Wir haben Europa durchwandert und stehen jetzt still. Was sich aus der Betrachtung ergeben hat, ist in Kurzem folgendes:

In allen Ländern Europa’s, und zumeist in den zivilisirtesten, ringt das Bewußtsein und der Glaube der Völker, ringt der Instinkt und der Wille der Staaten nach neuen Haltpunkten. Solche zu schaffen sind die Einen zu erschöpft, die Andern zu jung und zu unreif, die Dritten von zu einseitiger Kraft. Deutschland allein ist durch Natur und Gegenwart befähigt, ein Princip zu erzeugen von europäischer Wirkung.

Ganz Europa strebt nach einer festen Organisation seiner Glieder, und findet sie nur in natürlicher Ueber- und Unterordnung. Deutschland allein kann diese Organisation dem Welttheile geben, weil nur eine germanisch-deutsche Hegemonie jenes wahre Gleichgewicht bestehen, ja erst entstehen läßt, dem jede andere, sei es englische, französische oder russische zuwiderläuft, weil nur sie in den natürlichen Grenzen bleiben kann, aus welchen jede andere, um zu herrschen, heraustreten muß.

Es ist also nun von dem Volke die Rede, welches Holland, Belgien und die Schweiz in erster Linie, Skandinavien in zweiter, England in dritter Linie sich verbünden, welches den Polen und Ungarn ihre wahre Bedeutung verleihen, die Russen ihrer falschen entkleiden, welches Frankreich und Spanien neu beleben, Italiens Zukunft bestimmen, die griechisch slavische Halbinsel organisiren, die Schicksale des Orients leiten und die fortschreitende Okkupation des Erdkreises überwachen soll: eine Nation, deren Einwirkung hie und da geahnt, selten gefürchtet, nirgend begehrt wird, deren Gegenwart allen Hoffnungen solcher Art Hohn zu sprechen scheint, deren Zukunft den Völkern verschlossen und von ihr selbst nur wenig begriffen ist.

Denn in Deutschland selbst findet die Idee, die hier gepredigt wird, ihre ersten Gegner. Zaghafte Verkennung der eigenen Natur, eingerostete Schwäche, hergebrachte Faulheit, zuweilen auch Billigkeit und Gefühl des Rechtes, mit dem nach bisherigen Erfahrungen jede Superiorität unvereinbar sei. — Alles das erhebt sich schreiend gegen den Gedanken einer deutschen Hegemonie. „Wie, sagt man, in einem Augenblick, wo Deutschland seit Jahren zum ersten Male erwacht, nach innerer Vervollkommnung ringt, wo es den Willen gefunden hat sich selbst zu leben, und schädlichen Außenzwecken zu entsagen, in diesem Augenblick werden die erloschenen Ideen des Mittelalters aus dem Staube der Jahrhunderte hervorgezogen, mit halb Europa soll der Kampf beginnen, Glück, Friede und Wohlstand einem Trugbilde geopfert werden, dessen Verwirklichung, wäre sie möglich, uns zuletzt nur elend machen würde. Wenn auch der Gedanke selbst zu sehr in der Luft schwebt, um je für seine Ausführung Bangen zu erwecken, so verdient doch schon, ihn nur gehegt zu haben, den herbsten Tadel, denn nicht die Ueberspannung der Kräfte, sondern ihr richtiger Gebrauch ist es, was dem deutschen Volke noththut.“

Darauf gibt es nur eine Antwort: Nicht nach außen zu gehen, Eroberungen nachzujagen, draußen die Größe zu suchen, die daheim nicht ist, nicht dazu habe ich die Deutschen ermahnt. Das aber habe ich gesagt: wenn Deutschland in sich und aus sich alle die Kräfte entwickelt, die ihm Gott gegeben hat, wenn es sich selbst zu der Stufe der Vollkommenheit geführt haben wird, die es erreichen will — dann ist es im Nu, und eben dadurch zugleich die erste Macht in Europa. So innig, wollte ich zeigen, ist der Zusammenhang Deutschlands mit Europa, so allumfassend sein Einfluß, daß es sich selbst nicht verändern kann, ohne ganz Europa zu verändern. Trachtet nach dem Einen, habe ich gesagt, und alles andere wird Euch von selbst zufallen.

