[Kapitel II.]
Aeußere Anschauung der deutschen Geschichte.
Ich gestehe, der erstere Fall muß als der wahrscheinlichere jedem Ausländer erscheinen, der die Geschichte mit kaltem und nüchternem Auge durchläuft, und kann es jedem Eingebornen, der nicht mit der ganzen Kraft des innern Bewußtseins gegen das Schicksal ankämpft, das mit drohender Vernichtung über Deutschland hereinschwebt; und dazu gehört ein Bewußtsein, wie es Wenige besitzen. Wie wenn ein Fremdling, der ohne Liebe, wie ohne Haß die neuere Zeit betrachtet, der überdieß dem deutschen Volke wohlwollen könnte, aber ohne jenen Stachel, der unser Bewußtsein gegen eine Zukunft bewaffnet, die wir nicht zu gestehen wagen, wie wenn er also spräche:
„An die ersten Vorbereitungen der Reformation knüpft sich der Verfall der politischen Größe, der nationalen Einheit. Mit den Kirchenversammlungen von Basel und Kostnitz, mit den Hussitenkriegen neigt sich die Herrlichkeit des Reiches. Wie sie unter Karl V. zum letztenmale sich erhebt, ist es nicht mehr kaiserliche Gewalt; es ist habsburgische Hausmacht; der Letzte, der des Reiches Rechte in Italien vertheidigt, der Erste, der sie, durch Uebermacht gezwungen, an Frankreich abtritt, ist eben dieser Karl V. Der Fluch der Reformation, schon zu Luther’s Zeit in den Kämpfen des Adels, im Bauernkriege entfesselt, entwickelt sich steigend bis zum dreißigjährigen Kriege; Franzosen und Schweden herrschen in Deutschland, und der westphälische Friede, der Grabstein des deutschen Lebens, wird abgeschlossen. Von hieran kein Deutschland mehr, nur Oestreich, Preußen, Baiern, Hessen, und wie sie alle heißen; der deutsche Welthandel, die deutsche Seemacht ist unwiederbringlich vernichtet; die Franzosen unter Louis XIV. herrschen zum zweitenmale über Deutschland; durch englische und habsburgische, nicht durch deutsche Macht wird ihre Herrschaft abgewehrt; aber die Knechtschaft des Geistes, worein sie Fürsten und Völker gejocht, die Willkühr, die sie jenen, der sclavische Sinn, den sie diesen eingeflößt, bleibt fort und fort. Nach kurzer Erholung entzweien sich Oestreich und Preußen, und der Mann, der siegend aus dem Kampfe hervorgeht, der größte, den Deutschland seit langer Zeit besessen, hinterläßt das Reich in tieferer Spaltung, als er es gefunden. Endlich die Revolution; aus ihr die dritte Herrschaft der Franzosen; das alte Kaiserthum stürzt, und nachdem mit Hülfe von ganz Europa Napoleon besiegt ist, wird die Trennung geheiligt; Deutschland schwindet aus der Reihe der Großmächte, und russische Uebermacht folgt der französischen. Das ist Deutschlands Geschick seit drei Jahrhunderten; nach außen hin Verfall, Entehrung, Schmach, Unterdrückung, Zerstückelung; nach innen Verlust der alten Freiheit, Ohnmacht des Volks, Verdorbenheit der Höfe, Feigheit der Gesinnung, Verläugnung des deutschen und kriechende Bewunderung fremdländischen Wesens, die wenigen schönen Blätter besudelt durch Uneinigkeit, Selbstsucht und Unentschlossenheit. Der Bund, der aus dem großen Sturz sich neu geboren hat, scheint ein Schattenbild von Natur und Einrichtung; scheint unfähig selbst in Dingen, die seinem Bereiche angehören, ein kräftiges Wort zu sprechen; die Großmächte, die sich deutsche nennen, werden aufhören, es zu sein, wenn es die eigne Erhaltung gilt, und der erste große Kontinentalkrieg wird Deutschlands letzter sein. Die Vorsehung aber hat gewollt, daß dieß seltsame Volk, noch vor seinem politischen Untergang, alle Kräfte seines reichen Geistes entfaltet, daß es in der Poesie und Literatur, in der Kunst und Musik sich ein Denkmal ewiger Größe gesetzt hat; seine Ideen, sein Geist werden auf die andern Völker übergehen.“
