat. Es ist wahr, für eine gewisse Höhe der Macht sind Kolonieen unentbehrlich. Ohne die Lasten des Mutterlandes zu tragen, können wir durch die Auswanderung ihre Vortheile uns schaffen. Wenn die Deutschen in Amerika und Australien auf bestimmte Gebiete, und zu so kompakten Massen vereinigt werden, daß die Sprache in ihrer Reinheit und die Nationalität in ihrem Wesen unversehrt bleibt, so werden im Laufe der Zeit deutsche Töchterstaaten heranwachsen, welche, obwohl unabhängig, und außerhalb des nominellen Verbandes, doch dem Mutterstaate durch die natürliche Freundschaft des Blutes so viel, und noch mehr ersetzen können, als ihm militärische Stationen in den wichtigsten Theilen der neuen Welt, und im Süden von Asien gewährt haben würden. Eine mächtige Grundlage, um Großes darauf zu bauen, ist in den nordamerikanischen Freistaaten bereits gelegt. Das allein thut unumgänglich Noth, daß von Deutschland aus Alles nach einem umfassenden Plane einheitlich geleitet werde. Alsdann sind wir im Stande Kolonieen zu haben, — und wir werden sie haben.

Nehmet dazu eine deutsche Heerverfassung, wie sie nach dem Muster der preußischen in den übrigen Staaten eingeführt werden kann, eine Volksbewaffnung, in der die Pflicht der Waffen Allen und Jeden gemeinsam ist (die einzige die dem deutschen Naturell entspricht[35],) und die materiellen Bedingungen der Größe sind gegeben. Dem Westen gleich an kommercieller Bedeutung, dem Osten an militärischer Stärke, sind wir beiden vereinigt gewachsen, weil wir beider Stärke in einem Maße vereinigen, wie kein anderes Volk in Europa.

Ueber dem allem hat uns die Vorsehung mit einer Natur begabt, welche, obwohl verdunkelt und verhüllt im Laufe widriger Zeiten, dennoch bis auf diesen Tag eine Kraft in sich birgt, die weder an Art noch an Umfang in der heutigen Welt einen Nebenbuhler zu scheuen hat. Wollte Gott, ich könnte sie schildern, diese Natur, schildern wie sie ist in den innersten Tiefen, und den Schleier hinwegheben, dessen trübe Hülle sie den Augen der Deutschen selbst verdeckt. Aus dem finstern Umhange von tausend entstellenden Fehlern würde rein und klar ein wunderbares Bild herauftauchen. Denn jetzt zwar liegen die schwachen Seiten der Welt vor Augen, und jene Art von Tugenden, die sich nach dem gegebenen Fall nur zu leicht in Fehler wandeln, aber den Kern der Natur, den sieht sie nicht, faßt sie nicht und ahnt sie nicht. Noch ist deutsche Treue und Ehrlichkeit gepriesen, und soll es, so Gott will, immerdar bleiben; doch die, die sie zum Theil spottend preisen, wissen nicht, daß in den geduldigen Gemüthern eine Stärke und Ausdauer wurzelt, die am Ende aus dem schlammigsten Grunde ihre Blüthen treibt. Man bewundert wohl den deutschen Geist und das deutsche Wissen, erstaunt über die Tiefe der Gedanken und den unermüdlichen Fleiß, der alle Zeiten und Völker an sich zieht; aber welch erschütternder Thatkraft die denkende Innerlichkeit, welch allumfassender Wirkung das hingebende Verständniß fähig sei, das ahnen sie nicht.

