Die Thüre öffnete sich langsam und herein schob sich Duje Braidovich.
Erinnere Dich gefälligst, theuerer Leser, dass man das »ch« oder »c« am Ende dalmatinischer Namen wie »tsch« ausspreche, und lies den Namen Duje Braidovich noch einmal mit gehöriger Berücksichtigung des diesem Herrn eigenthümlichen Nationalgefühles. So. Jetzt will ich versuchen, diese interessante Persönlichkeit etwas näher zu schildern.
Duje Braidovich ist, was seinen Stand betrifft, eigentlich Nichts – in seinen freien Stunden beschäftigt er sich jedoch mit Tabakschwärzen. Duje Braidovich kann Tage und Wochen lang mit einem halblangen Tschibuk im Munde auf dem Platze des Marktfleckens Sign, seines Geburtsortes, herumlungern, Tage und Wochen lang sich von Polenta nähren und pures Wasser dazu trinken, Tage und Wochen lang mit der gemüthlichsten Ungenirtheit von der Welt jeden Vorübergehenden, der seiner Tracht nach nicht Morlake ist, um »zwei Kreuzer auf Tabak« ansprechen; ja ich habe ihn sogar im Verdacht, dass er zuweilen mehr als einen Tag lang gar nichts isst und sich höchstens des Nachts an den halbreifen Getreideähren und den Krautköpfen der umliegenden Felder schadlos hält.
Dafür kommen aber dann wieder Tage, in denen Duje Braidovich seiner Unthätigkeit völlig entsagt. Dann kann man ihn mit seinen, allen Morlaken eigenthümlichen langen Schritten in dieses und jenes Haus eintreten sehen, wo er eifrige Gespräche mit seinen Bekannten hält und beim Heraustreten eine Hand voll silberner Zehnkreuzerstücke, in Dalmatien »Banovizze« genannt, in einen schmierigen bocksledernen Beutel steckt. Er nimmt auf diese Weise seinen Credit in Anspruch und sammelt Capital zu einem grösseren Unternehmen. Duje Braidovich ist dann immer in einem Zustande angenehmer Aufregung, sehr vergnügt und offenbar grosser Entwürfe voll. Zugleich scheint dann in ihm eine geheimnissvolle und schwer zu erklärende Sympathie für die k. k. Finanzwache sich fühlbar zu machen, denn er geht dann des Tages unzählige Male vor deren Kaserne vorbei, wirft immer schielende Blicke in das halbgeöffnete Thor und sitzt in der Abenddämmerung vor dem Hausthore des gegenüberstehenden Hauses, wo er abwechselnd mit einer ziemlich schmierigen morlakischen Magd und einem schönen schneeweissen Hühnerhunde spricht, welcher dort ebenfalls seinen gewöhnlichen Standort hat und auf den hübschen Namen Colombo hört.
Dabei lässt er aber die gegenüberliegende Finanzwachkaserne oder deren Inwohner nicht aus den Augen, und wenn er auch nicht gerade in sämmtliche Grünröcke vom Commissär bis zum letzten Wachmann hinab verliebt ist, so muss er wenigstens ein grosses Interesse daran haben, deren Treiben zu beobachten.
Eines Tages, oder vielleicht zur Nachtzeit, bricht ein Trupp Finanzwache auf, um an irgend welchem Grenzpuncte irgend welche Schwärzerkaravane abzufangen. Dann macht sich aber auch Duje Braidovich auf die Füsse, – mit dem Unterschiede, dass er consequenter Weise jede Reisegesellschaft zu fliehen scheint. Schwenkt die Finanzwache nach rechts, so geht er links, – zieht jene gegen Süden, so biegt er nach Norden ein. Nach Westen geht er nie, denn da käme er an die Küste; er hat aber an der Küste vorderhand nichts zu thun, sondern seine Geschäfte rufen ihn auf das nahe türkische Gebiet, nach Bosnien. Sodann lässt sich Duje Braidovich zwei, vielleicht drei Tage lang weder in dem Marktflecken Sign, noch in dessen Weichbilde sehen, bis er eines schönen Tages plötzlich wieder auftaucht, etwas mehr gebräunt als gewöhnlich, seine Sandalen (Opanche) stark abgelaufen, seine sonstige Toilette in sehr deroutem Zustande, aber sonst offenbar in gehobenem Selbstbewusstsein.
Duje Braidovich lungert jetzt nicht mehr müssig herum auf dem Platze, auch verlangt er nicht mehr »zwei Kreuzer auf Tabak« von den Vorübergehenden, ebensowenig als er sich halbreifer Getreidekörner und grüner Kohlstrunke als Palliativmittel gegen ungelegenen Appetit bedient. Duje Braidovich zwinkert jetzt allen seinen Bekannten (und er kennt sämmtliche Bewohner Signs, sowie jene eines guten Theiles der Umgebung auf fünf Meilen in der Runde) mit gar pfiffigem Augenblinzeln zu, und fischt aus allen Theilen seines halb-türkischen Anzuges kleine blaue Papierchen mit Tabakproben heraus, die er ihnen halbverstohlen zusteckt. Hierauf verschwindet er ab und zu auf eine Viertelstunde und geht dann frei und mit erhobenem Kopfe vor der Finanzwache vorbei, anscheinend nichts als seinen Tschibuk in der Hand, in das und in jenes Haus. Und ist die Thüre hinter ihm zugeklinkt, so übergibt er, wie ein Taschenspieler seine Sträusschen, dem harrenden »Bekannten« einen aus blauem Papier gefertigten, mit Schnüren aus Ziegenhaaren zusammengenähten Sack, der eine Oka (zwei und ein Viertel Pfund) türkischen Tabak enthält.
Wo er ihn hatte, als er mit erhobenem Kopfe vor der Finanzwache vorbeistolzirte? Wahrscheinlich in den sackähnlichen Falten, welche seine türkischen Hosen rückwärts bilden und die bei jedem Schritte gegen seine Beine schlenkern. Der »Bekannte« denkt aber nach Weise des alten Römerkaisers »non olet« und zählt für die Oka Tabak zwei Gulden in klingenden »Banovizzen« in Duje Braidovich' schwielige Hand. Und wenn ganz Sign und Umgegend mit türkischem Tabak versehen sind, dann versinkt Duje Braidovich wieder in seine frühere Apathie, lungert wieder auf dem Platze herum, zehrt wieder von seinem Fette und verlangt wieder »zwei Kreuzer auf Tabak«, bis eines schönen Tages wieder einmal sein geheimnissvolles Interesse für die Finanzwache, die schmierige morlakische Magd und den schönen schneeweissen Colombo erwacht und er von Neuem seinen Argonautenzug unternimmt in das nahe Bosnien.
Das ist Duje Braidovich, der im Anfang der Sechziger-Jahre in dem zwei Stunden von der türkischen Grenze entfernten Marktflecken Sign an meine Zimmerthür klopfte.