Es ist nicht anders mit der Principienfrage. Aus dem romanischen Geiste ist das demokratisch-liberale Princip entsprungen, im slavischen wurzelt das monarchisch-absolute; dem germanischen ist das aristokratische eigen. Die Gleichheit der Franzosen ist ein Unding, wie die despotische Gewalt der Russen: die Wahrheit und Freiheit, wie sie die Zukunft bringen wird, liegt in der Mitte von Europa, in Germanien.

Diese Mitte soll nicht ein Mittelding sein zwischen beiden, ohne eigne Kraft und widerlich schwankend zwischen dem Anstoß, der bald von Osten, bald von Westen kommt, wie es bisher in Deutschland gewesen. Geist und Leben selbst, soll sie ein neues Princip aufpflanzen in Europa, auf den Trümmern der erstorbenen Welt, und in den Wüsten der modernen, welches dem demokratischen Zuge Recht und Geltung verleiht, ohne den monarchischen Trieb, als das letzte bindende Element des Staates, zu untergraben. Ehe nicht solch eine Vermittlung gefunden ist, gibt es keine Ruhe, keinen Frieden, keine Einheit in Europa. —

Warum also, ich wiederhole es, ist weder in Territorial- noch in Principiensachen eine organische Stellung der Völker und Staaten vorhanden? In der ersten Beziehung, weil Deutschland nicht ist, was es sein soll: der einige, geschlossene Vorort der germanischen Nationen. In der zweiten, weil Deutschland noch nicht gefunden hat, was es finden soll: die Versöhnung der widerstrebenden Tendenzen, von denen es selbst in zwei Theile zerrissen wird.

Der Kampf der Principien, so furchtbar und hoffnungslos, weil keine Partei zu siegen, keine unterzugehen vermag, raubt Europa die innere, der Zwist der Territorialinteressen raubt ihm die äußere Einheit. Jener hat eine peinliche Unfähigkeit der Staatsverwaltungen (das Juste-mileu), dieses die Unvermögenheit der Politik, auswärtige Dinge zu schlichten, (den Statusquo) erzeugt. Ohne Einheit ihrer Glieder, zerrissen von schroffen Gegensätzen, ohne politische Intentionen, unklar über das was sie soll, unfähig in dem was sie will: so ist, als Ganzes betrachtet, die europäische Pentarchie.

