Dass die amtliche Wiener-Zeitung eines schönen Tages unter den von der Rinderpest heimgesuchten Bezirken auch jenen aufgeführt hatte, in welchem die halbverfallene Hütte des Grgur Staricic steht, war Letzterem ein Geheimniss geblieben, denn eine Zeitung und eine Eisenbahn waren Dinge, deren Dasein er bis jetzt nicht einmal ahnte. Ausserdem stand in gut gemessenem Umkreise von einer Stunde kein Haus in der Nähe des seinigen und da konnte Grgur Staricic nicht viel mit Nachbarn verkehren, die ihm die Neuigkeit von der Rinderpest mitgetheilt hätten. Da war aber eines schönen Tages der Harambascha[43] gekommen und hatte sich zu dem Feuer gesetzt, das mitten in der Hütte am Boden flackerte. Der hatte ihm von Dem und Jenem erzählt, wie nämlich die Zeiten so schlecht und die Polenta immer seltener würde, wie aus dem nahen Bosnien herüber Räuber gekommen und eine Caravane ausgeraubt hätten, die gegen Spalato gezogen, wie der Herr Steuereinnehmer so viele Leute pfänden lasse, trotzdem im Bezirke seit Monaten die Hungersnoth herrsche und schliesslich wie allenthalben eine böse Krankheit das Vieh befalle und viele Bekannte um ihren ganzen Viehstand gekommen seien. Darauf hatte der Grgur entgegnet, wie es ihm auch nicht besser ginge, wie er vor vierzehn Tage seinen lahmen Gaul und die letzten zwei Schafe verkauft habe und nichts mehr hätte als die einzige Kuh. Bei diesen Worten hatte sein Weib, die Mande[44], die bisher spinnend im Winkel gesessen, aufgeseufzt und die Bemerkung hingeworfen, dass die Kuh seit zwei Tagen nicht mehr fressen wolle und wohl krank sein müsse. Ja, – krank, und unser Herrgott besser's.
Grgur Staricic war aber ein guter Hausvater und hielt etwas auf Schick und Sitte. Darum rief er seinem Weibe, das sich unterstanden hatte, in Gegenwart von Männern zu sprechen, einen Fluch zu. Das hinderte jedoch nicht, dass er und der Harambascha hinausgingen zu der kranken Kuh, die hinter der Thür auf dem Boden lag. Und da hatte der Harambascha, der, ein sehr gescheidter Mann, sogar ein Mittel wider Schlangenbiss und Fieber wusste, gesagt, die Kuh hätte die Rinderpest und müsse erschlagen und verscharrt werden. Darüber aber ergrimmte der Grgur und schwor, er werde den Harambascha niederschiessen, wenn er ihn oder seine Kuh noch einmal verunglimpfe.
Nun, der Harambascha fluchte auch nicht wenig und ging fort, indem er seine Flinte über die Schulter warf und im Fortgehen dem Grgur einen bösen Blick zusendete. Und Tags darauf kam eine ganze Cavalcade, ein Beamter in Uniform, der Bezirksarzt und der Gerichtsdiener zu Pferde, dann zwei Gendarmen zu Fuss. Die untersuchten die Kuh und fanden sie erkrankt; der Grgur musste sie selbst schlachten und dann eine tiefe Grube graben, wobei ihm Mande und der Antune getreulich, aber grollend halfen. Da hinein wurde der Cadaver geworfen, Erde darüber gestampft und der Grgur dafür verantwortlich gemacht, dass Niemand die verpestete Grube öffne. Dann ging die Commission wie sie gekommen war.
Es war aber Weihnachten und Neujahr vor der Thür, die heilige Zeit, die sich in Dalmatien nicht in dem hellen schneeschimmernden Kleide zeigt, wie bei uns zu Hause. Wenn im Norden der Winter über die Flur streicht und die Nebelflocken hinfegen über die kalte Erde, dann schleicht oft ein zweiter falscher Frühling über die steingepanzerten Dalmatiner Berge. Die Sonne steigt dann glanzvoll aus dem feinen duftigblauen Nebel, den die Nacht über Berg und Thal gebreitet, und giesst in verschwenderischer Pracht ihre funkelnden Lichter über das gelbschimmernde Gestein. Wo den langen Sommer über die brennend heissen, kaum je vom Regen genetzten Felsen in kahler Dürre starrten, da locken jetzt die täglichen Niederschläge und die im Boden haftende Wärme eine späte Vegetation hervor, das Trugbild eines rasch vorübergleitenden Frühlings.