„Das ist die äußere Geschichte, nicht anders die innere. Die Wiedergeburt des staatlichen Lebens, dieß große Zeichen der neuern Zeit, wie ist sie in Deutschland vorgeschritten? In England, in Frankreich hat die Reformation, mittel- und unmittelbar, riesenhafte Umwandlungen hervorgerufen; auf deutsche Grundlagen hin haben andere Völker sich verjüngt. Die englische Freiheit, als der staatliche Ausdruck der germanischen Natur, hat sich dort, der moderne Liberalismus hier aus dem Volksgeist entwickelt; in Deutschland sind, unter einer Unzahl von Oligarchen, die alten Freiheiten unterdrückt, die angestammten Einrichtungen (selbst die alte Oeffentlichkeit der Gerichte) vernichtet worden; an ihre Stelle ist, und das erst in neuerer Zeit, und nur in den kleinen Staaten, das konstitutionelle System getreten, halb von den Franzosen, halb von den Engländern erborgt; aber jedes Jahr, jeder Tag beweist, wie wenig das fremde Institut im Stande ist, in den deutschen Volksgeist einzuwachsen. Aber abgesehen von der Kraft des Volkes, wie ist es um die Fürstenmacht bestellt? Ohne Centralisation, so will es der Charakter der neuen Zeit, keine Macht, darin liegt die englische, die französische, die russische Größe. Woher soll Deutschland, die vielköpfige Hyder, seine Einheit erhalten? Selbst Oestreich und Preußen, wären sie rein deutsche Mächte, würden daran scheitern; es sind Staatenconglomerate ohne die Möglichkeit der Centralisation, es gibt keine östreichische, keine preußische Nation. Vor Allem aber keine Einheit ohne Nationalgefühl, kein Nationalgefühl ohne politisches Bewußtsein. Was will ein Bewußtsein, das im höchsten Fall sich mächtig genug glaubt, Deutschlands Integrität wahren zu können, sonst aber jeder, auch der kleinsten Richtung nach außen ermangelt? Ein Volk ohne politische Tendenz, ohne Möglichkeit der Offensive, ohne Ausbreitung irgend einer Art, ist im politischen Sinne kein Volk.“
„Ohne Ausbreitung, sage ich, irgend einer Art, und komme damit auf das zweite große Werk der neuen Zeit. So weit die geographische Kunde reicht, hat Europa seine Flügel gestreckt. Spanier, Portugiesen, Engländer, Franzosen, selbst Russen, Dänen und Schweden, haben Amerika, Theile von Afrika, die größere Hälfte Asiens und Australien dem europäischen Namen unterworfen. Die Herrschaft über die civilisirte Erde naht sich dem Ziele; die einzelnen Völker werden sich theilen, England und Rußland werden Asien, Frankreich wird Afrika überkommen; und wie sie jetzt schon beginnen, durchs Schwert und Protokolle die Türkei zu regieren, so wird künftig ein großer Areopag sich bilden, der über Länder und Nationen richtet. Wo wird Deutschland sitzen im Rathe der Völker? Was haben Deutsche gethan, um Theil zu nehmen an der künftigen Größe Europa’s? Sie haben gebrütet, wo Andere handelten; ihr Loos wird sein, gleich ihren Thaten; genug, wenn Oestreich noch Sitz und Stimme behält; derselbe Areopag, einmal an Entscheidung gewöhnt, wird auch über Deutschlands Schicksal richten.“