Seid einig, wollte ich sagen — und zwei Großmächte werden von eurem Willen beseelt und es wird nur eine Macht sein mit zwei Armen. Seid einig — und Holland wird euch den alten Starrgeist opfern, und was deutscher Natur ist, in Belgien und der Schweiz, wird sich mit oder ohne Verlangen nach dem neuen Lichte kehren. Seid einig — und Skandinavien wird euere Hand ergreifen. Seid einig — und England wird euer Bündniß suchen in der ersten Zeit der Gefahr. Seid einig — und Rußland wird zittern, und Polen wird hoffen. Seid einig — und Oestreich auf die doppelte Grundlage von Deutschland und Ungarn gestützt, wird euern Willen zum Gesetz erheben in der Frage der Orients. Seid einig — und Italien begehrt von Euch seine Zukunft; ja durch Eure Einigkeit zwingt ihr Portugal, Spanien und Frankreich einig zu sein. Seid nur ihr selbst — und ihr seid das erste Volk der Erde.

Soll ich den Zweiflern erst zeigen, welche Vorbedingungen der Größe, äußere und innere, materielle und geistige, Deutschland in sich trägt? Ein Blick auf die Karte sagt mehr, als es mit Worten geschehen kann. Sind wir nicht in der Mitte des Welttheils gesetzt, als dessen natürliche Mediatoren? Sind wir nicht das einzige Land Europa’s, das mit seinen vier Enden, wie ein Riese hingestreckt, alle Völkerfamilien zugleich berührt? Liegt nicht Polen und Ungarn uns zur Seite und ist nicht Italien wie ein anderer Zweig aus derselbigen Wurzel mit uns verkettet? Zieht sich nicht Eine Linie deutscher Pflanzungen von Preußen bis nach Finnland hinauf? Ist nicht der Rhein ein deutscher Strom, und ist nicht durch unsere Verbrüderung mit Ungarn auch die Donau? und wenn’s die Ströme sind, warum sollen nicht auch die Mündungen unser sein? Liegt nicht die Nord- und die Ostsee, das adriatische und das schwarze Meer in unserm Bereich? Und ist nicht der Welthandel auf Deutschland als eine seiner ersten Straßen mit Nothwendigkeit gewiesen?

Das sagt uns die Karte, — und wenn wir weiter schauen, welch’ eine Fülle von Macht liegt nicht in dem einzigen Worte Zollverein! Der Zollverein, wenn er erst die sämmtlichen Staaten umfaßt, kann den Holländern, Belgiern und Schweizern Gesetze geben, kann Dänemark, Schweden und Norwegen an seine Spuren fesseln, kann England zwingen mit uns, statt gegen uns zu gehen. Es ist nicht genug, daß er uns erlöse vom holländischen und englischen Joch, daß er unsern Handel, unsre Industrie so groß und frei mache, wie vor Zeiten und die gesunkene Achtung des deutschen Namens in fühlbarer Weise den Nationen wieder einpräge: noch höher ist seine Bestimmung, er soll mit den reichen Mitteln, die ihm zu Gebote stehen, jenes germanische Bündniß heraufführen, worauf unsere politische Zukunft beruht.

Und auch der Schöpfer einer Seemacht kann er uns werden, und muß er uns werden. Denn den Handel, den er geschaffen hat, wird die Nothwendigkeit selbst ihn lehren zu schützen. Sie wird ihm zeigen, daß es kein freies Verhältniß, kein selbstständiges Bündniß mit England gibt, ohne die gleiche Waffe, daß ein vorwiegend kontinentaler Staat, wie Deutschland es ist, einer Seemacht so wenig entrathen kann, als ein Seestaat, wie England es ist, der Landmacht es kann. Wenn die Franzosen, bei ihrem geringen nautischen Talent, zur See groß geworden sind, wie vielmehr wir Deutsche, denen das Geschick in so hohem Maße angeboren ist. Was uns bisher gehindert, war weder Unlust noch Armuth an Mitteln; es war die Zersplitterung, und daß die größeren Staaten, die auch einzeln zur See wohl Einiges vermocht hätten (wie Preußen) in unverhältnißmäßiger Militärmacht sich erschöpfen mußten. Jedes Volk, dem die Natur eine lange Küstenstrecke und dazu Talent für Handel und Seefahrt verliehen hat, kann sofort ohne Anstrengung ein seemächtiges werden, ja die Römer sind es allein auf die erstere Bedingung hin geworden. Es ist lächerlich zu sagen, eine doppelte Streitkraft überschreite unser Können, und zersplittere die Macht, die in Einem Feld sich ungetheilt entfalten könne. So lange dies nicht bewiesen ist, glauben wir billig dem Gegentheil, das die Geschichte gelehrt hat, das unsere Natur uns versichert[34]. Gerade eine Seemacht wird, weil sie nur von Deutschland, nicht von Oestreich, Preußen und Hannover ausgehen kann, eine Einheit nach Außen begründen, von der jetzt noch kaum die Ahnung vorhanden ist.