Und diese Pentarchie vermißt sich, das Schicksal zweier Welttheile, ja im weitern Sinne die Regierung der Erde zu leiten. Die Folgen liegen der Welt vor Augen. Eine Frage taucht auf nach der andern, und von ihr wahrhaftig wird sie nicht geschlichtet, wenn sie nicht in sich selbst die Schlichtung findet. Unendliches Blut ist in Griechenland vergossen worden, weil es den Mächten beliebt hat, das erst nach Jahren zu thun, was endlich doch geschehen mußte, und sogleich hätte geschehen sollen. Zahllose Menschenleben sind in Spanien geopfert worden, weil es ihnen genehm war, von beiden Seiten gerade so weit zu interveniren, um den Krieg desto hartnäckiger in die Länge zu ziehen. Welches Princip ist es doch, das Belgien konstituirt und Polen preisgegeben hat, das die Integrität der Türkei verkündigt und dem Pascha von Aegypten die Erblichkeit verleiht? Es sind weder Principien noch Grundsätze, noch auch allgemeine humane Rücksichten vorhanden. So hat man in der orientalischen Sache wohl für Abdul Medschid gearbeitet und für Mehmed Ali, für sie und wider sie hat man hin und hergeredet, geschrieben und gehandelt: der unterdrückten Völker aber ist mit keinem Worte gedacht worden, weder der türkischen noch der ägyptischen. Ueberhaupt, diese Frage des Orients, das schwere Probestück, an dem das heutige Europa sich verbluten wird, um einem neuen zu weichen, sie zeigt allein schon die ganze Hülflosigkeit des diplomatischen Wollens und Thuns. Was war im Orient zu thun? Man wollte, weil ein anderer Ausweg vorerst nicht zu finden, die Erhaltung der Pforte. Mehmed Ali mußte, war seine Macht hiemit vereinbar, belassen, war sie es nicht, unschädlich gemacht werden. Jahre verflossen — blutige Jahre für die Völker, tödtliche für die Herrscher des türkischen Reiches — ehe man hierüber zu einigen Begriffen kam. Endlich wird eingeschritten: und keines von beiden geschieht. Nach einer Reihe kriegerischer Großthaten sieht sich die gerettete Pforte in neue und schwerere Verwicklungen gestürzt, ist Mehmed Ali in geheiligtem Besitz des Errungenen und gestärkt durch verdoppelte Mittel der List, der Intrigue und des Verderbens, sind die syrischen Provinzen der furchtbarsten Anarchie, die christlichen Unterthanen der schändlichsten Bedrückung preisgegeben, ist Europa in neue Krisen verwickelt. Wohl gab es einen Mittelweg: trotz der Pforte und trotz des Pascha im Interesse der christlichen Bevölkerung zu handeln. Aber, wie die Protektion der Pforte schon dem Princip nach den christlichen Interessen im Orient zuwiderläuft, so weiß man auch in dieser Beziehung nur zu zögern. Der Mangel an leitenden Ideen ist so groß, daß die Staatsmänner sie in den wichtigsten Dingen von der öffentlichen Meinung erwarten; erst wenn diese sich unabweislich geltend macht, wird gehandelt. Die Pentarchie besitzt die oberleitende Gewalt: statt sie zu handhaben, läßt sie sich von den Ereignissen so lange leiten, bis der höchste Punkt erreicht, der dringendste Augenblick gekommen ist; dann endlich wird geschlichtet, doch nicht um die Sache selbst zu schlichten, sondern sie vorläufig wenigstens so zu wenden, daß keine der fünf Mächte sich beleidigt fühlt. Ein Tribunal der Völker will sie bilden, das über die Zwiste der Nationen entscheidet; und mit der richterlichen Vollmacht verbindet sie die ausübende, um überall den gefällten Spruch in Kraft zu bringen. Nur schade, daß ihr hiezu gerade die zwei Dinge fehlen, worin die Befähigung läge: die Einheit sowohl als die geistigen und sittlichen Regeln, nach denen Recht gesprochen werden soll. Ohne das, wie mag sie zu Gerichte sitzen? Wie anders, als zum Verderben der Völker? In der That, ihre Wirksamkeit sollte darauf beschränkt sein, sich selbst in Ordnung zu halten; denn trotz unablässiger Bemühungen, vermag sie selbst dieses nicht. Die innern Blößen, die zu verdecken sie sechsundzwanzig Jahre vergebens gerungen hat, treten offener als jemals in diesem Augenblicke zur Schau. Und gleichwohl hört man nicht auf, als Vollendung politischer Weisheit eine Diplomatie zu rühmen, deren höchste Kunst in gelungenen Ausflüchten, in vertagenden Maaßregeln besteht.

Doch, warum die menschlichen Schwächen anklagen, wo ein höheres Schicksal schwer und ungeheuer auf den Völkern lastet, vor dem die Weisheit der Regierenden so flüchtig zerrinnt, als die Einfalt der Thörichten? Große Dinge bereiten sich vor an allen Enden der Erde: das semitische, das indische, persische und östliche Asien wird näher und näher in den europäischen Kreis gezogen, um von daher sich frische Kraft zu erholen: Afrika fängt an, sich uns zu erschließen; und wie im Osten eine erstorbene, im Süden eine todte Welt, so harrt im Westen, über dem Ocean, eine jugendliche, kaum geborene der erziehenden Hand, um aus der kindlichen Regellosigkeit, worin sie sich verloren hat, zur Ordnung und Freiheit zu gedeihen. Das alles ist dem kleinen Erdtheil vorbehalten, den die Vorsehung bestimmt hat, an der Spitze der Völker zu stehen: und eben dieser Erdtheil ist von innern Uebeln ohne Zahl, von tödtlichen Wunden zerrissen. Die vor allem müssen geheilt sein — oder seine Herrschaft gereicht wie bisher so oft, nur zum Fluch und Unsegen der Völker, statt zu ihrem Wohl und Frieden.

