Willst Du, lieber Leser, einen solchen Zauberer in seiner Höhle besuchen? Komm' mit mir!

Der altehrwürdige Palast des Römerkaisers Diocletian spiegelt sich heute noch stumm und altersgrau in den blaugekräuselten Wellen des schönen Hafens von Spalato. Die Quadermauern des Palastes stehen heute, nach anderthalb Jahrtausenden, noch fest und stämmig, die Granit- und Marmorsäulen ragen heute noch ungebrochen, und die kühnen Wölbungen der gedeckten Gänge, die zu dem Atrium des alten jetzt als Domkirche dienenden Jupitertempels führen, tragen auf ihren wuchtigen Schultern heute noch die Häuser, welche, zwischen Marmorsäulen und Quadermauern hineingebaut, die Stadt Spalato bilden. Rings um die Stadt dehnen sich im weiten Halbkreise die Vorstädte, selbst wieder von felsigen Meeresbuchten und üppigen Pflanzungen umzogen, in denen die Traube zwischen Feigenbäumen reift und Oelbäume ihre fahlen ernsten Schatten werfen. Weiter hinaus schliessen nackte, hochaufstrebende, felszerklüftete Berge den Horizont und über dem Ganzen ruht der tiefblaue Himmel, fluthet die feuchtwarme Meeresluft, zittern die heissen, gelbleuchtenden Strahlen der dalmatinischen Sonne.

Durch die Porta Aurea, das goldene Thor des alten Palastes, hinaus führt uns der Weg, vorbei vor den Ruinen der Festungsmauern, über denen noch immer der venezianische Löwe mit halberhobenen Flügeln in lächerlicher Faulheit thront. Die staubige Strasse dreht sich gegen Nordost, immer von den Ruinen der Festungsmauern links und von den in morlakischer Weise gebauten Häusern rechts begleitet. Jetzt treten wir auf einen freieren Platz. Eine kleine Kirche und ein grosses Kloster zeigen ihre nackten, ungeschlachten Mauern. Es ist das Franciscanerkloster, aus dem so viele »Zapis« hinausflattern unter die Vorstadtbewohner und in die Morlakei. Ein Brunnen steht da, von wasserholenden Mägden umlagert, der einzige Brunnen in Spalato, dessen süsses Wasser beinahe durch das ganze Jahr nicht versiegt. Darum heisst der Brunnen Pozzobuon, das Kloster und die Kirche heissen Pozzobuon und die ganze Vorstadt, durch welche wir schreiten, heisst Pozzobuon – zu Deutsch: Guter Brunnen. Auch die Franciscaner im Kloster heissen »Frati di Pozzobuon« und die Zapis, die sie verkaufen, kennt man unter dem Namen der Zapis von Pozzobuon. Alles Pozzobuon. Schräge hinüber vom Kloster ist ein grosses in die Erde gegrabenes Bassin. Es ist mit Quadern ausgemauert, die vor dreissig Jahren aus Salona hieher geführt worden sind. Um das Bassin herum stehen altrömische Sarkophage, halb in die Erde versenkt. Auch diese sind aus Salona.

In dem Bassin schwappt ein dicktrübes Brakwasser von einer Schicht grüner Sumpfpflanzen überdeckt, das auf weit und breit die Luft mit ekelhaftem Gestanke verpestet. Milliarden von Mücken schweben über demselben. Aus dem Bassin wird das Sumpfwasser mit hölzernen Kübeln in die halb vergrabenen Sarkophage geschöpft, um die Eseln, Pferde und Schweine zu tränken, die zu diesem Behufe Abends herbeigetrieben werden. In der Nacht zieht sich dann wieder die grüne Decke über den Stellen zusammen, an denen die Kübel eingetaucht wurden, und des Morgens gleicht die Wasserfläche wieder einem schmutziggrünen Anger.

Vorbei. Der Weg dreht sich abermals nach rechts, die in morlakischer Weise gebauten Häuschen werden seltener, die Düngerhaufen und Kohlgärten um dieselben häufiger und grösser. Links ein grosser Anger, von der Garnison Spalatos »die Flegelwiese« benannt, weil er als Exercirplatz dient – die italienisch sprechenden Spalatiner nennen ihn höflicher »il Campo Marzo«, das Marsfeld. Rechts beginnen die Weingärten. Dunkelblaue, mächtiggrosse Trauben verhüllen in ihrer strotzenden Fülle die wenigen halbvertrockneten Blätter der Reben. Alte Feigenbäume senken ihre schwerbeladenen Aeste zu Boden. Hochaufgeschossener Mais zeitigt seine dicken Kolben und spielt mit seinen schöngeschnittenen Blättern in dem leisen Hauche des Abendwindes. Granatapfelbäume säumen den staubigen Weg – aus ihrem saftigen Grün heraus leuchten die feurigrothen Früchte. Wo ein Stückchen Erde sich zeigt, schiessen wilde Schlingpflanzen heraus und ringeln sich Schlangen gleich um Wein und Feigen, Oelbäume und Granatäpfel. Die Luft ist heiss und feucht. Da gedeiht Alles – auch Zauberer.