Für den Morlaken sind das prächtige Tage. Er kann sein Vieh auf die zerklüfteten Bergabhänge treiben, wo es nach Monaten wieder frisches Futter findet; er kann sich faul hinauslegen vor seine Hütte mit dem Pfeifenstummel im Munde, während sein Weib, das beste Lastthier, das er besitzt, verkümmertes Reisig einsammelt für den Winterbedarf; hin und wieder gelingt es ihm auch, eine Gans, oder eine Ente oder sonst einen Zugvogel zu erlegen, der über die steinerne Wildniss gegen den Süden streicht, und Trinkwasser, das sein Weib den Sommer über aus einer zwei Stunden weit entfernten Pfütze nach Hause schleppen musste, das findet er und sein Vieh jetzt im Ueberfluss. In der Hütte stehen auf einem hohen Verschlage, – damit die genäschigen Ziegen nicht dazu gelangen, – ein Paar Säcke mit Moorhirse und Mais, sein Brod für den Winter; mit dem Gelde, das er für einen Hammel erhalten, hat er die Steuern gezahlt; einige Ziegen und Schafe, vielleicht auch ein Schwein, theilen mit ihm das schützende Dach seiner Hütte und schützen ihn und die Seinigen den Winter über vor Hunger.
Freilich stört dann die eisige Bora manchmal sein Stillleben, wenn sie durch die nackten Gebirgsschluchten einherbraust und in wenigen Stunden das trügerisch hervorgelockte Frühlingsbild verscheucht. Dann wickelt der Morlake sich in seinen braunen Mantel und streckt sich, so lang er ist, neben dem Feuer aus, das mitten in der Hütte brennt. Die Pfeife im Munde überlässt er sich dann träumerischem Behagen und denkt an die nahenden Weihnachten. Vielleicht gestattet er dann auch seinem Weibe, wenn es von der Holzsuche oder mit dem gefüllten Wassereimer auf dem Rücken halberstarrt in die Hütte tritt, sich neben ihm zum Feuer zu hocken und die erstarrten Glieder zu wärmen – vielleicht, denn das Weib ist dem Morlaken ein tief unter ihm stehendes Geschöpf, dem es nie gestattet ist seinen Platz am Tische und nur selten das wärmende Feuer mit ihm zu theilen.
Dieses Jahr hatte sich aber gar schlecht angelassen für die Morlaken auf weit und breit in der Runde. Der Harambascha hatte Recht gehabt und Grgur Staricic wusste es, ehe der Harambascha es ihm erzählte, dass kein Mais und kein Moorhirse in den Hütten zu finden sei, dass die Schafe und Ziegen schon vor Monaten auf den Markt wandern mussten, dass ihm das Mehl für den Winter und das Saatkorn für das Frühjahr fehle, und dass es ihm ganz verteufelt schlecht gehen werde. Und die Festtage waren vor der Thüre! Festtage ohne Schafbraten, ohne Wein und ohne Schnaps, die ihm doch sonst niemals gemangelt!
Kein Braten, kein Wein, kein Branntwein, kein Pulver mehr im Hause und keinen Tabak im Beutel – aber hundert Schritte hinter dem Hause die frisch vergrabene Kuh. Grgur Staricic versteht es besser als der Prätor, der Bezirksarzt und alle diese Herren miteinander. Darum rief er der Mande und ging hin zur frisch gefüllten Grube. Die Mande schleppte zwei Spaten herbei und dann gruben die Zwei, bis der Cadaver wieder an's Tageslicht kam. Der wurde zerstückt in's Haus geschleppt. Braten, guten frischen Braten, hätten sie jetzt in Hülle und Fülle – wenn nicht gerade während der Arbeit wieder die leidigen Gendarmen gekommen wären, die gar wohl ihre Leute kennen mochten.
Da war aber der Grgur Staricic wild aufgefahren und hatte sich mit der Hacke zur Wehre gesetzt als die Gendarmen ihm seinen Festbraten nehmen wollten; und als sie ihn überwunden, da feuerte die Mande aus der Hütte auf die Gendarmen – zum Glück, ohne sie zu treffen, denn die Kugel durchlöcherte nur des Einen Mantel. Darum hatten die Gendarmen den Grgur Staricic mit einem soliden Handeisen an die theure Mande gefesselt, die Flinte mitgenommen und alle Drei, den Grgur, die Mande und die Flinte dem nächsten Bezirksgerichte übergeben.