»Jetzt sagen Sie mir,« eröffnete ich das Gespräch, »woher Sie eigentlich kommen; Sie sind ja über und über bestaubt. Wohl von Spalato, he?«

»Richtig, Gospodine,« erwiderte er, »ich ritt gestern Mittags fort und dachte schon früher heimzukehren, aber der verd… Pfarrer von Dizmo lässt Niemanden ungeschoren vorüber; so musste ich denn mit ihm ein Glas Wein trinken und komme jetzt seinetwegen erst Abends statt Mittags nach Hause.«

Er schien wirklich böse über die Verzögerung zu sein, denn er gab seinem Pferdchen einen Stoss mit beiden scharfen Bügeln, dass es plötzlich einen Satz vorwärts machte, was bei der Beschaffenheit des Bodens nicht eben ungefährlich war.

»Sachte, sachte, Don Martine! Das Glas Wein muss übrigens ziemlich tief gewesen sein, wie? Auch ist meines Wissens der Wein in Dizmo nicht schlecht, seitdem man ihn dort selbst baut.«

»Nein,« erwiderte mein Begleiter lebhaft, »der Wein aus Dizmo kann sich mit jedem andern Wein in Dalmatien messen. Die Bauern werden reich, seitdem sie angefangen haben, ihn zu bauen und dem Pfarrer geht es, chwala bogu[28], auch nicht schlecht dabei. Sehr gute Leute in Dizmo, prächtige Leute, viel besser als meine eigenen hier in Karakaschitza. Ich bin dort fremd, denn wenn ich auch jede Seele von ihnen kenne, meine Pfarrkinder sind es immerhin nicht, und doch, was glauben Sie, bringt mir der Petar Serdarich, weil ich heute im Vorübergehen sein Kind gesund gemacht habe? Zwei Barili[29] Wein und einen hübschen Hammel. Ho ho! wenn Sie in der nächsten Woche mich besuchen wollen, können Sie den Wein kosten und den Hammel sehen.«

»Das meine ich auch, Don Martine,« sagte ich lachend, »die Leute in Dizmo sind wahre Engel, seitdem der Wald um das Dorf niedergehauen und die Kerle nicht mehr vom Walde aus die Vorüberreisenden anfallen und ausrauben können, wie sie es früher gethan. Jetzt haben sie statt des Waldes dort eine Kaserne mit sechs tüchtigen Gendarmen und es wird Niemand mehr ausgeplündert, der durch Dizmo kommt, – was hat denn dem Kinde des Petar Serdarich eigentlich gefehlt, das Sie im Vorübergehen geheilt haben?«

Die Frage schien dem Don Martine nicht recht zu gefallen, denn er räusperte sich und stiess einige Hm! Hm! aus, ehe er die rechte Antwort finden konnte. »Wissen Sie,« sagte er endlich, »unsere Leute da sind ärger als das liebe Vieh. Da hat der Petar Serdarich in der vergangenen Woche seine Mutter begraben und, weil er ein reicher Mann ist, das halbe Dorf zum Leichenschmaus eingeladen. Ein sehr schönes Essen, wie mir mein Kamerad, der Pfarrer von Dizmo, erzählte. Wein, Branntwein und Schöpsenfleisch so viel Einer wollte und dazu weisses Brod, wie es die Herren in Spalato essen. Das dauerte drei Tage, denn der Petar Serdarich ist ein reicher Mann. Seinem Buben aber, dem Mate, der jetzt acht Jahre alt ist, dem steckten die Weiber so viel Wein, Braten und Branntwein zu, dass sich der Bursche überessen hatte und dalag wie ein halbkrepirtes Kalb. Wie mich nun der Petar Serdarich bei meinem Kameraden, dem Pfarrer von Dizmo, anhalten sieht, läuft er auf mich zu und sagt, ich möchte doch zu ihm kommen und über dem Kinde beten; der Pfarrer von Dizmo (mein Kamerad) hätte es wohl schon gethan, aber es hätte nichts geholfen. Nun, ich denke, schaden kann es nicht, reite also hin zum Hause des Petar Serdarich, gebe ihm mein Pferd zu halten und gehe hinein. Da liegt der Bube, hat ein elendes Fieber und um ihn herum stehen eine Menge Weiber, die heulen und flennen, dass es eine Schande ist. Ich, nicht faul, bete über ihm und gebe ihm einen Zapis, dann kehre ich wieder zu meinem Kameraden, dem Pfarrer zurück, bleibe ein paar Stunden bei ihm und wie ich wieder aufs Pferd steigen will, um nach Hause zu reiten, kommt der Petar Serdarich und sagt mir, dass es dem Buben besser gehe. Und die nächste Woche kommt er und bringt mir meinen Wein und einen schönen zweijährigen Schöpsen.« Dabei gab er seinem Pferdchen wieder einen Stoss mit den beiden Bügeln.