„Wenn nun zu alle dem das Bewußtsein einer vollendeten Mission, wenn die Erinnerung an eine Vorzeit hinzukäme, die von solchen Uebeln unbefleckt wäre, dann könnte Deutschland sich noch getrösten, und der Einzelne könnte ausruhen im Gefühle eines ewigen Ruhms oder in dem Glauben an ein fremdartiges Schicksal, das zeitenweise den deutschen Charakter gebrochen habe. Aber geht sie durch, die Geschichte des Mittelalters. Sie ist groß und glorreich, aber kein Ruhepunkt, keine Stelle ist zu finden, wo der deutsche Geist sich vollendet hätte: ein rastloses, unseliges Treiben; ewige Zwietracht; die Größten vom Unglück verfolgt und hinweggerafft in der Blüthe der Jahre; unsre ganze Herrschaft nicht eignes Gut, sondern überkommen von einer frühern Vergangenheit. Uneinigkeit allenthalben und zu allen Zeiten, unauflösliche Trennung der einzelnen Volksstämme, endlose Schwankungen des politischen Lebens ohne Ziel und Vollendung, tausendfache Anschmiegung an fremde Willkür, ja fremden Geist — das sind die Grundzüge, die von Anfang zu Ende hindurchgehen; die heute noch bestehen, wie vor tausend Jahren; und wie sollten sie jemals sich verwischen?“ —
„Solche Hoffnung bietet die Geschichte. Doch wie traurig sie auch seien, jedes Volk kann dem Schicksal widerstehen, wenn es will; wenn es mit der letzten Kraft seiner Natur die drückenden Bande des Unglücks durchsprengt. Aber auch sie hat sich im Lauf der Zeiten geändert. Der deutsche Charakter, so stark und mächtig, so kraftvoll und bieder in den Zeiten des Ritterthums, wie ist er so anders geworden! Wie einst die byzantinischen Römer unter den Dogmen und Sektenkämpfen der Kirche zum jämmerlichen Volke herabgesunken sind, so ist das deutsche Gemüth durch endlose konfessionelle Subtilitäten zusammengeschrumpft, das Mark des Lebens ist vertrocknet und die ganze Mannheit auf immer verknöchert. Wer vermag in dieser trägen, spießbürgerlichen Masse das Volk wiederzuerkennen, dessen Grimm den Wälschen zum Sprüchwort geworden war! Die „deutsche Wuth“ ist längst verraucht; ein schlaffes Wohlbehagen, ein widriges Phlegma ist es jetzt, was den Deutschen im Ausland bezeichnet. Damit bestehen weder große Entschlüsse, noch kräftige Thaten; bedächtig reift das Vorhaben, und ist es erzwungen durch die dringendste Noth, so hinkt allzuspät und durchkreuzt von tausend kleinlichen Rücksichten die Ausführung nach. Die deutsche Treue ist zum Spott geworden; feige Unterwürfigkeit, knechtische Demuth hat sich mit ihrem Namen geschmückt. Mit der selbstständigen Kraft ist auch der selbstthätige Geist erloschen; was anerkannt sein soll in deutschen Landen, muß erst von außen herein oder von oben herab gepriesen werden. Die Freiheit ist nirgend zu finden, als in Liedern und Gesängen; die Einheit ist ein abstrakter Begriff, dem in Worten gehuldigt wird, nicht durch Gemeinsinn, Aufopferung und Uneigennützigkeit. Der Schlendrian hat alle Klassen ergriffen; der öffentliche Dienst geschieht um des Brodes, wenn’s hoch kommt um der Ehre willen; die alte Titelsucht hat in den Kern des Volkes gefressen und Kriecherei der Niedern gegen die Höhern, Willkühr der Höhern gegen die Niedern ist zur Ordnung geworden. Die Abmarkung der Stände, die Macht der Bureaukratie hat sich mehr, als in irgend einem Lande der Welt in die Gemüther und Geister eingewurzelt. Die Liebe zwischen Fürst und Volk, so herrlich in den alten Geschichten der Deutschen, ist ausgestorben; Argwohn von oben, Furcht und Kälte