Der Gerichtsdiener wirft einen Blick auf das Blatt Papier, das er in den Händen hält, und ruft abermals, indem er sich deutlicher erklärt: »Mate Vucenovich, Sohn des Ilia!«[37]
Abermals antworten ihm die beiden kräftigen Stimmen: »Evo!«
Das ist dem Gerichtsdiener wohl schon häufig vorgekommen. Sämmtliche Einwohner des Dorfes Vucenovich heissen nämlich Vucenovich, beide Vorgeladenen heissen Mate[38] und beider Väter hiessen Ilia. Es ist ein verwickelter Fall, aber der Mann weiss sich zu helfen. »Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Ante!« erschallt der an die Bibel mahnende Ruf, – und dies Mal ist es nur Einer, der ihm antwortet.
Der Prätor hat einen Uniformrock auf dem Leibe und eine schwarze Sammetmütze auf dem Kopfe. Er ist zufälligerweise nicht Pascha, sondern Patriarch. Darum empfängt er den Kläger mit einem derben Schlag auf die Schulter und fragt ihn, wie sich die Ernte angelassen. Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Ante fühlt sich überaus geehrt durch solchen Empfang und hegt überdies die Meinung, dass ein Prätor, der ihn so vertraulich empfängt, ihm unmöglich Unrecht geben kann. Darum steckt er seinen Tschibuk verkehrt zwischen Haut und Hemde in den Rücken, so dass die Pfeife gleich einem Wahrzeichen über seinem halbrasirten Kopf hinaussieht und fängt an den Casus zu erklären. Der Prätor lässt ihn ruhig aussprechen und gibt ihm immer Recht. Und da er fertig ist, wird wieder die Thüre geöffnet und dies Mal der »Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Pave«[39] gerufen.
Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Pave, wird bei seinem demüthigen Eintreten ganz wie sein Widersacher von dem Prätor empfangen. Ganz wie dem Ersteren nickt ihm der Prätor seine Zustimmung bei jedem Absatze der langen Rede zu, und ganz wie jener möchte Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Pave, darauf schwören, dass Gospodine Prätor, der so freundlich mit ihm ist, ihm unmöglich Unrecht geben könne. Soweit verläuft alles hübsch ruhig und friedlich. Als aber jetzt der erste Mate dem zweiten Mate antworten will, erheben Beide ihre mächtigen Stimmen, dass die Fenster klirren, und wer an derlei Scenen nicht gewöhnt wäre, wie es der Prätor ist, der würde kaum glauben, dass es ohne Mord und Todtschlag abgehen könne. Das käme vielleicht auch vor, aber Pistolen und Handjars und Messer ruhen beim Gerichtsdiener!
Jeder Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, behauptet unter grässlichen Flüchen, dass er die Gerechtigkeit seiner Sache feierlich beschwören könne. Jeder von ihnen lässt Drohworte ertönen, zwischen denen man ordentlich die Pistolen knallen hört und den Handjar blitzen sieht.
Da legt sich der Prätor in's Mittel. »Wem hat das Feld gehört, ehe Ihr es zu bearbeiten anfingt?«
Beide verstummen.
»Ich glaube, Ihr lasst die Marksteine stehen, wo sie sind,« sagt der Prätor, »und wenn Ihr nicht in Ruhe und Frieden nach Hause geht, so werden wir im Steueramte fragen, wem eigentlich das Feld gehört. Seid Ihr's zufrieden?«
Die Köpfe der beiden Mate hängen zu Boden, ihre Zöpfe richten sich auf.