Wir hatten uns plaudernd dem Dorfe Karakaschitza genähert und bei einer jähen Biegung des Weges lag plötzlich die roh gebaute unscheinbare Kirche und neben ihr die Wohnung des Don Martine vor unseren Augen. Vor dem kleinen ebenerdigen Hause, dessen Vorderseite von den Ranken eines mächtigen Weinstockes ganz bedeckt war, tummelten sich Hühner, Schweine, Truthühner und Enten ganz vergnüglich in dem freundlichen Elemente einiger grosser Düngerhaufen und Pfützen, während eine Stute, die mit ihrem Fohlen ganz frei neben dem Hause weidete, uns lustig entgegenwieherte. Aus dem Hause kam auf den Ruf des Don Martine ein Knecht und eine Magd, von denen der Erstere dem Don Martine beim Absteigen behilflich war, während die Letztere verschiedene Päcke in Empfang nahm, die Don Martine vom Sattel, wo sie aufgehangen waren, loshakte oder aus seinen unergründlich tiefen Rocktaschen hervorzog.
Mein Begleiter schüttelte sich förmlich vor Vergnügen und Behaglichkeit, als er sich in der gewohnten Umgebung seiner Häuslichkeit sah, und trat nach einem prüfenden Blicke über die geflügelten und ungeflügelten Insassen seines Hofes zur Thüre.
»Frisch Gospodine, jetzt sollen Sie ein Glas Wein kosten, wie ihn auch der Monsignor Bischof nicht besser hat, und dazu einen Schinken, wie ihn eben ein armer Pfarrer bieten kann. Antune! binde das Pferd an und gib ihm nichts zu saufen, bis es sich abgekühlt, und Du, Ivanizza[30], bringe Wein und die zwei neuen Gläser, die mir der Gevatter Stipe[31] aus Spalato gebracht, und den aufgeschnittenen Schinken! Schnell! sonst … Hereinspaziert. Gospodine; Gott sei Dank, wir sind zu Hause!«
Wir traten in das Haus, dessen erstes grosses Gemach zugleich das Schlaf- und Arbeitszimmer des Pfarrers zu sein schien. In einer Ecke stand ein plumpes, aus weichem Holz gezimmertes Bett mit einem riesigen Strohsacke und einigen unordentlich darüber geworfenen Decken. An der Wand hingen mehrere grell gemalte Heiligenbilder und eine Ansicht der Stadt Spalato von der Seeseite. Eine grosse vielfarbige Kiste in der anderen Ecke, ein Tisch und vier Stühle bildeten die übrige Einrichtung. Ueber dem Tische hingen zwei Jagdgewehre, eine alte Pistole und ein Handjar.
Und auf dem Lehmboden des Zimmers hockte eine Gesellschaft, bestehend aus zwei Knaben und einem Mädchen im Alter von beiläufig zehn bis zwölf Jahren, alle drei nur mit je einem langen Hemde und einem rothwollenen Leibgürtel bekleidet, um eine grosse Schüssel mit Gemüse. Neben ihnen sass, aufmerksam auf seinen Antheil wartend, ein grosser, weisser Hund.
Die Kinder assen. Sie hielten ihren hölzernen Löffel mit beiden Händen. Sie hatten keine Finger an denselben, – ihre Hände waren unförmliche Stumpfen. Der nackte Fuss des einen Knaben war ebenso verstümmelt, ihm fehlten die Zehen.
»Um Gotteswillen, Don Martine, was ist denn das, wer sind denn diese armen Kinder und wie wurden sie so grässlich verstümmelt?«
»Ah, Sie meinen ihre Finger und Zehen, Gospodine? Ja, das kommt bei uns oft vor. Wissen Sie, da gehen die Eltern auf das Feld und lassen die Kleinen zu Hause. Da geschieht es nun, dass die Schweine – mit Respect zu sagen – aus dem Verschlag ausbrechen, weil unsere Bauern, diese verd… Hunde, – mit Respect zu sagen – sie gewöhnlich in demselben Raume halten, wo sie selbst wohnen – und dann geschieht es bisweilen, dass die Kinder von den Schweinen gefressen werden. Gewöhnlich fangen die Bestien bei den Händen oder Füssen an; da schreien die Kinder und werden manchmal gerettet, falls sie nämlich Jemand hört.«
»Darum findet man bei uns in allen Dörfern Leute ohne Finger und ohne Zehen. Die Drei, die Sie da sehen, Gospodine, gehören drei ganz miserablen Familien an, die ihnen nichts zu essen geben, vielweniger auf sie Acht geben konnten. Darum nahm ich sie zu mir, wie sie noch ganz klein waren, sonst hätte sie vielleicht später das Schwein ganz aufgefressen. Ha, ha, ha! Sind aber gute Geschöpfe und helfen im Hause, wo sie können. Da, der Aelteste, dem habe ich lesen gelernt, und er liest Ihnen, dass es eine Pracht ist. Ivanizza, faules Thier! kommt der Wein oder nicht?« – – –