»Herein!«
Duje Braidovich ist ein Mensch, der auf einen gewissen Grad von Wohlerzogenheit Anspruch macht, darum steckte er vorderhand nur seinen mit einem rothen Käppchen bedeckten Kopf in's Zimmer, spuckte auf den Boden und fragte in seinem stark mit Slavisch versetzten Italienisch, ob es ihm erlaubt sei, hereinzutreten. Auf meine bejahende Antwort schob er sich allmälig vorwärts, schloss behutsam die Thüre und zog aus dem oben erwähnten, an dem rückwärtigen Theile seiner Hosen befindlichen tragbaren Magazine eine Oka feinen türkischen Tabak hervor. Der Handel war bald geschlossen. Ich nahm den Tabak, er seine zwanzig Banovizze und extra ein kleines Trinkgeld, weil der Tabak »sopraffino« – vom Allerfeinsten – war. Dann nahm er seinen in die Ecke gestellten Tschibuk wieder zur Hand und verschwand, wie er gekommen.
Es gibt wohl kein Kronland der österreichischen Monarchie, in welchem geschwärzter Tabak mit solcher Unbefangenheit öffentlich verraucht wird, als in Dalmatien. Das Schwärzen des Tabaks ist allerdings verboten wie anderwärts, aber der Besitz des einmal glücklich über die Grenze gebrachten Krautes wird von Niemandem mehr angefochten. In Zara, der Landeshauptstadt, ist man wohl etwas vorsichtiger und zeigt wenigstens auf der Gasse oder in den Kaffeehäusern nicht gerne einen mit türkischem Tabak gefüllten Beutel, aber je weiter man nach Süden kommt, desto leichter ist es, sich mit dem verpönten Kraut zu versorgen, ohne in eine mit dem kaiserlichen Adler versehene Bude zu treten, und desto unbekümmerter wird auf der Gasse, in allen Kaffee- und Wirthshäusern der geschwärzte Tabak geraucht. Ja, im Gebirge, wie zum Beispiele in Sign und an den südlicher gelegenen Küstenorten, in Sebenico, Spalato, Macarsca, Ragusa, Cattaro, gehört ein rother, goldgestickter und mit Tabak angefüllter Beutel, der an den Flanken seines Besitzers baumelt, recht eigentlich zur Nationaltracht.
Das Schwärzen des Tabaks wird übrigens bei Denen, die es betreiben, wie das Wildern in den Tiroler und baierischen Bergen, zur Leidenschaft. Jährlich kommen Fälle vor, dass nicht nur ganze aus zwanzig bis dreissig Pferden bestehende Karavanen mit Tabak von der Finanzwache abgefangen werden, sondern es entspinnt sich auch nur zu häufig zwischen den Schwärzern und der Finanzwache ein Kampf, der nicht selten Verwundungen, oft auch Verluste an Menschenleben auf einer oder der anderen Seite zur Folge hat. Trägt sich das in Nord- oder Mittel-Dalmatien zu, so kräht kein Hahn mehr darnach, wird aber ein Eingeborner im Süden, in den Bocche di Cattaro, bei einer dieser Expeditionen getödtet, dann tritt die Blutrache in ihr schauerliches Recht und die Behörden wissen sich in solchem Falle nicht anders zu helfen, als indem sie den Finanzwachmann, dem das Unglück passirt ist einen Schwärzer todtzuschiessen, so schnell als möglich aus dem Bezirke entfernen.
Da ich gerade von den Abenteuern der dalmatinischen Schwärzer spreche, so mag es am Platze sein, des Endes zu gedenken, das die Kreuz- und Querzüge meines Tabaklieferanten Duje Braidovich genommen.
