Dass Frau Mare heute in aller Gottesfrüh schon im Festtagsgewande ist, damit hat es aber sein eigenes Bewandtniss. Es wird nämlich heute in der Pfarrkirche vor dem Altar des San Nicoló eine Extramesse gelesen, die sie bezahlt hat. Natürlich hat sie für eine solche besondere Auslage auch ihre besonderen Gründe. Einestheils gehen eben die Feigen, das Oel und der Wein nach Triest, für welche sie die möglichst besten Preise erzielen will. Dafür gibt es kein besseres Mittel als eine Messe. Es handelt sich aber nur um einen möglichst hohen Preis, nicht auch um die Sicherheit der Beförderung, da der Lloyd seine Frachten selbst assecurirt. Frau Mare ist eben practisch und belästigt unsern Herrgott nicht mit Dingen, die auch der Triester Lloyd besorgen kann. Für heute hat sie jedoch noch ein besonderes Anliegen, so wichtig und so geheim, dass es vorderhand ein Geheimniss zwischen ihr und unserm Herrgott bleiben muss. Darum hat sie auch dem Pfarrer, als sie die Messe bezahlte, gesagt, selbe sei für den guten Verkauf des Weines, der Feigen und des Oeles, ferner »für ihre besondere Intention« zu lesen, was der Pfarrer auch zusagte.
Seit Jahren vollzog sich das eheliche und Familienleben der Familie Kargotic in beinahe unwandelbarer Regelmässigkeit. Frau Mare regierte im Hause und der Capitano Luka befuhr das Meer. Jedes Jahr kam der Capitano auf zwei oder drei Wochen nach Hause, bei welcher Gelegenheit er immer allerhand Schönes und Werthvolles mitbrachte. Goldene Ohrgehänge, silberne Leibgürtel, schöne Kleider von schwerer Seide, feine Leinwand, kunstvolle Spitzen, ein Kind, ein paar hübsche Ringe, feine Venezianer Goldketten – das waren so seine gewöhnlichen Angebinde. Das heisst, das Kind brachte er eigentlich nicht mit, aber merkwürdigerweise fügte es sich immer, dass nach einer ganz bestimmten Reihe von Monaten, die seit seiner Anwesenheit verflossen, ein Kind sich wie von selbst einstellte. Störche gibt es in Dalmatien nicht, – dort holt die Hebamme die Kinder vom Berge herab und zahlt sie mit einem Gulden per Stück.
Die Kostbarkeiten hielt Frau Mare in einer schweren geschnitzten Truhe unter Schloss und Riegel, die Kinder – es waren ihrer nach und nach acht geworden – wuchsen tapfer und fröhlich heran, das Beste, was sie unter so bewandten Umständen thun konnten. Zwischen einem Besuche des Capitano Luka und dem andern liefen auch wohl Briefe von ihm ein, aus Odessa, aus Queenstown, aus Marseille und Kronstadt oder aus sonst einem Hafen. Kinder waren niemals in den Briefen, wohl aber feine schöne in- und ausländische Banknoten oder kleine Röllchen mit glänzenden Goldstücken. Die wanderten dann in die Truhe zu den anderen Kostbarkeiten.
Diesmal aber waren schon anderthalb Jahre verflossen, dass der Capitano Luka sich nicht zu Hause hatte sehen lassen. Er war allerdings etwas weit gefahren. Sein letzter Brief trug den Poststempel San Francisco in Californien. Auch war demselben eine ansehnliche Anweisung auf den Banquier Porlitz in Spalato beigelegen, die derselbe mit gewichtigen Goldstücken honorirte. Aber Frau Mare war nicht ruhig. Seeleute sind gar manchen Gefahren ausgesetzt, nicht nur auf dem tückischen Meere, sondern auch in den Hafenstädten, die sie anlaufen. Da gibt es lockere Gesellschaft und kecke Weiber – Frau Mare fühlte sich versucht, ein wenig zu fluchen, aber sie besann sich eines Besseren und bezahlte dem Pfarrer eine Messe vor dem Altare des San Nicoló »auf ihre Intention« und – da es schon in Einem ging – für den guten Verkauf der heurigen Fechsung. Darum war sie heute, am Werktage, schon in aller Gottesfrüh in festtäglichem Staate, mit dem schwarzen Seidenrock und dem blauseidenen offenen Jäckchen über dem rothen Mieder, mit dem silbernen Gürtel um die Hüfte, mit zwölf silbernen Zitternadeln in den dunkeln Zöpfen und drei schweren goldenen Ohrgehängen an jedem Ohr.
