Früher traf es sich hin und wieder, dass aus den schwarzen Bergen herab eine kleine nächtliche Expedition unternommen wurde, um von den Familien der abwesenden Schiffscapitäne ein wenig von all' den schönen Sachen, den glänzenden Goldstücken und dem hübschen Geschmeide zu holen, das die in der Welt herumfahrenden Hausväter heimgesendet oder gelegentlich mitgebracht hatten. In den Häusern waren nur Weiber und Kinder, höchstens noch ein Knecht. Wenn nun verdächtiges Gesindel den Eingang des Nachts erzwingen wollte, so wurden lange Gewehre mit erweiterter Mündung durch die unter den Fenstern angebrachten Canäle gesteckt, von welchen ich früher erzählte, und ohne zu zielen einfach abgefeuert. Denn die Canäle sind so gebohrt, dass immer einer die Eingangspforte des von Mauerwerk aufgeführten, von der Gasse gegen das Haus führenden Ganges bestreicht, der andere die Hausthüre selbst.

Wir kamen an das Haus meines Freundes. Ein Knecht öffnete uns nachdem wir an der Pforte geläutet, und wir schritten einen langen zwischen zwei hohen Mauern im Zikzak laufenden Gang entlang gegen das eigentliche Wohngebäude. Der Gang erinnerte einigermassen an den gedeckten Weg einer Festung und mochte auch ungefähr dieselbe Bestimmung haben. An der Thüre des Hauses abermaliges Läuten, darauf eilende Schritte von Innen, – die Thüre öffnete sich und vor uns stand die Schwester meines Freundes.

Ein schönes, schlankes Mädchen mit prachtvollen dunkeln Augen und reichem schwarzen Haare, stand sie in einfachem schwarzen Kleide unter der Thüre und wurde nicht im mindesten verlegen, als ihr Bruder uns einander vorstellte. Ja, sie bot mir die Hand mit der einfachen und unbewussten Eleganz einer Weltdame und übernahm es augenblicklich mir Garten und Haus zu zeigen, während der Bruder einige alte Prachtwaffen herbeiholte, von denen er mir früher schon gesprochen hatte.

Während wir die höchst reinlich gehaltenen mit tüchtigen Fensterbalken und Schiesscanälen versehenen Zimmer durchschritten, erzählte mir meine schöne Führerin, wie ihre Grossmutter, die erst im vorigen Jahre beinahe achtzig Jahre alt gestorben, als deren Kinder noch klein waren und sie mit zwei Mägden und einem Knechte die ganze Besatzung des Hauses bildete, einmal dasselbe vor Nachtszeit gegen einen von mehr als dreissig Räubern unternommenen Ueberfall vertheidigte. Das Mädchen wies mir die Schiessscharten, durch welche die Grossmutter gefeuert hatte und schleppte ein unsinnig langes Trombon herbei, um mir zu zeigen, wie dasselbe, mit mehreren Kugeln oder gehacktem Blei geladen und einfach durch den Schusscanal gesteckt, unfehlbar Jeden treffen musste, der durch das Thor eindringen wollte. Als sie mir das Alles erzählte, blitzten ihre wunderschönen Augen und sie redete sich in eine förmliche Begeisterung hinein, während ihre hübschen Finger fieberhaft mit dem alten Steinschlosse des Trombons spielten. Jedenfalls scheint die Enkelin der Grossmutter nachgerathen zu sein – wehe dem Räuber, der es einmal wagen sollte, diese Festung zu stürmen – ich glaube, das alte Trombon thäte heute noch seine Schuldigkeit.

Das Mädchen wurde gar leutselig und gesprächig, als sie und ihr älterer Bruder, der sich von überstandener Krankheit in der Heimat erholte, mich durch den Garten des Hauses führte. Sie war – wie sie mir erzählte – nur viermal in ihrem Leben in Cattaro gewesen, ausserdem hatte sie noch nie Dobrota verlassen. Das elegante schwarze Kleid, das sie trug, hat sie selbst verfertigt. Sie hält sich ein Modejournal. Früher war sie national gekleidet, aber seitdem Vater und Mutter todt sind, kleidet sie sich »europäisch«, wie sie bezeichnend und lächelnd sagte. Sie ist Braut. Ihr Bräutigam ist natürlich Schiffscapitän und weilt gegenwärtig in Genua. Das Schiff, das er commandirt, ist ihr Eigenthum und sie bringt es ihm als Morgengabe mit. Sobald Schiff und Bräutigam zurückkehren, giebt's Hochzeit und dann macht sie mit ihrem Schiff und ihrem Gemal eine Hochzeitsreise nach New-York, wohin das Schiff Ladung bekommen. Er, der Bräutigam, hat auf ihrem Schiff bereits eine extra schöne Cajüte bauen und einrichten lassen, sämmtliche Möbel sind von dem Holze eines Birnbaumes in Buenos Ayres, das so feine Adern hat »wie ein Christenmensch« und sich anfühlt wie Sammt. Mit demselben Holze ist auch die Cajüte getäfelt und die Schöne freute sich unsinnig auf Cajüte, Bräutigam, Schiff und Reise.

Als wir später wieder in das Haus hinaufgingen und sie der Magd die Tasse mit schwarzem Kaffee abnahm, um dem Bruder und mir denselben zu credenzen, war sie nicht zu bewegen, selbst auch Kaffee zu nehmen oder sich auch nur an den Tisch zu setzen. Es schicke sich nicht, meinte sie, dass ein Frauenzimmer und gar ein Mädchen in Gesellschaft von Männern esse oder trinke, und der Bruder bestätigte ruhig diese Ansicht. Zum Abschiede gab sie mir aber ohne jede Ziererei wieder die Hand und wünschte mir eine recht glückliche Reise. Die meinige werde wohl kürzer sein, sagte sie lächelnd, als die ihrige. In vier Wochen dürfte sie bereits verheiratet sein und dann geht's zu Schiffe. Zurück kehrt sie erst, wenn sie das erste Kind bekommen. Das sagte sie, ohne im mindesten zu erröthen und dabei blickten ihre prachtvollen, schwarzen Augen mit einem eigenthümlichen Ausdrucke hinaus, als ob sie über das Meer sehen könnten bis nach New-York und in die Zukunft bis zur Ankunft des ersten Kindes.


Der Gouverneur von Scoglio Stipansko.

Der Patron Zuanin Dedich drehte unser lateinisches Segel etwas mehr gegen den frischen Ostwind und that einen Ruck am Steuerruder. Folge davon war, dass sich unsere Barke auf die Seite legte, dass ferner beide Damen laut aufschrien und dass ich ein Glas Wein zur Hälfte verschüttete, welches ich eben gefüllt in der Hand hielt.