Man darf sich unter einem morlakischen Gebirgsdorfe nicht die Vorstellung machen, die man im Allgemeinen mit dem Begriffe Dorf verbindet. Ein kleines ebenerdiges Haus ist an der Südseite irgend eines Hügels aus mächtigen halbbehauenen Quadern aufgeführt. Das mit Stroh oder rohen Schieferplatten gedeckte Dach zeigt in der Mitte eine grosse Oeffnung durch welche der Rauch entweicht und bei Regengüssen das Wasser eindringt. Den Boden dieses Hauses bildet die nackte Erde. Ein mit seinen vier Füssen in den Boden gerammter Tisch, zwei Bänke und eine in grellen Farben bemalte Truhe bilden die Einrichtungsstücke. Längs der einen Wand liegt Stroh aufgeschüttet, das manchmal mit einem groben Linnen bedeckt ist. Das ist das Bett. Ein Brett, ähnlich den Schlagbäumen in den Pferdeställen trennt das Lager der männlichen von jenem der weiblichen Familienmitglieder. Die gegenüberliegende Seite der Hütte dient als Stall für Pferde, Schafe und Kühe. In der Mitte ist auf einer Steinunterlage der Feuerherd angebracht, über dem an schwerer Kette ein mächtiger Kessel schwebt. Lange Flinten, silberbeschlagene Pistolen und krumme Handjars hängen an den Wänden. Vor dem Hause stehen gewöhnlich ein Paar Nussbäume oder Buchen. Zur Seite desselben ist der aus Steinen erbaute Schweinstall. Das ist ein Haus des Dorfes. Vielleicht steht auf Büchsenschussweite ein zweites, drittes oder viertes. Vielleicht aber ist es eine gute halbe Stunde bis zum nächsten Hause, das mit peinlicher Genauigkeit dem erstbeschriebenen gleicht. Zwölf oder fünfzehn solche Häuser bilden ein Dorf. Ein solches Dorf ist Vucenovich.
Morlakische Familie auf dem Wege zur Prätur in Sign.
Der Harambascha und der Pfarrer hatten einen heissen Nachmittag gehabt. Der Pfarrer hatte sein türkisches Pferdchen gesattelt und sein rothes Regendach hervorgeholt, um die beiden streitenden Parteien, die jeder in einer anderen Richtung eine Stunde vom Pfarrhause entfernt wohnten, womöglich zu einem Vergleiche zu bewegen. Mit ihm war der Harambascha gegangen, mit einem Arsenal voll Waffen im Gürtel und einer unmässig langen Flinte auf der Achsel. In beiden Häusern hatte man sie mit jener aufmerksamen Zuvorkommenheit empfangen, die zwei solchen Standespersonen gebührt. Hüben und drüben hatte der Domachin[33] sie eingeladen auf der Steinbank vor dem Hause Platz zu nehmen und der Domachizza[34] aufgetragen, Kaffee zu bereiten. Hüben und drüben hatten die Zwei mit dem Domachin lange und ernste Gespräche gehalten, die von Seite des Harambascha und des Domachin mit unterschiedlichen Flüchen gewürzt wurden, aber hüben und drüben hatten sie nichts erreicht. »Der Gospodine[35] Prätor soll entscheiden,« hiess es immer wieder, und was er bestimmen würde, solle geschehen. So konnten die Beiden nichts thun, als die Vereinbarung treffen, dass die eine Partei um drei, die andere um vier Uhr Früh vom Hause aufbreche, sonst möchte es noch Pistolenschüsse oder Hiebe mit dem Handjar geben, wenn sie auf der Strasse zusammenkämen. Das wurde zugesagt. Und so geschah es. – – –