Ja wir dürfen es offen uns selber sagen: die deutsche Individualität, so sehr sie in einzelnen Stücken von den übrigen Völkern erreicht und übertroffen wird, überragt, als Ganzes betrachtet, sie alle. Es gibt nur zwei Nationen in Europa, die mit der deutschen sich zu messen vermögen: die englische und französische, denn die andern sämmtlich sind trotz eigenthümlicher Vorzüge niedriger gestellt. Mehr Witz, Feinheit des Geistes und logische Leichtigkeit alles das was Esprit heißt, haben die Franzosen; nichts destoweniger ist an Stärke, Umfang und Tiefe der deutsche Geist dem französischen hoch überlegen[36]. Die Engländer haben, was man gewöhnlich Charakter nennt, in höherem Grade, aber das englische Gemüth ist härter, egoistischer, unreiner als das deutsche, und die reelle Thatkraft der Engländer wird von unserer idealen aufgewogen. Ja wäre selbst der französische Geist dem deutschen und der englische Charakter dem deutschen Charakter gleich oder überlegen: — immer noch würde das deutsche Volk einzig, würde es das größte bleiben durch das ihm eigene Gleichgewicht beider Elemente, durch jene seltene Harmonie von Geist und Gemüth, wie sie, die Römer ausgenommen, bei keinem Volk der Weltgeschichte erschienen ist. Diese Harmonie ist so groß, daß uns beinahe keine Eigenschaft zugemessen werden kann, die nicht den Geist und Charakter zugleich träfe. Die Tiefe, Pietät, die Stärke, das Langsame, Bedächtige, Durchdringende, die Allseitigkeit und Schmiegsamkeit — alles das, und noch mehr, ist beiden eigen. Daher ist unsere Natur eine ganze, vollendete, aus Einem Stück gegossene; daher jene wunderbare, Andern unerklärliche Mischung von philosophischer Strenge und religiösem Glauben, spekulativer Kühnheit und kirchlicher Frömmigkeit. Es ist unser Größestes, und was noch niemals in diesem Maße vorhanden gewesen, daß unser Denken keine Gränze kennt, unser Zweifel, wo es Wahrheit gilt keine Schranke, wäre sie noch so heilig geglaubt, — und wir doch bleiben wie die Kinder gottesfürchtig und fromm; daß unser Glaube so maßlos ist in der Hingebung, so ängstlich in der Demuth, — und dennoch so trotzig den Himmel bestürmt in der Stunde der Noth und mit so freier Kraft den höchsten Willen bezwingt. Ja auch wir Deutsche haben einen Muth, — es ist nicht der sinnliche Muth der Ehre, nicht die Begierde nach Ruhm, es ist auch nicht die schnelle Entschlossenheit, der praktische Trieb des vollen Lebens — es ist der Muth einer höhern Begeisterung, entzündbar nur für die heiligen Güter des Lebens, für die Wahrheit und das Recht, für das geistige und nationale Dasein, unüberwindlich und siegreich, so lange er mit Gott geht, dem aber kraftlos das Schwert entsinkt, so wie er sich von Gott verlassen, oder nur in losem Zusammenhange steht mit höheren Zwecken. Und wie mit dem Muthe, so ist’s mit allem Thun und Lassen des Deutschen. Allüberall will er eine höhere Beziehung; wo diese fehlt, ist er lässig, uneinig, träge und elend, wo sie ist, kräftig, energisch und groß auch in den kleinsten Dingen. Deßhalb, weil wir gewohnt sind, alles Beschränkte zu heiligen durch höhere Bande, sind wir geborne Weltbürger, gehen hinaus über den Kreis des Vaterlandes und suchen die Menschheit, ringen unaufhörlich zwischen Patriotismus und Kosmopolitismus umher. Und glaubet nicht, daß dieser Zug zum Allgemeinen, eines der stärksten Merkmale des deutschen Naturells, sich jemals verlieren, oder durch ein einseitiges Bestreben vernichtet werden könne. Das, was einmal unzerstörlich in der Natur liegt, wäre vergebens ausreißen zu wollen: wohl aber soll unsere Sorge sein, ihm die rechte Richtung, den wahren Gehalt zu geben. Wir lieben unser Vaterland, aber wir lieben auch die Menschheit; den selbstischen Trieb wodurch der Mensch dem Stamme zugethan ist, der ihn erzeugt hat, wollen wir verklärt wissen durch allumfassende Liebe. Je mehr daher an dem Vaterlande selbst das Schicksal der Menschheit hängt, desto heißer, je weniger, desto schwächer lieben wir’s. Ja es ist bitter zu sagen, und doch ist’s geschehen und wird ewig geschehen, sobald eine andere Nation uns vom Willen der Menschheit und vom Wehen des Weltgeistes beseelter erscheint als wir, — sobald auch verlassen wir uns selbst, und eilen ihr zu. So haben wir den Franzosen gethan, — nicht dem kleinen beschränkten, französischen Volk, sondern dem Geiste der Menschheit, den wir in ihrer Philosophie, in ihrer Freiheit zu finden vermeinten. Darum ist der Deutsche unendlich groß entweder, oder unendlich klein; und sein Vaterland, obwohl er sich so treu, wie die andern alle dafür zu opfern weiß, wird ihm dann nur Alles sein, wenn er in ihm die Menschheit zugleich lieben, wenn er es als Centrum der Menschheit betrachten darf[37]. O tadelt ihn nicht, diesen großen herrlichen Zug, dies einzige Geschenk, das der Höchste uns allein unter allen Völkern der Geschichte und für alle verliehen hat[38]. Denn obwohl wir schon Jahrhunderte lang sein Opfer gewesen, so ist es doch, einmal erkannt, nur der Stachel, uns zum Höchsten zu treiben, nur der ewige Mahner, der uns gebietet, entweder hin oder her zu schwanken zwischen dem Vaterlande, das uns theuer, und der Menschheit die uns theuer — oder selbst die Erstlinge der Menschheit, zu sein, und den Geist der Geschichte mit unserm Geiste zu verschmelzen, damit wir uns selbst im Ganzen, und das Ganze in uns umfassen mögen. Darum aber, wenn das Letztere geschieht — wo ist eine Kraft, die sich dieser vergleichen ließe, wo eine Gewalt, die nicht vor dem Hauche der dreifach gegürteten Liebe, der Vaterlands-, der Menschheits- und der Gottesliebe in den Staub sänke?

