Vigilia del Natale del 1874.«

Das Italienisch, in welchem dieser Brief geschrieben, ist weder classisch noch elegant. Auch hätte es seine Schwierigkeiten gehabt, das Schreiben der Post zur Beförderung zu übergeben, denn die obigen Zeilen waren auf dem Blatte einer Agave eingeritzt, das, beinahe einen Fuss breit und gegen vier Fuss lang, in einem prangenden Wust von ähnlichen Blättern halb verborgen, auf einer steinigen Uferklippe der Insel Lesina in die erbarmungslos heisse Luft hineinragte. Die Blätter waren aber alle trotz ihres fleischigen Baues und der kräftigen Stacheln, mit denen sie bewehrt waren, schlapp und welk. Warum? Weil die Agave, zu welcher sie gehörten, im vorigen Jahre geblüht hatte.

Und wenn eine Agave geblüht hat, dann stirbt sie.

Die Pierina war nichts weniger als eine Morlakin. Auch keine Bäuerin.

An den Küsten Dalmatiens und auf den grösseren zu Dalmatien gehörigen Inseln findet man allenthalben Städte, die, wenn auch jetzt verwahrlost und zerfallen, doch noch in ihrem Aeussern das Bild der einstigen Bedeutung bieten, die sie unter den früheren Besitzern des Landes gehabt. So die Stadt Lesina. Ein prächtiges Rathhaus, in venezianischem Style erbaut, öffnet seine weiten Säle den Sitzungen des jetzigen Gemeinderathes. Eine wunderschöne Loggia blickt arcadengeschmückt hinaus über den freundlichen Hafen und das unendliche Meer. Heute nennt man die Loggia Curhaus. Es sind aber keine Curgäste darinnen, sondern nur hin und wieder ein ehrsamer Bewohner der Stadt Lesina, der seinen wohlfeilen schwarzen Kaffee dort nimmt. Ein Winterhafen, bestehend in einem riesigen, gewölbten, ebenerdigen Saale, in welchen die Galeeren der Venezianer zur Winterszeit einfuhren um dort vor Wind und Wetter und Piraten gesichert zu sein, ist heute gegen das Meer abgedämmt und auf seinem steinernen Estrich werden Sardellen in Fässer verpackt. Von den prächtigen Marmorpalästen, welche die eigentliche Stadt bildend einst den venezianischen Patrizierfamilien gehörten, stehen kaum mehr die äussern Mauern. Drinnen in dem kahlen Raume hat Mutter Natur sich's bequem gemacht, – dort wuchern jetzt Feige, Lorbeer und Rebe, und durch das Gitter der arabeskengeschmückten Rundbogenfenster blickt vielleicht eine Ziege heraus, neugierig die Aussenwelt betrachtend und gemächlich wiederkäuend.

Und wie die Häuser, so die Menschen. Die aufgezwungene Zopf-Cultur der Republik Venedig hat mit dem Falle der letzteren auch ihre Lebensfähigkeit verloren. Der äussere Schliff ist geblieben, die venezianische Sprache, die höflichen Umgangsformen. Aber in Wirklichkeit sind die Menschen wieder zur Natur zurückgekehrt. Die Männer trocknen Feigen, fischen Sardellen und pflegen ihre Weingärten so gut sie es vermögen. Und die Weiber wissen sich hübsch zu verbeugen, kleiden sich städtisch, haben flammende venezianische Augen und können meistens etwas schreiben und lesen. Sonst schaffen sie im Hause und verfertigen hin und wieder reizende Netzarbeiten aus den Fasern der Agave. Sie leben – Männer und Weiber – ausserordentlich mässig und begnügen sich mit Allem. Alles will hier so viel heissen als: sehr wenig.

Niemand konnte der Pierina nachsagen, dass sie an Erziehung oder an gefälliger Schönheit den andern Mädchen Lesinas nachgestanden wäre. Sie hatte lesen und schreiben gelernt, hatte selbst ein paar Bücher von Anfang bis zu Ende durchgelesen, die ihr der Zufall in die Hände gespielt, und verstand es merkwürdig gut sich gefällig zu kleiden. Auch einen Brief vermochte sie ziemlich gut zu schreiben, – wenn auch nicht schön, so doch verständlich. Weil aber im Hause die Mutter und zwei ältere Schwestern walteten, so wurde sie dort nicht viel in Anspruch genommen. Und weil sie bereits volle vierzehn Jahre zählte, so hatte es auch mit dem Unterricht schon lange ein Ende gehabt. Darum war sie mehr oder weniger Herrin ihrer Zeit, und wenn nicht gerade ein seltener Regen über die Insel niederging oder der kurze Winter mit seinen Borastürmen über Dalmatien hinbrauste, konnte sie ruhig und halbe Tage lang weit draussen auf einem steinigen Vorgebirge unter dem dichten Schatten eines alten Johannisbrotbaumes sitzen – vor sich die plätschernden Wellen des Meeres, die nackten Klippen und auf denselben eine einzelne riesige Agave. Dort verfertigte sie feine, traumhaft schöne Spitzen aus den Fasern der Agave.

Sie nahm aber die Agavenblätter, deren sie bedurfte, niemals von jener riesigen Pflanze, die einsam auf der Klippe vor ihr in die Luft ragte. Wozu auch? Agaven finden sich auf der ganzen Insel Lesina mehr als übergenug. Und gerade die eine riesige Agave auf der nackten Klippe war ihr heilig. Warum? Das wusste sie nicht. Dalmatinerinnen sind nicht oder höchstens ausnahmsweise sentimental.

Die Leute nennen diese Pflanze Aloë, die Gelehrten sagen, es sei die Agave americana. Wahrscheinlich haben die Gelehrten Recht. Wie sie aus Amerika nach Dalmatien, wie sie vom Festlande auf die Insel Lesina gekommen, ist ein Geheimniss. Die Gelehrten sagen, dass es eine Zeit gegeben, zu welcher die Insel Lesina gar keine Insel war, sondern mit dem Festlande zusammenhing. Damit glauben die Gelehrten das Geheimniss theilweise gelöst zu haben, und wahrscheinlich haben sie auch diesmal Recht. Die Pierina wusste zwar nichts von den Annahmen der Gelehrten, aber sie wusste, dass sie als ganz kleines Kind schon auf diesem Platze unter dem Johannisbrotbaume so gerne gesessen, und dass sie damals schon davon gehört habe, wie die Agave fünfzig Jahre brauche, um zu blühen und wenn sie geblüht habe – sterbe. Das wollte sie sehen. In ihrem einfältigen, kindlichen Kopfe kam es ihr manchmal vor, als ob sie selbst eine Agave oder mit der Agave auf der einsamen, nackten Klippe Eins wäre. Das war aber nur so eine Einbildung, sie selbst glaubte es nicht ernstlich.

Fünfzig Jahre und vierzehn! Das reimt sich wohl schlecht zusammen, aber die prächtige Agave – ihre Agave – war schon ein mächtiges Gewächs, als Pierina noch ein kleines Kind gewesen. Darum hofft sie noch immer darauf, gerade diese Agave blühen und – sterben zu sehen. Es war aber nicht Bosheit, sondern nur Neugierde.