Don Martine starb im darauffolgenden Jahre an den Blattern. Man hatte ihn zu dem Blatternkranken eines fremden Dorfes geholt, dem er einen Zapis umhängte. Bei dieser Gelegenheit bekam er selbst die Krankheit. Es war aber kein zweiter Don Martine da, der ihm einen wirksamen Zapis hätte geben können, und seinen eigenen Zapis wollte er nicht benützen – ganz wie es gewisse Aerzte mit ihren eigenen Recepten thun.
Ein roher, unwissender und abergläubischer Mensch ist er gewesen, der Don Martine, und vielleicht auch ein Betrüger, denn Niemand hat je erfahren können, ob er selbst an die Wirksamkeit seiner Zapis glaubte oder nicht. Aber es wäre doch möglich, dass er mit seinem gutmüthigen Lächeln jetzt zufrieden von dort oben heruntersähe auf sein altes Pfarrhaus mit den Enten, Hühnern, Pferden und Schweinen, die in den Pfützen sich gütlich thun. Und dann sind im morlakischen Dorfe Karakaschitza drei arme Wesen mit fingerlosen Händen und Klumpfüssen, drei Wesen, die er gekleidet, gespeist und erzogen hat in seiner bäuerisch rohen Weise. Und sechs Hände ohne Finger heben sich allabendlich zum Himmel, und drei verstümmelte unglückliche Wesen rufen heute noch schluchzend: »Wärest Du, ach! wärest Du doch bei uns geblieben; ach! könntest Du doch wieder kommen, Don Martine, – wir sind so sehr, so gränzenlos elend. Wir haben Hunger!«
Ein Gerichtstag in der Morlakei.
Wenn ein Maler darauf ausginge zu zeigen, welch' unermessliche Menge von Farbentönen sein Pinsel hervorzubringen im Stande sei, und dabei mit ungeregelter Fantasie gerade die schreiendsten Gegensätze an Farben nebeneinander auf die Leinwand klecksen wollte: er könnte kaum ein krauseres Bild zu Stande bringen, als es der Platz vor dem Bezirksgerichte in Sign an einem Gerichtstage aufweist. Männer, Weiber, Kinder, Pferde, Truthühner, Esel, Schafe, alles lagert da kraus durcheinander auf dem kleinen Platze, von dem zwei Stufen in die Räume des Bezirksgerichtes führen. Unter dem Thore steht der Gerichtsdiener mit einem Stocke in der Hand und wehrt vorläufig den Eingang, denn die »udienza« (Gerichtsverhandlung) beginnt nicht vor neun Uhr.
Drei Marksteine waren in dem Dorfe Vucenovich von der Stelle gerückt worden. In Folge dessen hatte sich zwischen den Eigenthümern der beiden Aecker, wovon der eine angab übervortheilt worden zu sein, während der andere jede Uebervortheilung ableugnete, ein Streit entsponnen, dessen Schlichtung um so schwieriger wurde, als eigentlich weder der eine Acker dem einen, noch der andere dem zweiten Streitführenden gehörte. Beide Aecker waren noch vor wenigen Jahren unfruchtbarer öder Steinboden und gehörten dem Staate. Beide streitende Parteien hatten mit Mühe und Schweiss jeder für sich ein Stück fremden Bodens fruchtbar gemacht, indem sie allmälig die Felstrümmer aushackten und, da sie dieselben auf einen Ort zusammentrugen, eine Art moderne Cyklopenmauer herstellten. Und als sie weiter arbeiteten, geriethen sie endlich mit der Haue und dann mit den Köpfen aneinander. Dann setzten sie die Marksteine. Diese waren verrückt worden. Und weil weder der Harambascha[32], noch der Pfarrer die Sache zu schlichten vermochten, sondern gerade im Gegentheile ein Paar Pistolenschüsse oder Hiebe mit dem Handjar ordentlich in der Luft lagen, so bequemten sie sich dazu, ihren Streit vor Gericht auszutragen.
Heute ist in Dalmatien sowie anderwärts im Bereiche des österreichischen Staates die Trennung der politischen von der Gerichtsverwaltung durchgeführt; zur Zeit, in welcher unsere Gerichtsscene spielt, das ist im Anfange der sechziger Jahre, war aber der Prätor zugleich Richter und politischer Chef eines Bezirkes. In Sign war der Amtssitz eines solchen Prätors. Den Anschauungen der Morlaken entsprach diese Einrichtung viel mehr und besser, als die jetzt strenge gesonderte Wirksamkeit des Bezirksrichters von jener des politischen Chefs oder Bezirkshauptmannes. Bestehen doch heute noch in der angrenzenden türkischen Provinz Bosnien noch ganz ähnliche Verhältnisse, wo sogar der politische Chef eines Bezirkes, der Richter und auch der Steuereinnehmer in der Person des Muhdir's vereinigt sind. Nun fühlt sich zwar der Morlake keineswegs als Türke, aber er beobachtet türkische Sitten und Einführungen mit einer ehrerbietigen zur Nachahmung geneigten Aufmerksamkeit, weil ihm dieselben materiell und moralisch viel näher liegen, als die einen gewissen Grad von Cultur voraussetzenden gesetzlichen Zustände eines civilisirten Staates.
Ob damals, – noch vor wenigen Jahren – der Prätor mehr Pascha oder mehr Patriarch sein wollte, das hing rein von seinen individuellen Neigungen oder oft von seiner augenblicklichen Gemüthsstimmung ab. Einer Verantwortlichkeit konnte sich derselbe um so leichter entziehen, als er in seiner Eigenschaft als Richter von dem Landesgerichte, in jener eines politischen Bezirkschefs aber von der vorgesetzten politischen Behörde abhing. Darum war der Prätor ein gar gefürchteter Herr, dessen Machtspruch von den Morlaken mit derselben Ehrerbietung aufgenommen wurde, wie jener seines internationalen Amtsbruders, des nach dem Koran richtenden Muhdir's, von den benachbarten Türken.