»Hier nicht, Herr,« lautete die Antwort. »Hier gibt's keinen Schutz und keinen Ankergrund. Und wenn das Wetter so fortmacht, so geht mir hier über Nacht die Barke in Trümmer. Mit dem Zurückfahren ist's aber für heute entschieden nichts, denn dieser Wind hält an«. Dabei drehte Patron Zuanin das Steuer und wir flogen, um die felsige Küste des Scoglio herum, dessen Westende zu.
Die Felsenabhänge wurden immer niederer, je mehr wir der Nordwestspitze des Scoglio uns näherten, und als wir dieselbe nach zehn Minuten in scharfer Wendung umschifft hatten, befanden wir uns unter dem todten Winde in einer kleinen sandigen Bucht, in welcher einzelne Felstrümmer zerstreut aus dem Wasser hervorsahen. Patron Zuanin schlang das Ende eines Seiles um eines dieser Felstrümmer, die Barke lag still und das Segel schlug in schlappen Falten an die Stange.
Der Kiel unserer Barke knirschte bereits im Sande und wir waren wenigstens noch fünfundzwanzig Schritte vom Ufer entfernt. Es blieb uns also nichts übrig, als uns unserer Fussbekleidung zu entledigen, die Beinkleider hinaufzuschürzen und – Jeder von uns mit seiner Frau in den Armen – das Trockene zu gewinnen.
Wir möchten nur geradeaus gehen, hatte Patron Zuanin gesagt, bis wir das »Haus« des Joso vor uns hätten. Er, Zuanin, werde unterdessen den Proviant an's Land schaffen, die mitgenommenen Decken und auch das Segel, das wir vielleicht des Nachts brauchen könnten.
Vom Ufer aus bedeckte noch auf wenige Schritte trockener Meeressand den Felsboden, wie ihn die hochgehende Fluth oder ein tüchtiger Weststurm heraufgeworfen hatte; dann aber sahen wir nichts vor uns, als eine Art felsiger Mulde, ohne jede Spur eines Pflanzenwuchses, ohne Spur eines lebenden Wesens. Die zerbröckelten scharfen Steine schnitten uns in die Füsse und wir konnten nur langsam vorwärts kommen auf unserer Suche nach dem »Hause« des Joso. Mächtige Steinblöcke hatten sich von den mauerartigen Uferfelsen der Insel losgerissen, waren in das Innere der Insel gekollert und hemmten von Zeit zu Zeit unseren Weg. Wir stiegen bergan. Die hohen Felsen schoben sich näher zusammen und zeigten in ihren Rissen und Sprüngen einen spärlichen Graswuchs. Dazwischen ragten die stacheligen Blätter von Aloëstauden, und als uns ein leises Geräusch aufblicken machte, sahen wir zwei Ziegen, die, in kühnen Sätzen gleich Gemsen von Stein zur Spitze springend, vor uns flohen. Noch einige Minuten dauerte unser beschwerlicher Weg. Dann kamen wir auf eine Art Plateau, aus dessen steinigem Boden gleichwohl dünner Graswuchs sprosste. Zwei magere Kühe und etwa ein Dutzend Schafe weideten da, die bei unserem Anblicke gleich den beiden Ziegen Reissaus nahmen. Zur linker Hand – gegen Norden – erhob sich eine Felswand. Ein herabgestürzter Riesenblock lag da, an den Hang gelehnt. Wir mussten an demselben vorüber und kaum hatten wir ihn erreicht, so stand urplötzlich, wie aus dem Felsen selbst herausgesprungen, eine menschliche Gestalt vor uns – – es war der Gouverneur von Scoglio Stipansko.
Rohe Sandalen an den Füssen, blaue Beinkleider, die an den Hüften mit einer rothwollenen Schärpe befestigt waren, und ein weisses Hemd sowie ein Strohhut waren seine Bekleidung. Ein wettergebräuntes Gesicht mit einem Paar hellgrauer, finsterblickender und fernsehender Augen, das von tausend feinen Runzeln gefurcht war, blickte uns trotzig und ruhig an. Seine linke Hand hielt das Rohr einer langen Flinte umspannt. Der Felsen hinter ihm zeigte eine tiefe Kluft, eine Art Höhle. Ueber den Eingang derselben und den oberen Theil des Felsenblockes, der sich an die Wand lehnt, waren knorrige Baumäste und einige alte Ruder geschichtet. Darüber lag Reisig mit trockenem Laub, dann eine Lage getrockneter Seealgen. Auf dem Ganzen ruhten schwere Steine. Thür war keine vorhanden. Das war die Residenz. Und der Mann, der, auf die alte, lange Flinte gestützt, vor deren Eingang stand, war Joso Grancic, der Gouverneur von Scoglio Stipansko.
Nur Gouverneur? Nein, mehr als das, einziger unumschränkter Gebieter über Alles, was da lebt und webt auf dem Scoglio – nicht ausser, aber über dem Gesetze – nur gebietend, aber Niemandem gehorchend: so waltete Joso Grancic vom Mai bis October jeden Jahres auf dem Scoglio, fernab vom Getriebe der Menschen – nur zwei Stunden von der nächsten dalmatinischen Insel entfernt und doch so einsam, als wäre er auf einem Korallenriffe der Südsee.
Ob er immer so allein gewesen? Nein, wir hörten es später, wer ihm Gesellschaft geleistet. Wir hörten auch, warum er jetzt allein war. Sein Tschibuk trug die Schuld, nicht er.
Der Abend war herangebrochen und der Sturm kam vom Osten her über die Wogen geflogen, so dass sie sich mit weissem Gischte krönten und wild anbrausten an die Felsen. Die zwei mageren Kühe, die Schafe und die Ziegen hatten sich unter die überhängenden Felswände geflüchtet vor dem strömenden Regen.
Wir hatten unser mitgebrachtes Nachtmal eingenommen. In der Höhle hatten wir aus dem Segel und einigen Decken ein Nachtlager für die beiden Frauen bereitet, auf welchem sie, ermüdet von der frischen Seeluft, süss und ruhig schliefen. Wir Männer sassen unter dem Vordache der Hütte zwischen dem Felsenblocke und der Steinwand um ein kleines Feuer aus Kohlen und trockenem Ginster im Kreise. Wir hatten köstlichen Wein aus Solta und den wunderbarsten Tabak, der nur je über die bosnisch-dalmatinische Grenze geschwärzt wurde. Und da wir gut genachtmalt hatten, so ging uns nichts ab zum traulichen Gespräche am gastlichen Feuer. So mögen die Flüchtlinge aus Troja, so der kluge Ulysses mit seinen Gefährten am Feuer gesessen sein, des Tages Müh' und der fremden Umgebung Eigenart besprechend. Nur fehlte jenen der Tabak.