Das ist die Ursache, warum der Antune jetzt Hausherr und Familienvater ist und der Ilia nichts zu trinken hat. Damit er und sein Bruder zu essen hätten, bequemte er sich, die Schafe des Pfarrers, der nur eine Stunde entfernt wohnte, zur Weide zu treiben. Da konnte der Ilia bei ihm bleiben. Des Nachts schliefen sie im Schafstalle, des Morgens bekamen sie Jeder ein grosses Stück Maisbrod mit auf den Weg und Abends fehlte es auch nicht an einem Bissen. Und dabei konnte er hin und wieder in seiner Hütte nachsehen. Es war zwar nichts da, das fortgenommen werden konnte, aber das Bewusstsein der Verantwortlichkeit machte sich doch geltend.
Weil das Wetter so schön und die Luft so lau, hatte er heute, am Weihnachtsabende, seine Schafe weit hinausgetrieben über die steinige Wüste. Dort sprosst junges Gras aus den Steinritzen, dort grünt noch ein oder das andere Blatt an einsam stehenden verkrüppelten Bäumen und Sträuchern, dort sitzt er auch sonst gerne mit dem Ilia, weil er den ganzen Tag über keines Menschen ansichtig wird und nachbrüten kann über das ihm unbekannte Schicksal des Vaters und der Mutter. Er denkt auch gerne daran, wie er an den Gendarmen sich rächen könne, aber früher müssen Vater, Mutter und Flinte wieder in der halbverfallenen Hütte sein.
Die Hirtenknaben am Weihnachtsabend.
Halt! Was war das? Ein dröhnendes Pfeifen tönt aus der Schlucht die jene beiden Felsen trennt – ein Rauschen folgt nach, als ob Millionen von kleinen Steinchen gegen den Felsboden geworfen würden – die Schafe, die weit zerstreut ihre magere Atzung suchten, drängen sich herbei gegen die schützende Felswand und ein eisigkalter Luftstrom braust über den Felsboden hin durch die grün und roth ausgenähte Jacke des Antune und durch das Hemd des Ilia.
Die Bora ist's, die Bora, wie man sie nur in Dalmatiens felsigen Bergen kennt, wo sie plötzlich hereinbricht mit Riesenkraft und Donnergeheul, wo sie Bäume entwurzelt, Felsstücke hinabrollt über die Berge, Hütten wegfegt und das kletternde Vieh hinabstürzt in gähnende Gründe. Die Bora ist's mit ihrem eisigen Hauch, der in wenigen Stunden die jungen Triebe, die ein falscher Frühling hervorgelockt, farblos hinlegt auf den Boden als wenn sie verbrannt wären und glitzernde Eiskrystalle über Berg und Thal zaubert.
Jetzt nach Hause treiben? Nein – das thut der Antune nicht – denn er ist ein Mann und weiss, dass ihm seine Schafe hinabgefegt würden über den Berg wie die Strohhalme. Er weiss auch, dass er vor fünf Stunden nicht nach Hause käme, während die Sonne in zwei Stunden bereits hinter den Berg sinken müsse. Er thut Besseres: er wälzt Steine zusammen gegen die Felswand, die ihm den Rücken wider die Bora schützt.
Ein Haus kann er flugs nicht bauen, aber eine kleine Cyklopenmauer kann er aufführen von ungefügen Steinen und sich auf diese Weise gegen zwei Seiten hin schützen. Das thut er auch mit festverbissenen Zähnen, ohne ein Wort zu sprechen. Der Ilia hilft ihm weinend. Dann treiben sie die Schafe näher zusammen und als die Sonne zu Rüste geht, setzen sie sich hin, Antune an die Felswand gelehnt und den Ilia mit beiden Armen umfangend. Früher hat er dem Ilia seine Jacke angezogen. Er und Ilia haben zwei Schafe bei ihrem Vliess gepackt und enger an sich herangezogen. Dann geht die Sonne unter. Dann brüllt die Bora und mit ihr zieht Frost und der heilige Abend in das Land. Antune und Ilia drückten sich enger zusammen.
Sie schlafen. Ob der Antune von der Rache träumte, die er an den Gendarmen nehmen will? oder der siebenjährige Ilia von der Muttermilch, die er so schmerzlich entbehrt? Das hat man nie erfahren.