Es hat mit dem Bodenbau sein eigenes Bewandtniss in Bosnien. Der Grund und Boden gehört niemals Jenem, der ihn bebaut. Die Begs – gewöhnlich Nachkommen der im siebzehnten Jahrhunderte zum Islam übergetretenen slavischen Adelsgeschlechter – haben den Boden durch einfache Besitznahme, zuweilen auch durch Mord und Raub erworben. Zuweilen ist das Besitzrecht auch der Preis für den seinerzeit erfolgten Uebertritt zum Islam. Ein Kataster, ein Grundbuch, eine nachweisbare oder ersichtliche Besitzgrenze gehören in den Ebenen und auf den Bergen Bosniens zu den unbekannten Dingen. Der Bauer – Grieche oder Katholik, aber immer Slave – dessen elende Hütte in einer der in den Berg hineinlaufenden Mulden steht, hat Weib und Kind, aber nichts zu essen. Darum spannt er, wenn das Frühjahr gekommen, seine Ochsen ein und bearbeitet ein Stück Land. Das bestellt er mit Getreide oder Tabak und nährt sich bis zur Ernte kümmerlich von halbwilden Früchten und in der Asche gebratenen Maiskolben. Vielleicht hat er auch ein Paar Hammel – dann gehört er schon zu den Wohlhabenden. Kommt nun die Zeit der Ernte, so steht es ganz in der Hand des Begs, ob er selbst oder der Bauer dieselbe heimbringen soll. Vergleicht sich der Bauer mit dem Beg – leistet er von der Ernte dem Beg eine Abgabe, die dessen Ansprüchen genügt, so kann er sich den Rest nach Hause schaffen und hat bei der ausserordentlichen Fruchtbarkeit des beinahe jungfräulichen Bodens und bei seiner unglaublichen Mässigkeit die nöthige Atzung bis zum nächsten Jahre. Gelingt es ihm aber nicht, sich mit dem Beg zu vergleichen, so erklärt dieser einfach, dass der Grund und Boden sein Eigenthum sei, dass der verfluchte Giaur ohne jede Erlaubniss denselben bebaut habe und lässt die Ernte durch seine Diener heimführen. Zuweilen kommen auch noch andere Verhältnisse mit in's Spiel.
Die bosnischen Türken machen von ihrem Rechte zur Vielweiberei nicht immer oder nur einen sehr mässigen Gebrauch. Sie sind eben der Abstammung nach keine Moslems und finden schwer die nöthige echt orientalische Gelassenheit, die dazu gehört, es mit mehr als einem Weibe auszuhalten. Aber die Bauern, die Giaurs, haben oft hübsche Weiber und erwachsene Töchter und – der Beg ist der Herr! Da kommen oft Meinungsverschiedenheiten vor und ich sollte heute noch eine kleine Probe davon sehen.
Der österreichische Consular-Agent in Livno war, wie mir bekannt, nach Mostar gereist und der Mudir, die höchste obrigkeitliche Person in jener Stadt, hatte mir Tags zuvor durch einen Diener Mahmud Firdus Begs seinen Gruss entbieten lassen und mich eingeladen, ihn zu besuchen. Seit mehr als einer halben Stunde schon zeigte sich uns im Süden der Ebene auf einem Hügel, der wie ein Vorgebirge in dieselbe hineinragte, das alte zerfallene Castell, um welches herum die Stadt Livno liegt. Wir mussten einen kleinen Umweg machen, weil gerade vor uns eine zahlreiche Heerde von riesigen Büffeln weidete, durch welche zu reiten sehr bedenklich gewesen wäre. Als wir in einem kleinen Halbkreise um dieselben herum geritten waren, befanden wir uns auch am Fusse der Anhöhe und unmittelbar vor den ersten erbärmlich gebauten Häusern der Stadt. Mahmud Firdus Beg stemmte das Pfeifenrohr auf den rechten Schenkel und stiess seinem Pferde die scharfen tellerartigen Bügel in die Weichen. Ein Türke reitet nie anders in eine Stadt als im Galop. Und so sprengten wir denn den mit runden Steinen gepflasterten Weg im scharfen Galop bergan, dass die Funken stoben und das Pferd eines unserer Diener elend auf Knie und Nase stürzte, während der Reiter über den Kopf desselben ein paar Schritte weit bergauf flog.
