Heute ist Brieko kein theologisches Treibhaus mehr, sondern eine Ablegestätte für verdorbene Gymnasiasten. Macht nämlich ein Gymnasialschüler an irgend einem Gymnasium Dalmatiens derartige Fortschritte, dass sein Aufsteigen in eine höhere Classe unmöglich wird, und gibt er die Neigung kund, sich dem geistlichen Stande zu widmen, so kommt er nach Brieko, wo er gut oder übel Einiges von dem lernt, was er im Gymnasium nicht erlernen konnte; dann wird ihm am bischöflichen Seminare in Zara von der Theologie so viel eingetrichtert als eben in seinem Kopfe Platz hat und dann wird er ebenfalls Priester und liest seine Messe in slavischer Sprache. Hin und wieder macht man auch rühmenswerthe Ausnahmen.
So wurde vor einigen Jahren der Messner einer kleinen in Castel Cambio bei Spalato befindlichen Capelle in Folge Protection seines Patrons, des Conte C., zum Priester gemacht, ebenso erhielt kurze Zeit darauf der Portier des bischöflichen Knabenseminars von Spalato ohne viel Umstände die priesterliche Weihe. Der Unterschied zwischen derlei Priestern und solchen, welche ihre ordentlichen theologischen Studien in der Landeshauptstadt Zara absolvirt haben, ist der, dass die Ersteren von der Regierung nur eine kleine jährliche Bezahlung (ich glaube 80 fl.) und wenn sie dienstunfähig werden, keine Pension bekommen. Ihren Unterhalt beziehen sie von der Gemeinde, deren Seelenheil ihnen anvertraut ist, in der Form von Schafen, wollenen Strümpfen und Truthühnern, die ihnen zu Ostern, Weihnachten und Pfingsten von jeder Familie gespendet werden. Die Strümpfe, Schafe und Truthühner, die der Herr Pfarrer nicht selbst aufbrauchen kann, verkauft er gelegentlich auf dem Markte irgend eines näher gelegenen grösseren Ortes und lebt, da er auch ein Stück Feld und ein Haus besitzt, ohne Sorgen und gewöhnlich umso zufriedener mit seinem Lose, als er von der Welt nichts und von ihren verfeinerten Bedürfnissen beinahe so viel als nichts kennen gelernt.
Don Martine, der Pfarrer von Karakaschitza.
Ein frischer sonniger Herbstnachmittag hatte mich aus meiner Behausung herausgelockt in's Freie. Mit der Flinte auf der Schulter, um für den längeren Spaziergang einen Vorwand zu haben, schlenderte ich auf der von dem morlakischen Marktflecken Sign gegen Verlicca führenden Strasse und bog dann rechts in einen der holprigen Feldwege ein, die ziemlich steil aufsteigend die Abhänge der dinarischen Alpen und deren Ausläufer mit der Landstrasse verbinden. Stein und Gerölle war der Weg, der sich in einer schluchtartigen Vertiefung hinaufwand, Stein und Gerölle bildeten die Aussicht, wenn hie und da die Ränder der Schlucht eine solche gestatteten. Das einzige lebende Wesen um mich herum war mein Hund, der anfangs lustig in dem Gestein herumschnupperte, dann aber, als hätte er sich überzeugt, dass sein Suchen auf diesem Boden unmöglich Erfolg haben könne, mit gesenkten Ohren meinen Schritten folgte.
Ich überlegte eben, ob ich nicht den Weg verlassen und querfeldein gegen meine Behausung abschwenken sollte, als ich den Weg herauf das mir wohlbekannte Getrappel eines Pferdes vernahm, das, von den Stössen der eckigen Steigbügel angetrieben und von dem scharfen Gebiss zurückgerissen, in jener eigentümlich tänzelnden und verzweifelten Gangart herankam, die, ein Mittelding zwischen Schritt, Trab und Galop, den unglücklichen dalmatiner Pferden eigenthümlich ist. Gleich darauf erschien an der letzten Krümmung des Weges eine Gestalt, die ich der blendenden Sonnenstrahlen wegen erst erkennen konnte, als sie mir näher gekommen war und mich mit rauher und lustiger Stimme anrief: »Oho, Gospodine, schön, dass Sie einmal kommen! Ein Glück, dass ich Sie treffe, sonst wäre ich beim cume Mate[26] abgestiegen und Sie hätten mich nicht zu Hause gefunden. Evalá[27] Gospodine! Wie geht's Ihnen?!«
Auf einem fuchsrothen, türkisch gezäumten, mit einem unmässig hohen Sattel versehenen Rösslein, dessen Augen unter einem krausen Busch zerzauster Haare hervorblitzten, während seine Mähnen wahrscheinlich noch nie einen Kamm gesehen, sass eine kurze stämmige Gestalt. Die hohen, plumpen, vorne mit einer Quaste versehenen Röhrenstiefel, die hellblaue Halsbinde und der dreieckige Hut bezeichneten den morlakischen Pfarrer. Ein dunkler Rock mit unmässig hohem Kragen und fürchterlich engen Aermeln liess seine mächtigen Schösse bis an die Steigbügeln flattern und von der ganzen Gestalt nichts erkennen als ein paar knochige Fäuste und ein von tausend Runzeln durchzogenes Gesicht, dessen kleine dunkle Augen von dichten stahlgrauen Augenbrauen beschattet wurden. In der linken Hand hielt der Reiter die Zügel des Pferdes und einen halblangen Tschibuk, in der rechten ruhte die kurze, derbe Peitsche. Es war – Don Martine, der Pfarrer von Karakaschitza.
Ich erwiderte den freundlichen Gruss und erstattete auf sein Befragen auch pflichtgemäss Bericht über das Befinden meiner Frau und meiner Kinder, versicherte jedoch, dass es nicht meine Absicht gewesen wäre, heute ihm einen Besuch zu machen, sondern dass ich mir dieses Vergnügen für ein anderes Mal vorbehalte. Don Martine wollte aber davon nichts wissen. In zehn Minuten wären wir bei seinem Hause, sagte er, und wenn ich es wünsche, so liesse er mich Abends, der vielen Hunde wegen, die manchmal böse wären, wenn sie eine »civil« gekleidete Person sähen, durch den Messner bis auf die Strasse begleiten – jetzt müsse ich aber mit ihm kommen, seine Schinken und seinen Wein kosten – er schnalzte dabei mit der Zunge – und einen fröhlichen Abend mit ihm zubringen. Obwohl ich ganz genau wusste, welches Bewandtniss es mit den zehn Minuten habe, da wir nach meiner Schätzung noch eine gute halbe Stunde von der Behausung des Don Martine entfernt sein mussten, so willigte ich nichtsdestoweniger ein, wenn aus keinem andern Grunde, so doch, um einmal das Leben und Treiben eines morlakischen Pfarrers mir in der Nähe ansehen zu können. Don Martine trug mir an, hinter ihm als Zweiter auf sein Pferdchen aufzusitzen, was ich aber dankbar ablehnte. Und so klommen wir, er zu Pferde, ich zu Fuss, den steinigen Weg hinan, der immer steiler wurde, je mehr wir uns dem Dorfe Karakaschitza näherten.