Es ist ein großer Gedanke, der dem pentarchischen System zu Grund liegt. Aus den edelsten Völkern, und den vollendetsten Staaten soll eine Macht sich heranbilden, die als höchstes Forum mit Gerechtigkeit und Kraft die Weltangelegenheiten schlichtet. Es ist ein schöner, herrlicher Traum, jene Einheit des Menschengeschlechtes, nach der die edelsten Männer sich von Altersher gesehnt haben, jener ungetrübte Friede, dem in unsern Tagen die Menschheit entgegenzugehen scheint: und vielleicht mehr als Traum. Das alles vermag die Pentarchie nicht zu geben; sie ist das künstlich gestützte, morsche Gebäude, an das die tiefsten Wünsche der Zeitgenossen sich anranken, und nur eben dadurch vor dem Umsturz bewahrt. Aber so weit Harmonie und Friede in der menschlichen Natur überhaupt liegt, so weit jedes Gemeinwesen sie in sich entwickeln kann; so weit kann die ganze Menschheit ihr Ideal erreichen, sobald Europa selbst zu innerer Einheit gelangt sein wird[32]. Dieses geschieht, wenn die Fragen gelöst sein werden, von denen die Welt in ihren tiefsten Tiefen bewegt wird, wenn inmitten slavischer und romanischer Tendenzen ein germanischer Bund die höchste Gewalt übernimmt, wenn ein Volk an die Spitze des Bundes tritt, welches nach großen, leitenden Ideen die Politik von Europa regelt und eine Macht aufrichtet, die unantastbar ist und unvergänglich[33], weil das geistige und sittliche Princip es ist, worauf sie beruht.

Seit Jahrhunderten kennt die europäische Geschichte keine andere Staatskunst, als die Künste des Trugs, der Hinterlist und der Selbstsucht; keine Verträge, als die, so für den Vortheil des Augenblicks ohne Bedenken geschlossen sind, um eben so gewissenlos gebrochen zu werden, keine Allianzen, als vergängliche, haltlose und denen das tiefere Bewußtsein fehlt, keine Kolonisation, als die auf Barbarei und Vertilgung der menschlichen Raçen gegründete. Wie würde es sein, wenn aus dem Schutt so gehäufter Verbrechen eine neue Politik sich erhöbe, mannhaft, offen und edel, ein Abglanz der höhern Weisheit, deren Absichten sie zu erkennen und zu vollstrecken strebte, geheiligt durch die sittliche Würde, von welcher Thoren und Elende sagen, sie sei unvereinbar mit weltlichen Dingen, voll Stärke und Wahrheit, voll Kraft und Gerechtigkeit! So viel ist gewiß; die alte Politik geht ihrem Untergange entgegen; was bis jetzt gedauert, schlägt keine Wurzel mehr hinüber in künftige Jahrhunderte. Denn wie jedwede Kunst, wenn sie zur Künstelei geworden, zurückgehen muß auf die Natur, in welcher allein ursprüngliches und wahrhaftiges Leben liegt: so wird auch die Politik, eben weil sie die höchste Spitze der Unnatur erreicht hat, zu den ewigen Quellen des Rechts und der Wahrheit hinabsteigen, um das zu werden, wozu sie berufen ist: die Erzieherin des Menschengeschlechts.


[Kapitel XIII.]
Deutschland.