Lange hat es ihn aber in Spalato nicht gelitten. Er war blasirt. Dann wollten auch die Damen nichts von ihm wissen, wenn sie Abends mit den langen Schleppen über die Marine fegten und er den Galanten bei ihnen zu spielen versuchte, weil, wie sie sagten, er schliesslich doch nur ein »Giovane di Bottega« sei. Darum schiffte er sich eines schönen Morgens wieder auf einem Lloyddampfer ein und reiste fort. Heute hat er sich in Buenos Ayres etablirt, wo er einen schwungvollen Handel betreibt. Dorthin liess er sich auch seine Schwester nachkommen, die früher ein armes Schneidermädchen war.
Möchtest Du auch Schätze finden, lieber Leser? Gehe hin nach Spalato zur Sommerszeit, wenn die Granatäpfel glühen, die Traube dunkelt, die köstliche Feige vom Baume winkt. Zur Nachtszeit, bei Neumond, wenn die Nacht schwarz, heiss und feucht über Meer und Felsen hängt, dann ersteige die Höhen von Botticelle, wo unter dunkeln Oelbäumen und fruchtschweren Reben die Leiber der pestkranken ungetauften Türkenhunde ruhen. Siehst Du dann schlanke blaue Flämmchen aufzüngeln und im Tacte der Wogen tanzen, die tief unten den Fuss der jäh abstürzenden zackigen Felsen schmeichelnd küssen, so merke Dir den Punkt ganz genau. Dort liegen die Schätze.
Das Paternosterhaus.
Ein altes Zauberland ist dieses Dalmatien. Die Engel, welche die berühmte Kirche von Loretto seinerzeit nach Italien transportirten, hatten es nicht verschmäht auf ihrer luftigen Reise in Dalmatien Halt zu machen und dort die Kirche, bei Tersate, auf einige Jahre zu deponiren. Wer es je versucht hat, ein schweres Möbel oder eine tüchtige Kiste auf den Schultern fortzutragen, wird den Engeln die Rast von Herzen gönnen; auch glaube ich nicht, dass es auf der weiten Welt einen Dienstmann oder Packträger gibt, der ihnen nicht sachverständig beistimmte. Früher schon hatte der heilige Domnius – recte Domnionus und nicht zu verwechseln mit dem officiellen Schutzpatron der Stadt Spalato, Dominius – bis zu seinem seligen Ende und noch über dasselbe hinaus die Zauberei in Dalmatien geübt. Bolandus erzählt die Geschichte und Archidiaconus Thomas ist sein Gewährsmann. Besagter Domnionus war Hofbeamter Maximinian's, des Mitregenten Diocletian's und ein heimlicher Christ. Als solcher ermahnte er die christlichen Märtyrer, die sich damals in Dalmatien befanden, bei ihrem Glauben auszuharren; er selbst aber floh gegen Rom, als es bekannt wurde, dass auch er den neuen Glauben bekenne. Auf der Claudischen Strasse, unweit der Stadt Julia Chrysopolis und an dem Ufer des Flusses Sytirion, holten ihn die Häscher Maximinian's ein, banden ihn mit Stricken und enthaupteten ihn. Da hob er sein abgeschlagenes Haupt auf, ging mit demselben festen Schrittes über den Fluss und legte es am anderen Ufer nieder, wo er auch sammt seinem Haupte begraben worden ist. Den Grund dieses sonderbaren Benehmens weiss weder Archidiaconus Thomas noch Bolandus anzugeben, aber aus dem Ganzen geht hervor, dass nur Maximinian's Häscher selbst das Geschehene weiter erzählt haben können, welcher Umstand immerhin als höchst achtenswerthes Zeugniss für die Glaubwürdigkeit dieser Geschichte gelten mag.