von unten, hat sich eingenistet. Alle Frische des Geistes, alle Glut der Seele vertrocknet in der engherzigen Pedanterie, deren sich kein Verhältniß des Lebens entledigen kann; tausend drückende Formen muß der Geist durchlaufen, ehe er sich emancipiren kann, und wenn er sie besteht, hat er seine Jugend zur Einbuße dahin. Die Stelle des politischen Bewußtseins vertritt eine unermeßliche Gelehrsamkeit, und diese hinwiederum, anstatt dem Volke sich zu widmen, schließt nur Einer Kaste ihre Schätze auf, während der Staat in einem kleinlichen Detailwissen den Ersatz für die Geistes- und Gemüthsgaben sucht, die er durch keine Vorschriften seinen Dienern anerziehen kann. Der kriegerische Geist verkümmert in solcher Stubenluft, die Soldateska ist eine physische Masse, unfähig jeder Begeisterung, wenn es nicht an Haus und Hof, an Leib und Leben geht. Im Uebrigen gibt es keine Nation, die an Friedfertigkeit, Geduld und Zahmheit der deutschen gliche. In Ermanglung des öffentlichen politischen Lebens, wie jeder Laufbahn im Felde, wirft sich der Volksgeist auf Handel und Industrie; aber auch hier steht die Zersplitterung, steht der Eigennutz und Schlendrian, steht die Lokalsucht und die Trägheit, stehn die Familienbande der Großen jeder großartigern Idee entgegen. Wie soll aus solch einem Charakter neues Leben erstehen? Es wird nicht und kann nicht; nur durch fremde Hand, nur in der Assimilation, wozu dieß unmündige Volk bestimmt scheint, kann solche Trägheit durchbrochen werden.“
„Zwar freilich seit dem Wiener Kongreß glaubt man in Deutschland Manches gethan, manchen Fortschritt gemacht zu haben. Und was ist es denn, das seitdem geschehen sein soll? Die Deutschen sind anfangs einer Begeisterung gefolgt, die später zum Nichts, wo nicht gar zum Gelächter geworden ist; die heilige, die nordische Allianz wußte sie dazu zu gestalten. Später nach der Julirevolution folgten sie ebenso dem französischen Anstoß; und kaum war er verraucht, so fügte man sich gleich willig der russischen Reaktion. So zwischen Restauration und Liberalismus, zwischen Rußland und Frankreich umhergeworfen, steht Deutschland inmitten zweier Bewegungen, welche beide gleich erbärmlich sind, ohne die Kraft einen eigenen Willen aufzupflanzen. Wie seltsam klingt die verächtliche Manier, womit heutzutage die Deutschen von französischem und russischem Staatsleben sprechen, wenn man weiß, daß in Deutschland die Fürsten durch den Anschluß an das russische Prinzip, die Völker durch die Furcht ihr Leben fristen, welche die französische Propaganda einflößt. Man mag den Edelmuth des deutschen Volkes bewundern, wenn es auch in seiner Versunkenheit jedes ungesetzliche Mittel verschmäht, jeden Aufruhr zurückweist: aber wo der Nationalzug nicht alle Schwierigkeiten ebnet, wo er nicht Fürsten und Volk mit einem Willen zu beseelen vermag, da ist die Kraft gebrochen, und die Erndte gereift für fremde Schnitter.“
So viel mag der nüchterne Verstand eines Ausländers aus der deutschen Geschichte neuerer Zeit für die Zukunft Deutschlands weissagen; und wenn Engländer, Franzosen, Russen nach solcher Ueberzeugung handeln, so ist es ihnen nicht zu verargen. In Wahrheit, von all diesen Thatsachen können wenige geläugnet werden; und kein Deutscher, der es ernstlich mit seinem Vaterlande meint, wird ihr Gewicht verkleinern wollen. Was hilft hier eine oberflächliche Beruhigung?