Vor einem altertümlichen einstöckigen Gebäude machten wir Halt. Dasselbe war aus Quadern gebaut, hatte im Erdgeschosse auf kurzen starken Säulen ruhende Laubgänge und war offenbar nicht türkischen Ursprungs. Es mochte wohl noch aus dem vierzehnten oder fünfzehnten Jahrhundert stammen, als die Slaven Herren des Landes waren und italienischer oder deutscher Kunstsinn auch auf ihre Bauten seinen Einfluss übte. Dass es jetzt in türkischen Händen ist, dafür zeugten die Rundbogenfenster des ersten Stockwerkes, die zur Hälfte mit roh behauenen Steinen vermauert waren.
Wir übergaben die Pferde den Dienern und schritten die sehr schmutzige Wendeltreppe hinan. Vor der Thüre entledigte sich Mahmud Firdus Beg seiner gelben Reitstiefel, und schritt, ohne anzuklopfen, in das Zimmer – mir als einem fremden »Effendi« war es gestattet meine Fussbekleidung zu behalten.
Ein grosses Gemach mit zwei Thüren und einem breiten Fenster. An der einen Seite desselben ein hoher schwerer, aus irgend einem schönen Holze ohne jede Kunstfertigkeit gezimmerter Glaskasten, in welchem Pistolen, Gewehre, Handjare, dann mit Silber beschlagene Kopfgestelle für Pferde hingen und der die eine Wand des Zimmers vollständig einnahm. Längs der anderen drei Wände ein niederer, sanft gegen die Mauer aufsteigender Bretterverschlag, ähnlich den sogenannten Pritschen unserer Wachstuben, mit Teppichen belegt, auf demselben eine grosse Menge von Pölstern: der Divan. Ueber dem Steinboden des Zimmers ein sehr schöner Teppich. Von sonstigen Einrichtungsstücken keine Spur. Das war das Amtszimmer des Mudirs von Livno.
Der Mudir selbst sass mit unterschlagenen Beinen gerade der Thüre gegenüber auf dem Divan und hatte den Schlauch einer türkischen Wasserpfeife – des Nargilés – in der Hand, mit dessen Mundstück er nachlässig spielte. Rothe Pumphosen, ein rothes silberverziertes Leibchen und über demselben eine grüne, mit Silberknöpfen verzierte und mit Pelz ausgeschlagene Jacke bildeten seine Bekleidung. Auf dem Kopfe trug er einen Fess ohne Turban, die Füsse waren nackt. Neben ihm sass ein anderer – ein »civilisirter« Türke. Er war mit schwarzen Pantalons und einem schwarzen verschnürten Rock bekleidet, wie ihn die Beamten in Konstantinopel zu tragen pflegen. Auch trug er lackirte Schuhe und rauchte keinen Tschibuk, sondern eine Cigarrette. Das ist die türkische Civilisation, wie sie im Buche steht. Beiläufig gesagt, erfuhr ich später, dass der »civilisirte« Türke aus Konstantinopel gekommen war, um die Steuercasse des Mudir zu scontriren und bei dieser Gelegenheit einen Abgang von zweihunderttausend Piastern gefunden habe. Ob der Mudir die Summe ersetzte oder nicht, ist mir nicht bekannt geworden, nur erfuhr ich, dass er später in Folge dieser kleinen Unregelmässigkeit nach Damascus versetzt wurde. Da ein Mudir Ortsvorstand, Steuereinnehmer, Richter und politische Behörde – alles in Einer Person – ist, so lässt sich die rücksichtsvolle Behandlung eines so wichtigen Beamten wohl erklären.