Wenn so die deutsche Natur im Allgemeinen den Stempel der geistigen Oberhoheit trägt: so ist sie überdieß im Einzelnen mit einer Fülle von Talenten gesegnet, wie sie in solcher Vereinigung keine Nation besitzt. Politische und militärische, philosophische und wissenschaftliche, poetische und künstlerische, musikalische und sprachliche, industrielle und nautische, merkantile und technische Gaben — alles das ist uns so reichlich zugetheilt, daß wir es in den einzelnen Stücken jedem Volke gleich, in einigen zuvor thun. Politische Gaben habe ich zuvörderst gesagt, und das mit Absicht, weil dem größten und wichtigsten Talente der erste Platz gebührt. Es ist nicht von den diplomatischen Künsten, von dem Spiele der Intriguen die Rede, welche Franzosen und Italiener in Europa gelehrt, (obwohl wir leider auch hier unsere Meister gehabt) noch auch von der Habsucht oder der Gewalt, welche leichtlich zum Ziele kommt, weil sie kein Mittel scheut: ich meine die Politik als die hehrste aller Künste. Wenn das ausgesprochenste Talent zu organisiren und zu verwalten, die ausgebreitetste Uebersicht, die größte Allseitigkeit, die angeborne Leichtigkeit, sich in alle auswärtigen Verhältnisse und Charaktere zu finden, der höchste geschichtliche Sinn, und die reichsten Fülle der leitenden Gedanken (noch abgesehen von den moralischen Bedingungen) zur Politik befähigt; dann gewiß ist kein Volk Europa’s dazu in dem Grade befähigt als das deutsche.

Zu all diesen Eigenschaften gesellt sich noch eine schon oben berührte: das gehaltene Maaß von intentionellem Reize, das unsern Kräften beigegeben ist. Unser Wille überschreitet niemals unsere Kraft; ja vielleicht ist er zu träge für sie. Das hat uns Manches gekostet, darin liegt zum Theil das Phlegma, womit gemeinhin der Deutsche charakterisirt wird, darin, daß wir nur durch innere Vorgänge getrieben werden können zu handeln, Großes zu thun, die Kraft zu brauchen, nicht durch äußern Anreiz; und Thoren mögen die Lebhaftigkeit der französischen Intention bewundern, wenn sie beständig hinausgeht über die innere Kraft und beständig wieder zurücksinkt; uns ist jene Eigenschaft der Bürge des deutschen Berufs in Europa, der Bürge der Hegemonie. Darin gerade, daß Deutschland niemals die Gränzen seiner Sendung überspringen, niemals erobern und umwälzen, niemals in frevelhaften Versuchen die Welt erschüttern wird, darum findet Europa den Frieden, die Erde den Segen. Ja die Deutschen selbst würden, auch im Besitze der höchsten Macht, sich nicht als regierende Gewalthaber, nur als die ersten Diener einer höhern Ordnung, als die Priester eines göttlichen Reiches würden sie sich betrachten. Konservativ sind sie, und sollen sie sein im höchsten Sinne des Worts, kein heiliges Verhältniß soll von ihnen betastet, keine Gränzen der Natur verrückt werden. Im Gegensatz zur Diktatur, welche Rom einstmals geübt hat, ist Deutschland zum konstitutionellen Königthum in dem großen Gemeinwesen bestimmt, das Europa heißt. Gleich der fürstlichen Macht im wohlgeordneten Staat, soll das königliche Volk, als die Spitze des germanischen Adels, in Eintracht mit den andern Gewalten die oberste Leitung führen, die bindende Einheit wahren, den aristokratischen Druck der Einen, die demokratische Unruhe der Andern ermäßigen, den Mittelstand beschützen, den Pöbel erziehen, ohne doch die Freiheit Aller zu beschränken.

