Saget nicht: es ist nicht an dem, denn die Lichtseiten unseres Daseins sind heller, als die Schattenseiten. Saget nicht: es wird nicht an dem sein, denn ein Untergang, wie dieser, ist wie ohne Beispiel in der Geschichte, so auch im Widerspruche mit allen Verhältnissen des Augenblicks. Klammert Euch nicht an den kahlen Trost, der in der Vergleichung einer erträglichen Gegenwart mit einer schlimmern Vergangenheit liegt. O, über die Halbmenschen, die den Lauf der Geschichte durch politische Berechnungen des Moments zu hemmen, die in den Aussprüchen der Fürsten, in den Adressen der Kammern, in den Hoffnungen der Journale Sicherheit und etwa gar eine Zukunft zu finden vermeinen; über die Schwächlinge, die mit den Fortschritten der jüngsten Dezennien sich brüsten und über das frohlocken, was der äußerste Drang der Zeit von uns gefordert hat. Es ist allerdings Gefahr vorhanden, große ungeheure Gefahr, nicht hier und da, nicht an einzelnen Ecken und Enden, nicht in der oder jener Beziehung, sondern Gefahr um das Dasein des deutschen Vaterlandes, und Rettung um so weniger, als die Gefahr verachtet wird.

Berechnet immerhin alle Phasen der Politik, alle Chancen des Gleichgewichts, kalkulirt auf die innern und äußern Zustände von Deutschland, und ihr möget keine Gefahr finden. Aber aller Wunsch und Wille der Fürsten, wie der Völker, was vermag er wider den Zug des Jahrhunderts? Dieser treibt wider Willen die Nationen, und welche Nation nicht einen ausgesprochenen Willen, nicht einen höhern Trieb als den der Erhaltung dem Schicksal entgegenzusetzen vermag, über die fährt es zerstörend hinweg. Wenn der Weltgeist nach langem Frieden, dem Sturm gleich die Völker beseelen wird, wenn das vollgerüttelte und geschüttelte Maß der angehäuften Stoffe überfließen, wenn ganz Europa der Läuterung theilhaftig werden wird, wonach es so lange schon ringt, wenn dann politische Kraft gegen politische Ohnmacht, positives Leben gegen negativen Halbzustand streitet — dann schaut Euch nach Deutschland um! Wenn andre Völker, jedes um sein Panier, sei es ein geistiges oder leibliches, sich schaaren, was wird der Deutsche thun, ohne Einheit, ohne Streben, ohne Bewußtsein? Was in frühern Zeiten der Schmach kann auch jetzt wieder geschehen; auf eine zweite Knechtschaft aber folgt keine Wiedergeburt mehr.

In der That, was ist es denn, das Deutschland sich rühmen kann, aus eigner Kraft vollbracht zu haben? Unsere Verfassungen, ja zum großen Theil unsere Staatsverwaltung, unser Wehrsystem — haben wir nicht Alles von Fremden gelernt, mußte nicht Napoleon kommen, um Deutschland, das wehr- und heerlose, auf die Stufe der andern Völker zu stellen? O, es ist schön und erquicklich anzuhören, wie man in Deutschland die Erhebung von 1813 und 1814 preist, wie man deutschen Muth und deutschen Patriotismus zum Himmel erhebt; denn in Wahrheit, erstaunlich ists, daß die Deutschen nach zehnjähriger Knechtschaft es gewagt haben, frei zu sein. Ein Volk, das sich lobt, wenn es zufällig nicht uneins, das sich preist, wenn es nicht ohnmächtig, das sich bewundert, wenn es einmal nicht feige gewesen ist, das sich rühmt, nicht immer elend, jämmerlich, blind und bloß gewesen zu sein — ein solches Volk hat von Nationalehre einen sehr schwachen oder keinen Begriff. Bei Gott, wäre uns nichts übrig, als unsere politische und Kriegsgeschichte seit Jahrhunderten, wir hätten Grund genug, an deutscher Zukunft zu verzweifeln. Die Gefahr zu fühlen, die Schmach zu verstehen, das vor allen Dingen thut Noth. Aber die Geschichte, wie sie uns erröthen lehrt, so verbirgt sie dennoch in bittrer Schale einen süßen Kern. Ihn zu enthüllen, Trost, Rechtfertigung und Bürgschaft zu finden in einer innern Anschauung der deutschen Vergangenheit, sei fortan unsere Aufgabe.


[Kapitel III.]
Intentionen der deutschen Geschichte.