Es war an einem bitter kalten Decemberabende des Jahres 186* und die Bora brauste mit ihrer allesdurchdringenden, schneidenden Kraft durch die schlechtverwahrten Fenster und die liederlich gezimmerten Thüren der Wohnung, die ich in dem besten Hause des Marktfleckens Sign inne hatte, als, diesmal ohne vorhergehendes Anklopfen, die Zimmerthüre sich leise öffnete und das wettergebräunte Gesicht meines Freundes Duje Braidovich sich zeigte. Duje Braidovich war augenscheinlich zu einer seiner Expeditionen in's türkische Gebiet gerüstet, denn er hatte seine Torba[25] auf dem Rücken und in seinem breiten Ledergürtel staken Handjar und Pistolen. Er hatte etwas auf dem Herzen. Zuerst fragte er mich höchst unnöthiger Weise, wie mir das Wetter gefiele, dann, wie es meiner Familie gehe und schliesslich bat er mich ohne weiteren Uebergang, ob ich ihm nicht einen Ducaten leihen wollte. In drei Tagen werde er mir denselben zurückstellen. Er hätte ein Geschäft in Livno, bei dem er ein hübsches Stück Geld verdienen könne und dazu fehlte ihm gerade ein Ducaten.
Ich hatte dem armen Teufel schon öfter derlei Gefälligkeiten erwiesen und ihn immer höchst ehrlich und pünktlich befunden, daher ich auch keinen Anstand nahm, ihm das Verlangte zu geben. Natürlich hütete ich mich, ihn um den Zweck seiner Expedition zu befragen, machte aber doch die Bemerkung, dass heute eine böse Nacht wäre und es schlimm sein müsste, bei solcher Bora den Prolog, – das Grenzgebirge zwischen Dalmatien und Bosnien – zu übersteigen.
Da fingen die Augen des armen Duje Braidovich sonderbar an zu funkeln und zu rollen. »Für mich und für meine Reise ist das Wetter gerade recht,« sagte er, indem er seine braune Jacke über die Brust zusammenzog und mit einem raschen Wurfe den Mantel sich zurechtlegte, »aber ich habe andere Sorgen. Der Zapis, den ich am Halse getragen, seitdem ich mich erinnere, ist mir in Verlust gerathen und wenn ich wüsste, dass es der (hier folgte ein schauerlicher Fluch) Finanzwächter *…… wäre, der mir ihn stehlen liess, während ich gestern Mittags vor der Kirchenthüre schlief, so hätte er wohl am längsten gelebt. Mit dem Zapis fürchte ich Niemand, – ohne Zapis kann mich nur die Muttergottes allein vor Unheil bewahren.«
Wer da weiss, in welch' hohem Ansehen ein Zapis (Amulet) bei der dalmatinischen Landbevölkerung, besonders aber bei dem Morlaken steht, der wird begreifen, dass all' mein Bemühen, den armen Teufel über den Verlust seines Zapis zu trösten, umsonst war. Ich musste mich darauf beschränken, meinem ganz verstört dreinsehenden Tabaklieferanten den guten Rath zu geben, der bösen Bora wegen zu Hause zu bleiben und, bis besseres Wetter käme, sich um einen neuen Zapis umzusehen. Aber auch dieser Rath wollte nicht verfangen. Einen neuen Zapis wolle er sich allerdings kaufen, meinte Duje Braidovich, aber heute müsse er eben ohne Zapis fort, denn seine Kameraden erwarteten ihn in Kula (einem bereits auf türkischem Gebiete liegenden einsamen Gehöfte) um in Gesellschaft aus Livno »Ochsen« zu holen. Damit empfahl sich Duje Braidovich in seiner höflich linkischen Weise und trollte davon.
Auf mich hatte die so deutlich zur Schau getragene Angst des sonst lebensfrohen und gutmüthigen Burschen einen eigenthümlichen Eindruck gemacht und ich verbrachte den grössten Theil der Nacht in unruhigen Träumen, in welchen mit Zapis behangene Pferdegerippe, kämpfende Morlaken und grosse Säcke mit Tabak ein wundervolles Chaos bildeten.