Mit dem ersten Morgengrauen bewegt sich aus dem kleinen Hause heraus die Caravane. Voran der Domachin in seinem schönsten Gewande. Er hat das rothe silbergestickte Leibchen an und über die Achsel die braune Jacke von grober Schafwolle, deren Ecken vorn mit grünem Tuch besetzt und mit rothen Troddeln verziert sind. Um seine niedere rothe Mütze ist ein schmieriger vielfarbiger Turban gewunden. Ein langer Zopf baumelt ihm rückwärts herab, den die Domachizza gestern noch mit frischer Butter tüchtig gesalbt hat, – am Ende desselben sind schwarze Schnüre eingeflochten, die kleine Bleikugeln tragen. Weite, weisse Hemdärmel flattern um seine nervigen behaarten Arme. In den Fächern des breiten ledernen Gürtels stecken ein Paar silberbeschlagene Pistolen und ein krummgebogener Handjar nebst einem kurzen, scharfen Messer. Blaue türkische Beinkleider und Sandalen von rohem Leder vervollständigen seinen Anzug. Seinen Mantel hat er über den plumpen Holzsattel des kleinen Pferdes geworfen, die Fersen in zwei Schlingen gesteckt, die vom Sattel herabhängen und ihm als Steigbügel dienen. Ueber die rechte Schulter ragt die lange mit Steinschloss versehene Flinte, in der linken Hand hält er den unvermeidlichen Tschibuk. Zu beiden Seiten des Sattels baumelt je ein Paar fest an den Füssen zusammengeschnürter Hühner und an dem Schwanze des Pferdes ist an einem Stricke ein Schaf angehängt, das meckernd und widerwillig hinterherläuft. Hinter dem Schafe wandelt die Domachizza. Ein bis an die halben Waden reichendes auf der Brust offenes Hemd, ein eben solcher leinwandener Unterrock und ein langes Kleid von weissem, selbst gewebtem Schafwollstoffe, das, da es vorne ganz offen ist, eine entfernte Aehnlichkeit mit einem riesigen Frack hat, ist ihre Bekleidung. Auf dem Kopfe trägt sie ein rundes Gefäss von dünnem Holze, das einer Schachtel ohne Deckel und Boden gleicht, über dasselbe ist ein weisses Tuch unter dem Kinn zusammengebunden. Am linken Arme hängt ihr ein Körbchen mit Eiern, in dem bunten Gürtel, der sich um ihre Hüfte schlingt, steckt ein langes in einen Dreizack auslaufendes Holz, das ihr als Rocken dient und einen Busch Schafwolle trägt. In der rechten Hand hält sie ein mit einer kleinen Scheibe versehenes rundes Holz, das sie mit den Fingern in drehende Bewegung setzt. So spinnt sie während des ganzen Marsches. Mit ihr laufen zwei Kinder von acht bis zwölf Jahren. Man weiss nicht, ob es Knaben oder Mädchen sind, denn ihre Bekleidung besteht gleichmässig aus einem langen Hemde, einem rothen Gürtel und einem gleichfalls rothen Käppchen. So ziehen sie fünf Stunden weit zu Gericht, nach Sign, zuerst im Morgengrauen, dann in der sengenden Sonnenhitze, ohne je Halt zu machen, ohne ein Wort zu sprechen, der Mann zu Pferd und rauchend, das Weib hinter ihm ausschreitend und spinnend. So sind die Familien mit Kind und Kegel herangezogen von allen Seiten zum Gerichtstage und so haben sie sich zusammengefunden vor der Prätur in Sign. – – –
Es schlägt neun Uhr und der Gerichtsdiener schiebt sich etwas beiseite, um die Leute einzulassen. Flinte, Pistolen, Handjar und Messer werden jedem Einzelnen abgenommen und aufbewahrt, dann treten sie in das weite Vorgemach des Gerichtshauses. Die Männer wickeln sich langsam den Turban vom Kopfe, um beim Eintritte in das Zimmer auch die rothe Kappe abnehmen zu können, – die Weiber, die allenfalls vorgeladen sind, nehmen das Körbchen mit den Eiern mit sich. Die Männer rauchen, die Weiber spinnen.
Die Thüre des Zimmers öffnet sich und der Gerichtsdiener ruft in die Versammlung: »Mate Vucenovich!«
Zwei baumstarke Morlaken, wahre Hünengestalten, erheben sich gleichzeitig von der um das Zimmer laufenden Bank und antworten: »Evo!«[36]