In der uralten Domkirche, die um das Jahr 900 erbaut wurde, und deren ganze mächtige Wölbung auf vier Granit- und Marmorsäulen ruht, zeigt ein ober dem Hochaltar angebrachtes Marmorfries die Thaten des Kirchen- und Schutzpatrons. Der heilige Tryphon war nach der Legende ein Mensch, der, zu Kampsade bei Apamea in Phrygien geboren, schon seit seiner frühesten Jugend sich mit Teufelaustreiben beschäftigte und diese Beschäftigung auch nicht aufgab, bis er unter dem Kaiser Philippus von dem Präfecten Aquilinus gemartert und schliesslich geköpft wurde. In der Schatzkammer der Domkirche sind sehr schöne Marmorsculpturen, welche des Heiligen Martern darstellen; der erwähnte Fries ober dem Hochaltar aber zeigt die Wunder des Heiligen, die er an verschiedenen Besessenen durch Austreibung böser Geister geübt hat – schliesslich flieht ein entsetzlich aussehender Teufel mit Fledermausflügeln und Krallen, während Tryphon ihm eben den Schweif ausreisst.

Ein so tapferer Mann konnte und musste den kriegerischen Bocchesen als der richtige Heilige erscheinen. Als daher die Venezianer im Jahre 809 seinen Körper nach Cattaro brachten, war das Volk hocherfreut darüber, erbaute ihm zu Ehren die Kirche und begab sich unter sein Protectorat. Was aber die pfiffigen Venezianer als Gegenleistung dafür verlangten, dass sie den heiligen Körper von Nicäa auf einem eigenen Schiffe hieher geführt, das weiss man heute nicht mehr – wenigstens konnte ich es ebensowenig in Erfahrung bringen als den Grund, aus welchem hier Jedermann mit einem kleinen Arsenal von Waffen im Gürtel herumgeht.

Nicht weniger wehrhaft als die Männer scheinen die Boccheser Frauen zu sein.

An dem Canale von Cattaro, kaum eine halbe Stunde von dieser Stadt entfernt, liegt Dobrota, ein grosser, hübscher Ort, grösser und viel schöner als Cattaro selbst. Jedes Gebäude dieses Orts bildet für sich eine kleine Festung, ist von den Nachbarhäusern durch einen Garten und tüchtige mit Schiessscharten versehenen Mauern abgesondert. Die Eingänge zu diesen Häusern sind gewölbt, die Thüren von massivem Holz und mit Eisen beschlagen. Neben jeder Hausthüre sind wieder zwei Schiessscharten und unter jedem Fenster sind durch die Mauer zwei Löcher von beiläufig zwei Zoll im Durchmesser gebohrt. Ich konnte lange nicht mit mir in's Reine kommen, welchen Zweck diese ungefähr einen Fuss ober dem Fussboden des Zimmers angebrachten und schräg nach abwärts durch die Mauer laufenden dünnen Canäle haben sollten. Da brachte mir ein günstiges Geschick angenehme Gesellschaft und die gewünschte Erklärung. Beides zugleich.

Wo die Natur so arm und die Umgebung so wild ist, da kann auch der Charakter der Bewohner nicht anders als düster sein. Das ist auch in der Bocca di Cattaro der Fall. Die heitere Beweglichkeit, die hellen Farben in der Kleidung, das laute, lärmende, öffentliche Leben, Dinge, die allerwärts den Süden so schön und seine Bewohner so anmuthig erscheinen lassen, sie fehlen in der Bocca gänzlich. Der richtige Bocchese ist entweder zur See oder er hat sich auf seinen Seereisen ein Stück Geld erworben und heimgebracht; dann geht er in dunkler, halb städtischer, halb slavisch nationaler Kleidung, mit dem langen Tschibuk in der Hand, gemessenen Schrittes durch die Strassen, sitzt mit seinen Genossen plaudernd in irgend einem der kleinen Kaffeehäuser oder späht auf der Marina unter den ankernden Küstenfahrern herum, ob sich nicht in irgend einer Weise ein vortheilhaftes Geschäft, irgend ein Handel machen lasse. Sein Weib und seine Tochter aber, die bleiben unter allen Umständen zu Hause, – es wäre eine Schande, wenn sie sich auf der Strasse sehen und von fremden Männern ansehen liessen, eine Schande für den Herrn des Hauses, für die Weiber, für die Familie. Man ist hier an der Grenze des Orients.

Zwischen dem Bewohner der Stadt und dem sogenannten Bauer gibt es in dieser Beziehung wenig oder keinen Unterschied. Beide tragen dieselbe finstere Würde zur Schau, wenn sie sich auf der Gasse zeigen, – beide halten die Arbeit für unvereinbar mit der Würde eines freigebornen Mannes. »Die Arbeit ist für die Sclaven«, das ist ihr Losungswort. Leider gibt es in der Bocca di Cattaro keine Sclaven mehr und so bleibt die Arbeit eben liegen. Es geht auch ohne dem.

Ich hatte in Cattaro die Bekanntschaft eines jungen Schiffscapitäns gemacht. Der Mann war, so jung er schien, weit herumgekommen in der Welt und hatte vieles von der trockenen und rauhen Aussenseite abgeschliffen, die seinen Landsleuten sonst in so hohem Grade eigen ist. Ja, – selbst über gewisse Vorurtheile vermochte er sich hinauszusetzen, denn er sprach mir von seiner Schwester, einem jungen Mädchen, das nach dem Tode der Aeltern im Hause die Wirthschaft führte. Er sprach von ihr ohne früher um Entschuldigung zu bitten, als ob er von einem unreinen oder ekelhaften Gegenstande gesprochen hätte, und lud mich sogar ein ihn in seinem Hauswesen zu besuchen. Er wohne in Dobrota, eine halbe Stunde von hier entfernt, und wenn ich wolle, sei er bereit mich hinauszuführen. Ich willigte ein.

Die Sonne warf eben ihre letzten Strahlen wie flüssiges Gold über die Kuppen der hohen Berge und der breite Canal kleidete sich in schwarzblaue Tinten. Kleine Fischerboote fuhren bei kaum merkbarem Winde hin über die dunkle Fläche und eine tiefe Frühlingsabendstille senkte sich über die schwarzen Berge und die tiefdunkle See.

Diese feierliche Stille wurde kaum unterbrochen, als wir nach kurzem Gange nach Dobrota kamen. Dobrota ist nur von Schiffscapitänen bevölkert. Folge davon ist, dass man in ganz Dobrota kaum eines erwachsenen Mannes ansichtig wird. Früher erlernten die Dobrotaner die Führung eines Schiffes nur practisch und konnten selten schreiben und lesen. Seitdem der Staat aber die Ausstellung eines Capitän-Patents von dem Erfolge einer theoretischen und practischen Prüfung abhängig macht, besuchen sämmtliche Jungen die nautische Schule, lernen etwas Tüchtiges und gehen dann auf die See. Natürlich sind sie immer auf kleinen Reisen begriffen, schicken Briefe aus New-York, Marseille, London, St. Francisco, Hongkong und Gott weiss woher sonst noch, aber nach Dobrota kommen sie alle zwei oder drei Jahre einmal auf wenige Tage.