Im verflossenen Jahre, als sie anfing verständiger zu werden und es in ihrem eigenen kleinen Köpfchen so ganz sonderbar zu rumoren und summen begann, als ob sie jetzt erst erwacht wäre und die ersten zwölf Jahre ihres Lebens im Traum zugebracht hätte, – da weinte sie an einem wunderschönen Frühlingsabend bei dem Gedanken, dass die arme Agave nun werde bald sterben müssen. Wenn man aber kaum vierzehn Jahre zählt, so tröstet man sich über derlei Dinge leicht und Pierina lächelte bereits wieder, als ihr die letzte Thräne in das Spitzengewebe fiel, an dem sie eben arbeitete.

Es geht aber mit dem Leben einer Pflanze kaum anders als mit dem Menschenleben: man weiss nicht recht, wann es beginnt und man bemerkt selten sein wirkliches Ende. In eine kleine kaum sichtbare Spalte der nackten Klippe hat der Zufall das Pflänzchen eingenistet. Drei oder vier lanzenförmige Blättchen zeigten sich an ihrem Rande, mit weichen biegsamen Stacheln eingefasst. Im nächsten Jahre haben sich ein paar neue Blätter dazu gefunden, im abernächsten Jahre wieder. Es bildet sich in der Mitte ein grösserer, schlank verlaufender, an der Spitze mit einem grossen Dorn bewehrter Zapfen, und von diesem lösen sich dann alljährlich ein oder zwei Blätter ab. Diese werden immer grösser und stärker, die Dornen, mit denen sie bewehrt sind, immer härter, und nach vielleicht fünfzehn oder zwanzig Jahren prangt das Gewächs in einer Fülle von mächtigen, saftstrotzenden, am Rande mit furchtbaren Stacheln bewehrten Blättern, die in schöngeschwungener Beugung den schlanken Zapfen umfassen, von dem sie sich eines um das andere losgelöst und den sie jetzt mit ihren starken Dornen beschützen.

In diesem Jahre hoffte Pierina ihren Lieblingswunsch erfüllt zu sehen. Es entwickelte sich in der prachtvollen Pflanze vor ihr ein eigenthümlich geheimnissvolles Leben. Der mächtige Zapfen mit dem furchtbaren Dorn schwoll an und weitete sich mehr, als es sonst geschehen war. Er strebte und drängte heraus aus seiner Blätterhülle – und eines Tages war diese gesprengt und es kam der grüne, starke Schaft des Blüthenstieles zum Vorschein.

Schade! Gerade zur Zeit, als diese geheimnissvolle Wandlung sich mit der Agave vollzog, wurde die Aufmerksamkeit Pierina's von derselben abgelenkt. Es war ein fremder junger Mann nach Lesina gekommen, der dem Vater Pierina's empfohlen war. Der strich durch viele Stunden des Tages über Klippen und Gestein und brachte Pflanzen mit nach Hause. Die trocknete er zwischen Blättern von Papier. Dann schrieb er auch viel. Aber es blieb ihm immerhin Zeit genug, die vierzehnjährige Pierina auf ihrem einsamen Liebesplätzchen zu besuchen. Da sprach er mit ihr vom Meer und von den Pflanzen und wie die Natur so wunderschön und doch wieder so geheimnissvoll sei, gerade so wie die unergründlichen Augen Pierina's.

Vielleicht hat er auch von Liebe mit ihr gesprochen, das ist aber niemals bekannt geworden. Von ihnen Beiden hat Keines etwas davon einer andern Menschenseele erzählt und der einzige Zeuge ihrer Gespräche war eine Agaveblüthe.

Die Agave hatte gehalten, was sie versprochen und was Pierina seit ihren Kinderjahren erwartet und erhofft. Ein mächtiger Stamm, über dreissig Fuss hoch, war aus dem trotzigen Blattbüschel in der kurzen Zeit von zwei Monaten herausgeschossen, hatte Zweige nach allen Richtungen hinausgesendet und diese Zweige waren über und über mit zarten in gelb und weiss prangenden Blüthen bedeckt. Und wenn die jungen Leute dort beisammen sassen, da trug der kühlende Seewind den berauschenden Duft der Blüthen gerade hin zu dem jungen Paar.

Blumenduft ist gefährlich, er berauscht so leicht.

Und doch dachte Pierina jetzt weniger an die Agave als je. In ihrem Innern schien auch eine Blüthe aufgegangen zu sein, obwohl sie beiweitem nicht das Alter der Agave hatte. Bei Mädchen geht es schneller und Pierina zählte noch nicht fünfzehn. Und als der Herbst gekommen, da fielen die Blüthen der Agave langsam ab. Der Wind trug sie in die Wellen. Auch der junge Mann – Lorenzo hiess er – schnürte sein Bündel und zog wieder fort über das Meer, auf dem er gekommen. Er hatte ihr zum Abschied gesagt, dass sie ein gutes und liebes Mädchen sei, nur schade, dass sie eben in Lesina aufwachsen musste, wo Frauen so gar nichts von den Sitten der grossen Welt – seiner Welt! – lernen und wissen.

Pierina hatte beim Abschied nicht geweint. Sie sass jetzt wie früher auf ihrem Lieblingsplätzchen unter dem Johannisbrotbaume, vor sich die nackte Klippe mit der mächtigen Agave und weiter draussen das unendliche Meer. Jetzt kam es ihr wieder so vor wie in frühern Jahren, als ob sie Eins mit der Agave vor sich wäre. Denn auch sie blühte nicht mehr. Ihre Wangen wurden täglich blässer und ihre flammenden Augen täglich grösser. Das Ende der Agave hat sie aber nicht mehr mit ansehen können, denn als der Winter mit seinen ersten Borastürmen über Dalmatien hinraste, da war die Pierina gestorben.