Die Pestgräber von Botticelle.
Hätte Herr Stipe Noncovich sein Dasein in irgend einer Stadt irgend eines anderen Landes ausser Dalmatien hingebracht, so würde er jedenfalls auf den Titel eines Commis Anspruch erhoben haben. Da er aber in Spalato sich des Lebens freute, so hiess er einfach »Giovane«.
Giovane ist Alles. Ein Schneidergeselle, ein Advocatenschreiber, ein Schusterlehrjunge, ein Marqueur in einem Kaffeehause, und nicht minder jene jungen Männer, die man im gemeinen Leben deutscher Nation unter den Sammelnamen Ladenjünglinge zu bezeichnen pflegt – sie Alle heissen in ganz Italien und in allen Küstenstädten des italienischsprechenden Dalmatiens »Giovane«, zu deutsch »junger Mann«. Wie alt ein derartiger junger Mann sei, thut nicht das Mindeste zur Sache, denn nicht etwa das jugendliche Alter des Betreffenden soll mit diesem Ausdrucke bezeichnet werden, sondern das Abhängigkeits-Verhältniss, in welchem er zu seinem Herrn steht. Und Herr Stipe Noncovich war ein »Giovane«, er verkaufte Leinwand, Bänder, Schnüre, Vogelleim, abgelegenes Tuch, Schiesspulver, Zucker, Kaffee, fertige Stiefel, Branntwein und noch tausend andere Dinge in dem Laden seines verehrten Oheims und gestrengen Herrn.
Wenn man von der Piazza Signori – dem Herrenplatze – der freundlichen Stadt Spalato in der Richtung gegen den diocletianischen Jupiter-Tempel geht, so stösst man an der Ecke des Platzes auf ein höchst sonderbares Erzeugniss mittelalterlicher Bildhauerkunst. Es sind zwei Bischöfe in vollem Ornate, welche, die Mitra auf dem Kopfe und die respectiven rechten Hände wie zum Segen erhoben, in Sandstein roh ausgemeisselt und in die Quadern des Eckhauses eingefügt sind. Der eine dieser Bischöfe ist in mehr als Lebensgrösse dargestellt – der andere reicht dem ersten kaum bis zum Knie. Die nackten Füsse des grossen und die von schwerfälligem Faltenwurfe überdeckten Knie des kleinen Bischofs sind gleichmässig abgeschliffen und gewöhnlich mit einer Schmutzkruste überzogen. Das hat seinen guten Grund. Der Morlake sowie der Bewohner der Vorstädte Spalatos sieht in jeder alten Statue ohneweiters einen Heiligen. Hat die Statue gar eine Bischofsmütze auf dem Kopfe, so muss es schon ein ganz ausserordentlicher Heiliger sein. Darum sind auch die beiden sandsteinernen Bischöfe heilig und kein Morlake und kein Vorstadtbewohner versäumt es, im Vorübergehen hinaufzulangen, die Füsse des grossen und die Knie des kleinen Bischofs mit den Fingern anzurühren und dann seine Finger zu küssen. Daher die Kruste. Manchesmal regnet es aber, und dann wird die Schmutzkruste vom Regen abgewaschen.
Fragt man einen zur gebildeten Classe zählenden Spalatiner um die Bedeutung dieser beiden Bischofsbilder, so erhält man allerdings eine Auskunft, die einigen Zweifel an der Heiligkeit der beiden Originale zu erwecken geeignet ist. Es soll nämlich einmal im vierzehnten oder fünfzehnten Jahrhundert der Bischof von Spalato mit dem Bischofe von Traú ein kleines Zerwürfniss gehabt haben, was zu einem Particularkriege zwischen den beiden Städten Spalato und Traú führte. Bei der Schlacht oder bei dem Gefechte, welches sich die Bewohner der beiden Städte lieferten, wurden die Unterthanen des Bischofs von Traú mit blutigen Köpfen heimgeschickt, worauf dann die beiden geistlichen Herren, wie billig, Frieden machten. Zum Andenken aber an den erfochtenen Sieg und zum Zeichen, wie mächtig er selbst gegenüber seinem Widersacher sei, liess der Bischof von Spalato den grossen und den kleinen Bischof in Sandstein aushauen. Der grosse Bischof war er selbst, – jener winzig kleine der überwundene Bischof von Traú. Heute sind sie Beide heilig und die Morlaken küssen ihnen – da sie zu hoch stehen – symbolisch die Füsse, wie man anderwärts Leute, die man nicht »hat«, in effigie hängt.
An derselben Ecke, an welcher die beiden sandsteinernen Bischöfe mit der periodischen Schmutzkruste an den Füssen prangen, mündet auch eine zweite enge Gasse: die Calle Alberti.
»Calle« heisst in der Venezianer Mundart, die in allen Küstenstädten Dalmatiens gesprochen wird, eine enge Gasse, und Alberti ist der Name einer geachteten Spalatiner Familie, die einmal in dieser Gasse ein Haus besessen hat. Das erwähnte Haus gehört zwar heute einem Schneider, aber die Gasse ist desswegen nicht breiter geworden, und wann zur Zeit der Weinlese die mit bocksledernen Schläuchen beladenen Esel den edlen Traubensaft durch die Calle Alberti schleppen, so müssen die Kaufleute ihre Waaren, die sie anlockend vor ihren Kaufläden ausgehängt haben, hübsch hereinnehmen, wenn dieselben nicht beschmutzt oder gar von einem Esel mitgenommen werden sollen. Denn die Calle Alberti ist der grosse Bazar von Spalato, in dessen Verkaufsgewölben Alles zu haben ist, was nur Herz oder Sinn der männlichen und weiblichen Spalatiner erfreuen mag.