Auch die Agave starb im nächsten Jahre – ihre mächtigen Blätter wurden welk und fielen zu Boden. Und auf einem derselben fanden sich einige Zeilen eingeritzt – dieselben, die zu Anfang dieser Erzählung wiedergegeben sind. Sie lauten zu deutsch:

»Lieber Renzo! Ich wollte Dir schon seit langer Zeit schreiben, aber ich glaube, dass Du mich nicht mehr liebst. Du musst wissen, dass ich Dir zu sagen habe, wie sehr ich Dich liebe. Ich kann nichts mehr thun, als Dir tausend glühende Küsse senden. Lebe wohl, Renzo, auf immer lebe wohl. Auch für meine Abreise hat die Stunde geschlagen. Deine Dich liebende Pierina.«

»Am Weihnachtsabende des Jahres 1874.«


Das Omblathal bei Ragusa.

Ein ruhig sonnenheller Tag liegt über den Bergen, schimmert über die im Frühlingsschmucke prangende Küste, zittert über das weite Meer. Auf der schönen Strasse, die von Ragusa nordwärts gegen den eigentlichen Hafen, gegen Gravosa, führt, haben sich die zu beiden Seiten derselben gepflanzten jungen Bäumchen mit zarten Blättern geschmückt, am Fusse der gegen die Küste sanft zu verlaufenden Berge stehen die Gärten im Frühlingsblüthenschmuck, hohe Palmen bewegen ihre fächerartigen Zweige im Westwind, trotzige Aloën recken ihre fleischigen dornbewehrten Blätter, Rosen und wildwachsende Levkoyen blühen dazwischen, die Berge im Hintergrunde deckt der Oelbaum. Draussen aber im Hafen wiegt sich die Möve.

Es ist nicht der traute, weissgraue Vogel, der, den Matrosen heilig, in langsamen Fluge über das Meer streicht, seine Nahrung suchend und in den Wellen findend, sondern Sr. Majestät Kriegsdampfer »Möve«, der in Gravosa vor Anker liegt. Die schlanken kühnen Formen werden von den Wellen sanft geküsst, die mächtigen Masten ragen gegen den Himmel, die Raen und das Tauwerk heben sich fein und zart vom durchsichtigen Blau des Horizontes ab. Auf der Brücke steht der Wachoffizier, mit der schwarzgelben Feldbinde umgürtet und dem Fernrohr in der Hand. Waffen führt er keine, obwohl er im Dienste ist. Eine Schildwache mit gezogenem breiten Pallasch geht langsam auf und ab. Auf dem Vorderdecke steht eine kleine Gruppe von Matrosen, untersetzte kräftige Gestalten, in ihren kleidsamen blauen Jacken mit dem weit ausgeschlagenen Hemdkragen; sie sprechen leise zusammen.

An Bord eines Kriegsschiffes, und zwar eines österreichischen Kriegsschiffes, geschieht Alles leise. Ein kurzer Commandoruf, ein schrilles Pfeifen, vielleicht einmal ein Hornsignal, das ist Alles. Sonst thut Jeder seine Pflicht, wagt sein Leben, übt, lernt, arbeitet hoch im Takelwerk, auf dem Verdeck, unten im Schiffsraume, stirbt, wenn es nothwendig ist, aber er schweigt. »Muss Sieg von Lissa heissen!« so lautet der lakonische Befehl, mit welchem Tegetthoff das tausendstimmige Brüllen der Kanonen entfesselte und das grosse markerschütternde Drama einleitete. Nur fünf Worte. Und – es hiess wirklich Sieg von Lissa!

An der Steuerbordseite der »Möve«, gegen das Land zu, durch den Schiffskörper verborgen, schaukelte das feingeschnittene schöne Gigg des Commandanten. Sechs Gasten sassen drinnen, auf ihre Riemen gestützt. Sie warteten des Commandanten und seiner Gäste, welche noch unten in der Cajüte bei einem Glase Sherry weilten. Heute, wo diese Zeilen gedruckt zu lesen, heute trennt mich bereits lange wieder Land und Meer von den lieben alten Freunden, von dem Commandanten Sr. Majestät Kriegsdampfer »Möve« und dessen zweitem Gaste, einem unserer tüchtigsten Flotten-Officiere. Und so sei es mir gestattet, ihnen hier einen freundlichen Gruss zu entbieten und ihnen Beiden die schönen Stunden in's Gedächtniss zu rufen, die wir vor Zeiten mitsammen zugebracht, die schönen Stunden, die wir zuletzt in der traulichen Commandanten-Cajüte der »Möve« zusammen verlebt und den reizenden Ausflug, den wir unternommen in das Thal der Ombla bei Ragusa. Und es sei mir auch gestattet, hier der österreichischen Marine-Officiere überhaupt zu gedenken – es ist mir ein Herzensbedürfniss – ihres freundlichen Entgegenkommens, ihrer anspruchlosen, liebenswürdigen, herzgewinnenden Bescheidenheit, ihrer still betriebenen Studien, ihres umfangreichen Wissens, ihrer Weltkenntniss und ihres wackern, durch und durch ehrenhaften Wesens. Alle Provinzen des weiten Kaiserstaates sind in dem Officiercorps der österreichischen Marine vertreten, alle Sprachen des polyglotten Oesterreich werden unter ihnen gesprochen, aber dort verschwindet jede nationale Färbung und ich habe mich niemals so sehr als Oesterreicher gefühlt als an Bord eines österreichischen Kriegsschiffes, unter dem Schatten der vom hohen Maste flatternden österreichischen Flagge!