Durch das dunkle Grün der üppigen Cultur schimmern die schneeweissen Mauern eines ebenerdigen Hauses. Die mit weissen Vorhängen versehenen Fenster blinken rein und behäbig auf die Strasse. In die Mauern sind Bruchstücke antiker Reliefs eingefügt, und altrömische Inschriften, im Laufe vieler Jahrhunderte halb verwischt, sagen uns, dass »hier« die vielgeliebte Gattin des Titus Sempronius oder sonst eines Patriciers des alten Salona ruhe. Nebenan besagt eine Votivtafel, dass ein glücklicher Bräutigam dieselbe der Venus victrix – der siegreichen Venus gewidmet. Warum? Unbekannt. An der Gartenthüre, durch die man in das Haus gelangt, prangen schlanke Marmorsäulen, von denen die eine nicht zur anderen passt, und vor uns öffnet sich die Thüre – – zu des Zauberers Höhle.

Da steht er selbst. Ein dickes spanisches Rohr mit einem mächtigen Messingknopf stemmt sich auf den Boden, als ob es da Wurzel fassen sollte. Eine fleischige Faust mit wulstigen kurzen Fingern umklammert das Rohr. Der lange und enge Aermel, in dem die Faust halb versteckt, gehört zu einem dunklen, aus grobem Tuche gefertigten Rock, der weit herabfallend ein Paar unmässig grosser Kanonenstiefel theilweise verhüllt. Für die fette und breite Brust, die auch aus Salona zu stammen und einem römischen Gladiator zu gehören scheint, ist der Rock offenbar zu enge. Dafür stützt der hohe Kragen zwei kolossale, wie aus Marmor gehauene Ohren sowie das doppelte Kinn und ein unmässig breites Gesicht, dessen kleine Augen unter den buschigen Augenbrauen mit listiger Schärfe hervorblitzen. Der halbgeöffnete Mund erinnert an die Oeffnung eines Klingenbeutels. Auf dem Kopfe aber sitzt ehrfurchtsgebietend das Abzeichen des dalmatinischen Pfarrers, der schwarze, dreifach gestülpte Schäferhut. Das ist Don Malachia, der Zauberer von Spalato, und das Haus – sein Haus – vor dessen Eingang er steht, ist das Paternosterhaus.

Wie er Pfarrer und Zauberer geworden? Das ist bald erzählt. In die Schule ist er nicht gegangen. Er hat seine Lehrzeit bei einem morlakischen Landpfarrer durchgemacht, der ihn in die Geheimnisse des Schreibens und Lesens eingeweiht und, als er das konnte, ihm auch das Messelesen beigebracht. Dann hatte er die Weihen erhalten und war Priester geworden. Und da er jetzt slavisch schreiben und lesen, nebstbei auch die Messe celebriren konnte – da er die Tonsur auf dem Kopfe und über derselben den dreifach gestülpten Hut trug, so war der morlakische Pfarrer fertig und er ward irgendwo im Gebirge installirt, auf Stunden im Umkreise allein mit der ihm anvertrauten Heerde. So ist er Pfarrer geworden. Was aber das Zaubern betrifft, so hat er es eigentlich von Niemanden gelernt. In dieser Beziehung ist er Autodidakt. Das Gebahren mit den »Zapis« hat er allerdings seinen Amtsbrüdern abgelauscht. Diese – die Zapis – kann man in Spalato bogenweise gedruckt kaufen und er brauchte nur eine Papierscheere, um die einzelnen Zapis abzulösen und sie den Morlaken als unfehlbares Mittel gegen alles mögliche und unmögliche Ungemach zu verkaufen. Das gab ihm die Sauce zum Braten. Um aber den Braten selbst sich zu verschaffen, dazu erfand er sich einen eigenen Sport. Sehr einfach. Nur das Vaterunser.

Ja – das fromme schlichte Gebet, das seit anderthalb Jahrtausenden in schwerer Trübsal, in Noth und Bedrängniss von Millionen und Millionen hinaufgesendet wird zum Schöpfer des Himmels und der Erde – das Gebet, das die Mutter dem Kinde lehrt, wenn es kaum zu stammeln beginnt – das Gebet, das in dem ernsten und feierlichen Momente, in welchem der Geist des Vaters, der Mutter, sich losringt von diesem Erdenungemach, schluchzend von der knienden Kinderschaar als letzter Gruss dem Scheidenden mitgegeben wird – das Gebet, das die Herzen rührt und erschüttert seit jener fernen Zeit, in welcher der schöne Christenglauben seinen stillen, siegreichen Einzug gehalten in die Welt – das Vaterunser – ist der Sport des Don Malachia.

Er selber glaubt nicht daran. Hätte die Bitte, »sondern erlöse uns von dem Uebel« je Wirkung gehabt, so wäre Don Malachia nicht mehr möglich. So aber erfreut er sich des prächtigsten vierschrötigen Wohlseins und betreibt seinen Sport wie früher. Um zehn Kreuzer betet er ein Vaterunser. Das wirkt oder soll doch wirken. Was immer der Morlake wünschen mag, Gutes für sich, Schlimmes für den Nachbar, Regen, Wind, Trockenheit, Genesung von Krankheiten, Vermehrung seines Viehstandes, Fruchtbarkeit seines Weibes – für Alles das betet Don Malachia ein Vaterunser um zehn Kreuzer.