So ist Deutschland das gesegnetste Land Europas, wuchernd von innern und äußern Schätzen, der Mittelpunkt der civilisirten Erde; das deutsche Volk, das geistigste, edelste, in allen Theilen gleich gebildetste, talentvollste Volk in Europa, ausgestattet mit königlichen Gaben, das gottbegnadigtste, das die Geschichte kennt.

Und dieses Land ist der Spielball der Nationen, dieses Volk ohne Leben und Würde — ja beide, Deutschland und das deutsche Volk, sind in einem gewissen höchst wichtigen, im offensiv-politischen Sinne gar nicht vorhanden in Europa.

Wäre dies nicht Thatsache, täglich fühlbare Thatsache — der Verstand des Verständigsten könnte daran zerscheitern. Und er würde es, bliebe nicht eben der Trost, daß die Deutschen nur sehr klein oder sehr groß zu sein verstehen. Ich habe gezeigt, was Deutschland sein kann, und sollte nun zeigen, was es ist. Man erlasse mir den Beweis unserer Nichtigkeit zu führen, den Abstand zu schildern. Sagt mir nichts von Oestreich und Preußen! Wenn sie Deutschland in Wahrheit vertreten, warum herrscht doch die russische Gewalt, warum der englische Egoismus in Europa, warum brüstet sich französische Anmaßung? Wenn sie in außer-deutschem, in eignem Geiste handeln, wie gehören sie hierher? Was jetzt vorhanden ist von Deutschland gleicht einer unsichtbaren Kirche, vielleicht wirksam hin und wieder, aber unfähig sich lebendig zu bethätigen und zum kräftigen Körper zu gestalten. In dem einzigen Worte „Ohnmacht“, Ohnmacht nach Innen, Ohnmacht nach Außen, kann sich das deutsche Volk bespiegeln, wie es leibt und lebt. „Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist matt.“

Wo das Uebel im Ganzen so tief liegt, da fruchtet’s weniger die einzelnen Mängel zu beleuchten; nicht als wäre das nicht nothwendig oder der Mühe werth, sondern weil die Beleuchtung hier nimmermehr wirkt, was sie anderswo wirkt; weil es zahllose Dinge gibt, worein die Nation von oben bis unten die klarste Einsicht hat, deren Abschaffung dem simpelsten Verstande sich aufdrängt, und welche dennoch fortwuchern trotz dem ausgesprochendsten Willen der öffentlichen Stimme. Die Jahre zu berechnen, welche auf dem herkömmlichen Wege hingehen werden, ehe der Zollverein Hannover und Meklenburg bezwingt, die Jahrzehnten ehe er das Meer und ganz Deutschland umfaßt, ehe er auch dann noch ohne kleinliche Rücksichten und mit Kraft zu handeln beginnt, ehe unsere Ströme von Zöllen und ihre Mündungen von Lasten entledigt sind, unsere Auswanderung überwacht und organisirt ist, ehe wir gleiche, öffentliche Gerichtsverfassung, ehe wir gleiche, volksthümliche Wehrverfassung haben; die Jahrhunderte endlich, ehe die außerordentlichen Zeitläufte vorüber sind, in Anbetracht derer die Presse belastet worden ist — alles das zu berechnen wäre thöricht. Denn da die Nation über die meisten ihrer Gebrechen, wenigstens der äußern, nur Eine Meinung hat seit Jahren, und dennoch unfähig ist, diese Meinung geltend zu machen, so fehlt ihr wohl weiter nichts als die Kraft. Der Stader-Zoll allein, ganz allein wäre hinreichend, den andern Nationen die tiefste Verachtung gegen unsere Erbärmlichkeit einzuflößen.