»Was mag denn dem Buben eigentlich geholfen haben?« fragte ich, »das Beten oder der Zapis?«

»Ich glaube,« entgegnete Don Martine mit gar weiser Miene, »vor Allem der Zapis. Beten ist gewiss auch gut, aber ich sage Ihnen ja, dass der Pfarrer von Dizmo, mein Kamerad, schon über dem Buben gebetet hatte, ohne dass es geholfen hätte. Darum gab ich ihm auch den Zapis. Ich weiss schon, dass unsere gelehrten Herren Vorgesetzten und gar der Bischof nichts von dem Zapis wissen wollen. Sie mögen vielleicht auch Recht haben, und der Bischof ist ein gar braver und gescheidter Herr. Aber manchmal ist er zu streng. Und so ein Herr isst und trinkt gut und fährt in einem Wagen spazieren mit einem Kutscher und zwei Bedienten. Was meinen Sie da, woher er wissen sollte, was uns Bauern gut thut? Ich hatte mir gerade aus Spalato ein Buch Zapis geholt und zwei Pfund Ricinusöl. Ich nehme immer Ricinusöl, wenn ich nicht wohl bin; manchmal gebe ich davon auch Anderen. Auch dem Buben gab ich eine tüchtige Dosis, aber nur so – zur Vorsorge. Am besten hat ihm jedenfalls der Zapis gethan.«

Was ein Zapis eigentlich sei, will ich hier erklären. »Zapis« heisst so viel als »Etwas Geschriebenes«. In der Buchdruckerei eines gewissen G. in Spalato werden als Accidenzarbeit (wie es die Buchdrucker nennen) grosse Bogen Papier gedruckt und verkauft, welche durch Linien in kleine Quadrate abgetheilt sind. In jedem Quadrat steht ein Gebet in lateinischer, slavischer oder italienischer Sprache. Manchmal ist die Sprache gemischt und das Gebet besteht dann aus einem Gallimathias von italienischen, slavischen und lateinischen Phrasen. Die Gebete haben die verschiedensten und oft sonderbarsten Anliegen zum Vorwurfe. Da gibt es deren, die um Schutz vor Hagel und Blitz flehen, andere um Genesung von den Blattern, wieder andere um Fruchtbarkeit der Kühe oder – Weiber, dann wieder eines um Heilung von der Rinderpest, kurz alle Wünsche, die ein Morlake möglicher- und billigerweise an unsern Herrgott haben kann, finden in diesen Gebeten ihren unverblümten Ausdruck. Hat nun ein Morlake ein Anliegen an den Himmel, so geht er entweder zum Pfarrer oder in das nächste Franciscanerkloster und lässt sich einen derlei Zapis geben, der zuerst in seinem Beisein geweiht, dann in Leinwand und Schafleder eingenäht und schliesslich seinem Weibe, seiner Kuh, seinem Kinde oder dem Leithammel seiner Herde, je nach Umständen, um den Hals gehängt wird. Dafür zahlt der Morlake selten in Geld, – gewöhnlich in Schafen, Wein, Truthühner oder Getreide. Die Zapis der Pfarrer sind gut, jene der Franciscaner sind aber besser. Darum kosten sie auch mehr. So stand vor einigen Jahren ein Pater des Franciscanerklosters zu Sign in besonderem Rufe, dass er über die »Würmer« grosse Gewalt habe; wenn daher ein Morlake fand, oder zu finden glaubte, dass ihm Würmer oder Insecten auf seinem Felde grossen Schaden anrichteten, so ging er sicher oft viele Stunden weit in das Franciscanerkloster zu Sign zu dem frommen Wundermann, um sich einen Wurmzapis abzuholen.