Wahr ist’s, was oben gesagt worden, ein mühseliger Kampf um ungeheure Zwecke, ohne volle Bekrönung, macht vor den Geschichten anderer Völker die deutsche Geschichte zwar groß und herrlich, aber auch traurig und erschütternd. Es gibt keine Epoche, in der Deutschland, gleich andern Staaten, ja nur gleich manchen seiner Kinder, zu harmonischer Vollendung oder auch nur der deutsche Geist zu innerer Ruhe gelangt wäre; große Plane sieht man vor ihrer Entfaltung gebrochen, das herrlichste Wollen von unwiderstehlichen Mächten zerstört; nirgend ein allseitiges gemeinsames Leben, sondern die eine Seite zu der, die andere zu jener Zeit entwickelt, unzählige Male zum Schaden des gemeinen Wesens; vor Allem aber nie und zu keiner Zeit eine bestimmte, unumstößliche, nach außen und innen unantastbare Staatsverfassung. Beklagenswerth ist Deutschland, wenn es an der Spitze von Europa über andern Völkern sich selbst vergißt; beklagenswerther noch, wenn es, entsagend seiner Weltmacht und in sich zurückgezogen, von Fremden zerrissen wird. Wozu das Alles? Woher so viel unentwickelte Keime, so viel gebrochene Tendenzen? Werden sie jemals und wann werden sie ihre Enderfüllung finden? — Wir betrachten die Intentionen, um welche die deutsche Geschichte sich gruppirt, und stellen die Perioden also voran, daß jede von ihnen Eine der großen Thatsachen in sich faßt.

  1. Der Urzustand des deutsches Volkes.
  2. Die Kriege der Deutschen wider die Römer. (Von Cäsars bis Marc Aurels Zeit.)
  3. Das Ausgehn der Deutschen über Europa. (Von Marc Aurel bis auf Chlodwig.)
  4. Das Frankenreich. (Von Chlodwig bis auf Ludwig das Kind.)
  5. Das deutsche Reich unter den sächsischen und fränkischen Kaisern bis zum Tode Heinrich III.
  6. Das deutsche Reich unter den fränkischen Kaisern und den Hohenstaufen.
  7. Vom Interregnum bis zur Reformation.
  8. Von der Reformation bis zum westphälischen Frieden.
  9. Vom westphälischen Frieden bis zum Untergang des Reiches[1].
  10. Die neueste Zeit.

I. II. Die erste jener Perioden umfaßt die Kindes-, die zweite die Lehrzeit des deutschen Volkes. In der Urverfassung der Deutschen, in der Ungebundenheit der einzelnen Stämme und Gemeinden liegen die Keime, aus denen alle deutsche Geschichte erwachsen ist. Die antike Welt hatte in einem Ungeheuer geendigt, welches als absoluter Staat Nationalitäten, Provinzialismen und Individualitäten verschlang. Sie zu stürzen, eine neue zu bauen, erkor die Vorsehung ein Volk, in dem, bei maaßloser Freiheit der Stämme, Geschlechter, Familien die Macht des Individuums überwiegend hervortrat. Aus Freien und Adeligen besteht das Gemeinwesen; mit dem Grundbesitz, mit dem Recht und der Pflicht ihn zu schirmen, mit der Gewere ist die Freiheit verwebt. Bei größeren Unternehmungen, wenn der Staat zu festerer Gestaltung drängte, wählte man, aus den edelsten Geschlechtern, den Fürsten. Will man moderne Begriffe auf die älteste Verfassung anwenden, so war sie weder demokratisch, noch aristokratisch, noch monarchisch; sie war jene gesunde Mischung der drei Elemente, welche in unsern Tagen England zum glücklichsten Staate Europas macht. Nur als das mittlere Element überwog und hat zu allen Zeiten in Deutschland überwogen, das aristokratische. Die deutsche Religion war so einfach, daß die christliche Lehre den Deutschen mehr als eine höhere Zugabe, denn als widersprechend erscheinen mußte; der Kampf entspann sich später nur da mit Heftigkeit, wo mit dem alten Glauben zugleich die Freiheit bedroht wurde.

Man sieht von Alters her die Deutschen in zahllose Völkerschaften gespalten, bis die Gefahr viele kleinere zu Bünden vereinigte, aus denen später die einzelnen Stämme, als organische Glieder des ganzen Körpers entstanden. Zersplitterung und Uneingkeit tritt in der zweiten Periode eben so scharf hervor, als jene Fähigkeit der Assimilation, die schon damals, wie noch in der neuesten Zeit, einzelne Theile von Deutschland dem romanischen Einflusse unterwarf. Die Fehler und Tugenden der Deutschen wirken so enge zusammen, daß jene eben so unentbehrlich zu ihrem Beruf erscheinen, als diese (z. B. Geduld oder Gründlichkeit) oft Schaden gebracht haben. Beide in ein richtiges Verhältniß zu setzen, bleibt die einzige Aufgabe; denn die Natur wird niemals ausgerottet.

III. Nach einer langen Schule des Krieges und Lebens begannen die Besiegten die Sieger zu überwinden. Befruchtung der alten erstorbenen Welt, Verjüngung der verdorbenen Volksgeister in Europa war die erste Sendung des deutschen Volkes. Dazu gehörte ein freier kriegerischer Geist, die einfachste aufs Eigenthum gestützte Verfassung, jener zur Anschmiegung geeignete Charakter, jener Mangel an Centralisation, jene Zerspaltung in verschiedene Individualitäten, deren jede von der Vorsehung in das ihr passende Land geführt wurde. Die Römer, wie zur Herrschaft, waren auch zur Fortbildung des Christenthums unfähig geworden. Die Deutschen im Ausland nahmen es in verschiedenen Gestalten an, und wie die Kirche selbst, so mußten bald auch die neugebildeten Staaten der Einheit entgegenreifen.