Der Mudir und sein Gast grüssten uns höflich ohne aufzustehen, und nachdem wir Beide Platz genommen, bot mir, als dem fremden »Effendi«, der Mudir den Schlauch seines eigenen Nargilés an, während er sich selbst einen Tschibuk geben liess. Da gerade eine gerichtliche Verhandlung vorgenommen werden sollte, ersuchte mich der Mudir, ihm zu erlauben, dass er dieselbe beendige, worauf er mir zu Diensten stehen, oder – wie er sich ausdrückte – sich meiner Anwesenheit erfreuen wolle. Darauf klatschte er in die Hände und zwei Diener traten ein. Der eine derselben zog aus dem Gürtel ein kleines metallenes Tintenzeug, das er stehend seinem Gebieter hinhielt, der Andere schob einen sehr defect gekleideten alten Bauer vor sich her, der einen durchlöcherten Fess in den Händen hielt, während von seinem von den Schläfen bis zum Scheitel glattrasirten Kopf rückwärts ein dünner Zopf herabbaumelte. Ein Mädchen im Alter von dreizehn oder vierzehn Jahren folgte. Sie trug weite Pumphosen von blauer Leinwand, keine Schuhe oder Strümpfe, und ein enges, vorne offenes gleichfalls blaues Jäckchen. Zwei prachtvolle braune Zöpfe hingen ihr fettgetränkt über den Schultern. Hände und Füsse waren roth vom Einflusse der wechselnden Witterung und vielleicht der schweren Arbeit, aber ihr feingeschnittenes Gesicht war das einer Juno und ihr Wuchs der einer Hebe. Sie weinte.
Die Verhandlung spielte sich sehr glatt ab. Ein gewisser Hussein Beg hatte dem Bauer den Tabak wegnehmen lassen, den derselbe geerntet und zubereitet hatte. Dazu hatte er das Recht, denn der Tabak war auf seinem, Hussein Beg's, Grund und Boden gewachsen. Vielleicht hätte der Beg Erbarmen gehabt mit dem unglücklichen Bauer. Aber es war ein kleiner Zwischenfall dazu getreten. Die Jele (Helene), die Tochter des Bauers, hatte in der Nähe von Hussein Beg's Wohnhaus Schafe gehütet. Und als Hussein Beg Abends nach Hause kam, gab er ihr beim Absitzen die Zügel des Pferdes mit dem Auftrage, es in den Stall zu führen. Als aber Jele im Stalle war, da kamen zwei Diener des Hussein Beg und schleppten sie in dessen Haus. Des andern Morgens wurde sie entlassen und weil sie einen Bündel von Maiskolben nicht annehmen wollte, die ihr Hussein hatte verabfolgen lassen, so tractirten sie die Diener mit Faustschlägen. Tags darauf liess Hussein Beg den Tabak aus des Bauers Hütte wegschleppen, seinen, des Hussein Beg's, Tabak.
Das Alles kam umständlich und klar an den Tag. Hussein Beg war nicht zur Verhandlung erschienen, weil er vor zwei Tagen eine Reise nach Sarajevo unternommen hatte. Der Mudir befragte den Bauer und die Jele und notirte Einiges in die Schreibtafel, die er in der linken Hand hielt. Dann sprach er das Urtheil. Der Bauer musste wegen Usurpirung fremden Bodens fünfzig Piaster (fünf Gulden) Strafe zahlen. Wenn er sie nicht zahlen könne, so möge man ihm drei Hammel confisciren und da er und die Jele anfingen zu weinen, so wurden sie beide zur Thüre hinausgeworfen. Dann steckte der Mudir seine Schreibtafel wieder in den Gürtel und die Diener brachten uns prächtig duftenden schwarzen Kaffee.