[60] Siehe Matthäi 19, 12. Alles das, was hier scharf hervorgehoben ist, liegt freilich mehr als innere Konsequenz denn als ausgesprochenes Dogma im Christenthum; und die Weisheit des Stifters hat niemals an die menschliche Natur eine übertriebene Forderung gestellt. Aber die Ascetik, die Mönchsorden, das Cölibat der Priester — alles das war doch nur nothwendige Folge, nicht Ausartung des Christenthums. Wer sich davon überzeugen will, darf nur die protestantisch-kirchliche Ansicht mit der katholischen vergleichen. Auch Luther hat die Priesterehe nicht dem Cölibat als solchem, er hat sie nur der gemäß der menschlichen Schwäche mit dem Cölibat verknüpften Sittenlosigkeit vorgezogen. Nur in letzterer Hinsicht ist ihm die Ehe besser denn die Nichtehe.
[61] Es ist, wenn man den oben angedeuteten Gang bedenkt, ganz naturgemäß, daß in unsern Tagen die Orthodoxie gewöhnlich mit dem Pietismus zusammenfällt, obgleich beide ursprünglich sehr verschieden sind. Die Heuchelei hat freilich hier gewonnenes Feld, wie überall, wo ein inneres Leben sich zu einer bestimmten äußern, leicht nachzuahmenden Form ausprägt. In der katholischen Kirche ist der Pietismus weniger möglich, weil sie noch immer, als eine sichtbare, ins äußere Leben eingreifende Macht, mit ihrem Kultus auch den sinnlichen Menschen befriedigt.
[62] Da die Spekulation zunächst nicht hieher gehört, so konnte sie hier nur im Allgemeinen berührt werden. Wenn ich übrigens scheinbar widersprechende Dinge zusammen zu stellen scheine, so ist dieß mit Bedacht geschehen.
[63] Mit dem gewöhnlichen Namen: Psychologie. Ich glaube nicht, daß Jemand den Muth hat, diejenige Psychologie, die wir bis jetzt besitzen, (dieses armselige Conglomerat von Notizen und Beobachtungen) nur eine Wissenschaft zu nennen. Der bedeutendste Geist der neuern Zeit, Napoleon, fühlte sich versucht, jene Gesetze zu suchen. „Newton,“ sagte er, „a trouvé la philosophie de l’univers, il faut encore trouver la philosophie du détail.“ Aus seinen Aeußerungen ergibt sich, daß er unter dem Détail den Einzelgeist, die organische Persönlichkeit im Gegensatz zur Materie verstand; zugleich sieht man daraus, wie er sich geistig zu schwach fühlte, sie zu finden.
[64] Das Bestreben, den Staat zum Abdruck der innern Ordnung zu machen, ist das was sich durch alle Staatsverfassungen von den ältesten bis auf die französische Gleichheit hindurchzieht. „Der Mensch soll in dem Range sein und bleiben, den er ursprünglich von Geburt einnimmt:“ dieß war der älteste Grundsatz, aus welchem, weil man die „Geburt“ materiell auffaßte, die indischen und ägyptischen Kasten entsprangen. Rousseau ging von der richtigen Ansicht aus, daß man, um den wahren Staat zu finden, den Ur- und Naturzustand suchen müsse. Statt aber diesen in der Seele zu suchen, suchte er ihn in der frühesten Geschichte. Auch hier hätte er ihn noch finden können (denn die Menschen waren von Anfang an innerlich verschieden), wurde aber dadurch getäuscht, daß die frühesten Menschen und die Wilden, (weil das Bewußtsein der innerlichen Verschiedenheit bei ihnen noch weniger entwickelt ist) noch mehr in der Gleichheit verharren. Rousseau’s Ansicht wäre nur dann die richtige, wenn das Menschengeschlecht von Gott ursprünglich mit gleichen Fähigkeiten geschaffen, im Laufe der Zeit aber (durch eine Art von Fall) in die Verschiedenheit ausgeartet wäre; welches, wie jedermann weiß, undenkbar ist. In jedem Falle mußte diese Philosophie, um sich im Leben zu verwirklichen, umwälzen. Das Ideal, welches oben aufgestellt ist, knüpft an das Bestehende an, und hat Nichts zu thun, als es allmälig zu vergeistigen. Die Elemente sind alle vorhanden, und die Staatskunst besteht einfach darin, sie nach und nach zu sichten. Das psychologische Gesetz ist also vor allem für die von Wichtigkeit, welche an der Spitze der Staaten stehen. Es kann diesem Ideale beständig im Einzelnen nachgestrebt werden, selbst wenn man im Ganzen es für unerreichbar hält.
[65] Z. B. die richterliche und vollziehende.
[66] Daß die republikanische Verfassung nur in kleineren Gemeinwesen gedeihen kann, findet in dem Obigen seine Erklärung. Da, wo entweder keine natürliche psychologische Einheit besteht, oder die Zahl des Staatsvolkes so klein ist, daß ein besonderer persönlicher Ausdruck des Gesammtindividuums nicht nöthig wird, kann das Königthum unterbleiben. Die alten griechischen Republiken waren Staaten der letztern Art, sie beruhten sämmtlich auf Provincialcharaktern. Wäre die ganze griechische Nation in Einen Staat vereinigt worden, so hätte dieser Eine nothwendig monarchisch werden müssen. Die römische Republik ging zu Grunde, nachdem das Staatsvolk an Zahl übermäßig zugenommen hatte. Da aber das römische Volk von Anfang an keine Nation, sondern ein eigenthümliches Specialindividuum war, so bekam hier die monarchische Gewalt niemals die innerliche Weihe des Königthums, sondern blieb imperatorisch. Die Republiken des Mittelalters, Venedig und Genua, hatten in den Dogen ihre monarchischen Spitzen. Die Föderativrepubliken endlich, welche noch vorhanden sind (Amerika und die Schweiz) gehören der ersten Klasse an, ihnen fehlt der psychologische Gesammtcharakter. Die Schweizer sind aus Deutschen und Welschen, die Amerikaner aus Engländern, Deutschen, Romanen und andern Europäern gemischt. Alle Ansiedlungen in fremden Welttheilen werden daher so lange Republiken bleiben, bis aus der gemischten Bevölkerung eine eigenthümliche Nationaleinheit entsteht. — Unter den bisherigen monarchischen Verfassungen aber erscheint, nach dem Obigen, die absolut-bureaukratische als nothwendige Uebergangsform von der mittelalterlichen Ungebundenheit zur Einheit, die konstitutionelle als ein Versuch, den wahren Staat hervorzubringen. Die Franzosen haben neuerlich sogar versucht, eine geistige Pairie zu schaffen, die aber, weil kein innerer Maßstab vorhanden, viel schlimmer geworden ist, als eine erbliche es sein würde. Alle Pairie soll eine Gewalt sein, die auf Geburt, Natur und Rang (entweder leiblich, oder geistig nach einem psychologischen Gesetze) beruht; wo sie an Aemter und willkürlich zu bestimmende Verdienste geknüpft ist, geht ihr Charakter verloren.
[67] Es ist dies eines der dringendsten Erfordernisse des künftigen Princips. „Wenn der Tröster kommen wird, welchen Ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgehet, der wird zeugen von mir.“ (Ev. Joh. 15, 26.)
[68] Und von ihr wohl immer als solche werden bezeichnet werden, wenn auch ihre Begründung in der menschlichen Natur wird nachgewiesen sein. Denn der Gemüthsanschauung erscheint (wie das Jeder an sich selbst, an den Vorfällen des Lebens erproben kann) sehr Vieles als Wunder oder wunderbar, was dem Verstand erklärlich ist; und der Eindruck bleibt, wenn auch der letztere sich dawiderlegt. Was die Kritik betrifft, von der oben die Rede ist, so hat sie uns zum Uebermaße gezeigt, was etwa alles nicht wahr sein könne in den Evangelien. Dies war seiner Zeit sehr verdienstlich. Jetzt muß gezeigt werden, was alles wahr sein könne; und dieß ist wahrscheinlich unendlich mehr, als sich die Weisheit der Schule träumen läßt.
[69] Dieß ist von protestantischen Theologen bereits hinreichend geschehen. Die Anhänger des Hegel’schen Systems (Baur, Rothe) predigen das Aufgehn der Kirche im Staat. Man steht an dieser Selbstverzichtung, daß die vornehmste Sendung des Protestantismus nicht die war, eine andere Kirche zu schaffen, sondern die, den Staat und die Philosophie heraufzuführen.