Der Frau Mare Kargotic Gesang.

Allerseelen war vor der Thür.

Kein Nebel, keine Bora, kein langweiliger Regen. Der feine braune Duft, der sich des Nachts über die Insel gelegt und über die unendliche glatte Fläche des Meeres, der hebt sich beim ersten Morgenlüftchen und streicht wie ein loser Schleier hin über das Wasser. Die lateinischen Segel der Fischerboote tauchen dann langsam auf unter dem fliehenden Schleier, dann treten die Bergspitzen der herumliegenden kleineren Inseln und des Festlandes hervor, dann zeigt sich vielleicht ein hochgethürmtes, schneeweisses Gewölk, das langsam und stetig vorüberzieht – die mächtigen Segel eines in der Morgenkühle herankommenden Schiffes – dann glüht es auf über der Spitze des Berges Biokovo, der von der Festlandsküste nackt und jäh abstürzt gegen das Meer, als ob er beständig im Begriffe wäre, ein Seebad zu nehmen – dann schiessen breite Feuergarben über Inseln, Schiffe und die tiefgrüne ruhig athmende Fläche des Meeres, die Sonne tritt siegreich hervor und wie hingezaubert erscheint urplötzlich die langgestreckte Insel Brazza, umspielt von den fluthenden Wellen. Ihre weissglänzenden Kalkberge ragen hoch und strenge zum wolkenlosen Himmel, ihre Abhänge sind von sanftgrauen Oelbäumen begrenzt und dann steht Rebe an Rebe eng und dicht, nur von niederen Feigenbäumen unterbrochen bis herab zum Meere, bis in die Bucht, an deren felsigem Strande die weissgetünchten Häuser des Dorfes San Giovanni im Morgensonnenscheine funkeln.

Allerseelen war vor der Thür.

Der prächtigste Herbstmorgen lagerte über Land und Meer. In dem kleinen einstöckigen Häuschen, dessen weinumrankte Fenster hinausblicken über die glänzende Fläche bis auf die Festlandsküste, von der das freundliche Spalato herüberwinkt, schafft und waltet Frau Mare Kargotic. Wer es nicht sieht, der mag es hören. Ganz San Giovanni hört es, denn San Giovanni ist nicht gross und Frau Mare hat eine gar kräftige Stimme. Mitunter flucht sie auch, aber nur selten. Natürlich – ihr Gebieter und Ehegemal (er ist Gebieter, wenn er nicht zu Hause ist) fährt in der weiten Welt herum auf seiner hübschen Brigg »San Cristoforo« und lässt sich, wenn es gut geht, einmal im Jahre zu Hause sehen.

Während der Capitano Luka Kargotic draussen gegen schwere Stürme ankämpft, oder in trostloser Windstille irgendwo tagelang auf einem Flecke liegt, oder in irgend einem Tausende von Meilen entfernten Hafen auf Rückfracht wartet, muss Frau Mare des Hauses Regiment mit kräftiger Hand führen, sich ärgern und plagen. Und da raunt ihr freilich manchmal ein böser Dämon in's Ohr, dass vielleicht der Herr Luka gar irgendwo in einer Hafenstadt, die er angelaufen, sich gut, sehr gut unterhalte. Dann – – nun, die Kinder und die Dienstleute wissen davon zu erzählen, was sie dann thut und was sie dann spricht. Das sind die Momente, in welchen sie – aber nur sehr selten! flucht, – sonst ist sie die beste Frau der Welt.

Auch eine hübsche Frau ist sie, trotz ihrer etwas stark entwickelten Formen, trotz ihrer zweiunddreissig Jahre und trotz der feinen Seemannsrunzeln, die sich – der liebe Herrgott weiss, woher das kommt – um ihre Augenwinkel herum zeigen, als ob sie selbst ein Schiffskapitän wäre. Wirklich und wahrhaftig hübsch, besonders wenn sie im Feiertagskleide ist, wie heute.

In dem kleinen Hafen draussen schaukelt sich eine ganz anständige Barke, bereits zur Hälfte angefüllt mit dem Gottessegen, den Frau Mare in diesem Jahre eingeheimst. Wein, Oel und getrocknete Feigen bilden die Fracht, und die Barke muss bis Mittags fix und fertig sein, um nach Spalato abzufahren, wo alle diese guten Sachen auf den Dampfer übergeladen werden zur Ueberfuhr nach Triest. Der älteste Knabe, der auch Luka heisst wie sein Vater und bereits zwölf Jahre zählt, hat in der Schule lesen und schreiben gelernt – was Frau Mare leider nicht von sich sagen kann – und notirt mit gravitätischer Miene jedes Fass, das hinabgerollt wird zur Barke. Seine sieben jüngeren Geschwister sitzen in sehr defecter Morgentoilette mit ihrer Bonne, einer jungen Morlakin, im Hofraume und verzehren ihr Frühstück: getrocknete Feigen und Brod. Die Knechte schaffen und poltern mit den Fässern und Kisten in rüstiger Emsigkeit und zwei Mägde scheuern im Hause, denn Allerheiligen fällt heuer auf einen Montag. Darum gibt es zwei Feiertage hintereinander und Frau Mare hält etwas darauf, dass dann Alles im Hause hübsch rein und nett sei.