[70] „Kardinale“ sage ich, weil dieser Punkt von Theologen selbst als der hauptsächlichste Punkt der Trennung in unsern Tagen anerkannt worden ist.
[71] Da das Leben der katholischen Kirche gegenüber den andern Konfessionen sich vorzüglich an ihre Einheit, und die Einheit ans Papstthum knüpft, so ist diese Partei zur Zeit noch sehr lebendig, und manche bedeutende Menschen gehören Ihr an, welche Höheres wollen, ohne deutlich zu fühlen, wie verderblich ihre Bestrebung auf die Einheit des Vaterlandes wirkt. Die ganze ultramontane Bewegung, so viel sie auf der einen Seite beiträgt, um das katholische Kirchenleben reger zu erhalten, ist auf der andern nur das Todes-Besser eines sterbenden Wesens — des mittelalterlichen Primats.
[72] Eine Kirche ohne Symbol ist unmöglich, eine Konfession ohne Bekenntniß (wie schon diese beiden Worte zeigen) ein Unding. Das Bekenntniß kann sich ändern, und wie weit dieß geschehen solle, dieß ist Sache der Plenargewalt der Kirche; aber ein jeweiliger Ausdruck des Glaubens muß allezeit vorhanden sein. Es ist unbegreiflich, wie die älteren rationalistischen Theologen dieses verkannt haben; die neueren sind konsequenter und geben die Kirche geradezu auf. Die Tradition erwähne ich, nicht als ob der Protestantismus Unrecht gehabt hätte, sie als Quelle zu verwerfen, sondern weil ohne traditionelles Leben keine Kirche bestehen kann. Lessing hat sie übrigens treffend verteidigt.
[73] Schon früher ist erwähnt worden, daß die Hochkirche den Uebergang zum Katholicismus bilde. Sie ist weder in den Dogmen, noch in der Verfassung viel verschieden, und neuerdings neigt sich eine zahlreiche Partei, (die der Puseyisten), besonders in den Lehren von der Stellung und der Gewalt der Kirche, den katholischen Ansichten zu. Das charakteristische der englischen Kirche ist also hauptsächlich ihre Entfremdung von der europäischen Gemeinschaft, ihre insularische Ausschließlichkeit (dasjenige, worin Rußland und England sich gleichen). Alles Ausschließliche aber wird durchbrochen werden, dagegen die größte Mannigfaltigkeit bleiben in der verschiedenen Färbung der einzelnen Nationalkirchen.
[74] Siehe was oben über das Verhältniß des Prinzips zum Bramanismns und Buddhismus gesagt ist.
[75] Da dieser Entwicklungsgang hier nur im Allgemeinen berührt werden kann, so verweise ich auf Lessings „Erziehung des Menschengeschlechts“, ein kleines, sehr kleines Buch, in dem aber eine ganze Philosophie der Geschichte (und eine für die damalige Zeit doppelt wunderbare) enthalten ist. Alles, was Lessing von dem kommenden dritten Evangelium sagt, bitte ich den Leser auf das Princip anzuwenden, von dem beständig die Rede war. In der philosophischen Sprache würde man jene drei Testamente die Offenbarung des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes nennen.
[76] 5 Mos. 28, 64. 65.
[77] Weil der Erbadel des Mittelalters sehr häufig zugleich innerer Adel war und geistig über dem Volke stand.