Der heilige Nicoló – er ist der Schutzpatron der Seefahrer – der heilige Nicoló in der Pfarrkirche von San Giovanni ist immer im Festtagsgewande. Er ist über und über mit silbernen Armen, Händen, Füssen, ausserdem mit einigen goldenen Münzen behangen und sieht aus wie ein hoher Staatswürdenträger am Frohnleichnamstage. Der kleine Altar, über welchem der San Nicoló prangt, ist heute vollständig mit Kerzen besteckt und der Herr Pfarrer feiert auch die Messe vor demselben mit einer ganz besonderen Inbrunst. Und jedesmal, wenn er sich zu einem Dominus vobiscum umdreht, fallen seine Augen mit einem so wehmüthigen Ausdruck auf die an den Stufen des Altars knieende, im Sonntagsstaate prangende Frau Mare, dass ihr ganz sonderbar um's Herz wird und sie sich beinahe schämt, als ob der Herr Pfarrer ihre »Intention« hätte errathen können.
Als aber die Messe zu Ende, der Herr Pfarrer seinen Segen gegeben und in die Sacristei verschwunden war, als Frau Mare noch immer vor dem Altare kniete, in der Ungewissheit, ob sie in der Kirche beten oder zu Hause ein wenig – nur ganz wenig! – fluchen solle, da kommt der blondhaarige baarfüssige Junge, der dem Herrn Pfarrer ministrirt hatte und sagt, der Herr Pfarrer lasse die Frau Mare bitten, in die Sacristei zu kommen. Und wie sie hineintritt, da sieht sie durch den Weihrauchnebel den Herrn Pfarrer stehen, der ein Papier in der Hand hält und sie wieder so sonderbar ansieht als wie beim Dominus vobiscum. Dann winkt er ihr näher zu treten und bietet ihr einen Stuhl. Dann spricht er etwas – sie kann durch den dicken Weihrauchnebel nicht recht verstehen, was er sagt – er spricht etwas von Gottvertrauen und Fassung und dergleichen Dingen. Die Frau Mare möge nicht erschrecken und tapfer sein, wie sie es immer gewesen. Denn der Capitano Luka käme nicht mehr heim. Er hat ein schönes Seemannsende gefunden, ein echtes, schönes Seemannsende. Der »San Cristoforo« war an der Küste von Californien bei Nacht und Nebel an einen Dampfer angefahren und untergegangen. Die Matrosen hatten sich gerettet und der Steuermann dem Herrn Pfarrer geschrieben. Da, – der Herr Pfarrer klopfte mit der verkehrten Hand auf das Papier, – da steht Alles zu lesen. Der Patron Luka hätte sich auch retten können, aber er verlor seine Zeit damit, dass er den kleinen Schiffsjungen beim Kragen packte und in das Rettungsboot warf, das schon vom sinkenden Schiff abstiess. Er war immer eigensinnig gewesen, der arme Patron Luka, und wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt, so – – nun, die Frau Mare wisse das ja selbst am besten. Nun also, – dann war das Schiff untergegangen und er mit dem Schiffe. Vielleicht hat er an seinen ältesten Buben gedacht, als er mit dem kleinen Schiffsjungen seine Zeit verlor. Aber die Frau Mare solle Gottvertrauen und Fassung haben und sich ihren Kindern erhalten. Die Frau Mare möge – – –
Die Frau Mare hat sich kurzweg umgedreht, ist festen Schrittes aus der Sacristei, aus der Kirche und nach Hause gegangen. Dort hat sie der Magd, die einen Kübel mit Oel im Hofe verschüttet, eine Ohrfeige gegeben. Oel verschütten bedeutet Unglück. Dann war sie im Feiertagsgewande, wie sie war, hinaufgestiegen in die Stube, wo die schwere Truhe mit den Kostbarkeiten steht und ein Hausaltar mit dem schöngeschnitzten Modell der Brigg »San Cristoforo« vor demselben. Dort hat sie sich in einen Winkel gekauert und hat angefangen zu singen. Denn eine Dalmatinerin weint nie um einen Todten – sie singt um ihn.
Was Frau Mare Kargotic sang?
Aus der oberen Stube klang es herab in langgezogenen schwermüthigen Tönen und die Kinder mit ihrer morlakischen Bonne drängten sich schauernd und erschreckt zusammen unter dem offenen Fenster: