Es gibt viele Husseins, viele Bauern und sehr viel unbebautes Land in Bosnien. Auch haben viele Bauern hübsche Töchter, aber kein Bauer hat ein Feld, kein Bauer irgend ein Eigenthum. Wenn man darum von Unruhen in Bosnien hört, so möge man doch den richtigen Massstab anlegen und bedenken, dass Aehnliches, wie ich es jetzt erzählte, dort alle Tage vorkommt. Die Folgerungen sind dann leicht.
Morlakischer Winter.
An ein Felsstück gelehnt, von rauhem, zackigem Gestein umgeben, sass der Antune, das verkleinerte Bild eines herabgekommenen Morlaken, und sein Bruder Ilia lag ruhig ausgestreckt zu seinen Füssen. Was den Antune im Augenblicke am meisten ärgert, ist, dass die Thonpfeife, die er zwischen den Zähnen hält, seit mehreren Tagen nicht gefüllt wurde. Männern, wenn sie Morlaken sind, ziemt zu rauchen, und Antune zählt bereits dreizehn Jahre. Ausserdem vertritt er gegenwärtig Vaterstelle bei seinem noch nicht siebenjährigen Bruder Ilia und waltet als Hausherr in dem einer Hütte ähnlichen Trümmerhaufen, der höchstens drei Stunden von hier entfernt, an dem Südhange eines steinigen Hügels steht.
Hausherren und Familienväter haben ihre Sorgen, darum denkt Antune emsig darüber nach, wie er es machen solle, um den Bruder Ilia mit dem gleichen Kleiderschmuck zu versehen, den er selbst trägt. Denn der Antune hat eine rothe Mütze und um dieselbe herum einen durchlöcherten Lappen als Turban; Antune besitzt einen kleinen Zopf, der, durch Bindfaden verlängert und mit kleinen Bleikugeln beschwert, ihm rückwärts gar stattlich herabhängt. Antune ist mit blauen, zerrissenen, türkischen Hosen und mit einer etwas zu klein gewordenen, aber grün und roth benähten braunen Jacke bekleidet; um des Antune Leib prangt ein schwerer Ledergürtel, in dem zwei mächtige Messer stecken. Antune hat eine, wenn auch leere Pfeife zwischen den Zähnen und Ilia – besitzt nur ein langes weisses Hemd und eine rothwollene Leibbinde, sonst nichts.
Antune und Ilia.
Ilia ist ja noch ein Kind und trank bis gestern die Muttermilch, denn ein ordentliches Morlakenkind wird nicht der Mutterbrust entwöhnt, ehe es sieben Jahre alt ist. Der Antune aber ist ein Mann, er hat aus der fünf Fuss langen Flinte seines Vaters auf Hasen und Schnepfen schon mehr Pulver verschossen, als Andere von seinem Alter gesehen; er hat selbst und ganz allein schon einen Hammel geschlachtet; er wusste den schweren Holzsattel auf das alte Pferd zu legen und war mehr als einmal mit einem halben Dutzend Hühner am Sattel und einem Fluch auf der Zunge, – so oft nämlich der magere Gaul stolperte, – auf den Markt nach Sign geritten. Vor Allem ist er jetzt Hausherr und Familienvater. Mit dem erhebenden Bewusstsein des Besitzes ist aber auch die Sorge bei ihm eingezogen, denn gegenwärtig hat er nichts zu rauchen und sein Bruder nichts zu trinken; die fünf Schuh lange Flinte, seinen Stolz, haben die Gendarmen mitgenommen, und mit der Flinte den Vater und mit dem Vater die Mutter.