Was während des Mittelalters in puncto Zauberei in Dalmatien geleistet wurde, darüber ist nicht viel bekannt, da aus naheliegenden Gründen sehr wenige geschriebene Chroniken aus jener Zeit existiren. Wer sich aber die Mühe nehmen wollte, heute eine Hexen- oder Zauberchronik über Dalmatien und speciell über die Morlakei zu schreiben, der würde des krankmachenden Unsinns genug finden, um einen recht anständigen Band damit zu füllen. Die Hebamme ist die erste Zauberin, die mit ihren Künsten an das frisch in die Welt gesetzte Kind herantritt. Sie vergisst nie, wenn sie zu einer Wöchnerin gerufen wird, eine »Rose von Jericho« mitzubringen, ein Distelgewächs, welches sie in ein Glas Wasser steckt bis dasselbe, das Wasser aufsaugend, die früher zusammengeballten Wurzeln öffnet. Dann bekommt das Kind einen »Zapis« um den Hals gehängt, den gedruckten oder geschriebenen in Leinwandfetzen und Schafleder eingenähten Zaubersegen, den der Pfarrer oder das nächste Franciscanerkloster liefern muss. Wächst das Kind heran, so ist es die Mutter oder die Grossmutter, deren Hauptaugenmerk darauf gerichtet ist, den Einfluss der Hexen und bösen Geister von demselben abzuhalten. In den Klüften des wild zerrissenen Gebirges, auf den Höhen der felsigen Berge, in Wald und Sumpf, in jeder Ecke einer verfallenen Hütte und in jedem Wasser, das in eiligem Laufe dem Meere zustürzt, stecken die leidigen Hexen. Die »Viscizza« wandelt als altes Weib im Dorfe herum, macht die Kinder krank, behext die Kühe und treibt ihren Unfug, bis sie nicht eine Tracht Schläge erhält oder durch ein Geschenk begütigt wird. Die »Morina« quält die Menschen im Schlafe und benimmt ihnen den Athem. Der »Macich« versteckt sich in den Häusern, poliert in der Stille der Nacht, zerrt an den Kirchenglocken, singt, lacht, weint und verschwindet dann, wenn er seinen Muthwillen gekühlt hat, indem er sich in einen Ochsen, einen Esel, ein Maulthier oder in ein anderes Vieh verwandelt. Die »Vukodlaci« schleichen bei finsterer Nacht in den Dörfern herum, verführen die Weiber, bringen Krankheiten über Menschen und Vieh und nehmen, wenn verfolgt, die Gestalt von Verstorbenen an. Die »Vile« entführen Knaben und Mädchen, um sie an ihren nächtlichen Reigen theilnehmen zu lassen. Sie verlieben sich auch in Pferde, welche dann weder Sattel noch Reiter dulden, ausser – man hängt ihnen einen Zapis um den Hals. Oel im Hause verschütten, bedeutet den baldigen Tod eines Familien-Mitgliedes; ein umgestossenes Salzfass bringt Krankheit in die Familie; ein Hund, der vor dem Hause heult, bedeutet Unglück.
Gegen Alles das, gegen Tod und Weiberverführung, gegen Viehseuche und den bösen Blick der Hexen, gegen Krankheit und Ungemach aller Art, das durch Zauberkünste heraufbeschworen wurde, gibt es zwei untrügliche Mittel: den Zapis und – den Zaubersegen des Priesters. Ja, der eigentliche und rechte Anti-Zauberer ist der Pfarrer. Dieser muss den Zapis schreiben, wenn er ihn gedruckt nicht vorräthig hält, muss die Würmer und Raupen verfluchen, muss die Heuschrecken vertreiben, Krankheiten bei Menschen und Vieh heilen und nöthigenfalls auch das Wetter machen. Wie er das Alles anstellt, das ist seine Sache. In neuester Zeit haben die Bischöfe angefangen den zaubernden Pfarrern ein wenig auf die Finger zu sehen und wohl auch auf die Finger zu klopfen, aber gerade nur so viel, als zur Erhaltung des bischöflichen Decorums nothwendig ist. Mein Gott! Der Morlake ist nun einmal auf den verdammten Zauber versessen und der Pfarrer will leben – sieht der Bischof aber nicht ein wenig durch die Finger, so holt der Teufel den Zauber und des Pfarrers Lebensunterhalt dazu.