Wir klommen von der Cajüte an Deck und bestiegen sodann das schaukelnde Gigg. Die Fallreep-Pfiffe schrillten – die Ehrenbezeugung für den das Schiff verlassenden Commandanten – am Bug des Giggs flatterte das Wimpel, am Achter die Flagge. »Stosst ab! Vorwärts!« und unter den tactmässigen Schlägen von sechs Rudern flog das leichte Boot in kühner Schwenkung um den Körper der »Möve« herum, hinauf gegen die Mündung der Ombla.

Wenn man, vom Norden kommend, durch den Canale di Calamotta in den Hafen von Gravosa einfährt, so treten gegen Osten, gerade gegenüber der Halbinsel Lapad, die Berge, die bis dahin in ununterbrochener Reihenfolge die Küste begleiten, klaffend auseinander und bieten die Aussicht frei auf ein reizendes Thal. In der Mitte desselben strömt ein breiter Fluss von süssem, kristallhellem Wasser, tief genug, um selbst grösseren Schiffen Einlauf zu gewähren, in das Meer. Es ist die Ombla. Etwa eine Viertelstunde von der Mündung des Flusses aufwärts hat derselbe durch angeschwemmte Steine und Erdreich eine flache Insel gebildet, die, mit Binsen und Röhricht überwachsen, ein schönes gleichmässiges grünes Dreieck bildet, dessen eine Spitze gegen das Meer gekehrt ist. Zu beiden Seiten des Flusses steigen die Ufer rascher gegen die bewaldeten Berge, mit prachtvoller fremdartiger, südlicher Vegetation bedeckt. Wieder stehen da Palme und Lorbeer, Myrthe und Aloë, hochstämmiger Rosmarin, Oel- und Feigenbaum und die schlanke, dunkle Cypresse.

In der blühenden Wildniss sind längs der Ufer kleine Gruppen von bewohnten Häusern und einzelne Ruinen zerstreut. Von den letzteren stehen gewöhnlich die Mauern der oft zweistöckigen Villen gänzlich unversehrt, die Fensteröffnungen sind mit schön gearbeiteten Simsen versehen, aber das Dach fehlt, die Häuser sind ausgebrannt und mitten im Hausraume, wo einst das traute Heim glücklicher Menschen war und vielleicht fröhliche Kinder sich tummelten, wuchert jetzt Lorbeer und Rebe. Es waren die Russen im Vereine mit Montenegrinern und Herzegowinern, welche im Jahre 1806, als der französische General Lauriston die Stadt besetzt hielt, Ragusa angriffen und im ganzen Umkreise der Stadt alles verwüsteten, niederbrannten und zerstörten. Die Einwohner flüchteten damals; als aber die Russen mit ihren Verbündeten abgezogen waren, da war die Bevölkerung durch die Zerstörung ihres Besitzstandes zu arm geworden, um ihre Häuser wieder aufzubauen, und so ist heute noch ganz Ragusa mit Ruinen zerstörter Villen umgeben.

Besonders eine dieser Villen – sie ist am linken Ufer der Ombla gelegen – ist bemerkenswerth. Wir legten an der prächtigen, drei Klafter breiten Treppe an, die bis an den Wasserspiegel führt. Ein grosses, weitgedehntes Gebäude lag vor uns in mittelalterlicher Bauart. Schöne Säulen aus Marmor und Sandstein tragen die Bogen einer riesigen, gegen den Fluss offenen Halle. An den Wänden der letzteren prangen Fresken in wunderschönen, lebhaften Farben, als ob sie gestern erst vollendet worden wären. Sie stellen einzelne Scenen aus der Aeneide dar. Schon auf der Stiege hatten wir den süssen, betäubenden Geruch von Lorbeerblättern verspürt und sahen jetzt die grosse Halle mindestens zwei Fuss hoch mit trockenen Lorbeerblättern bedeckt. Mehrere Männer in der kleidsamen halbtürkischen Tracht der Bauern aus der Umgebung von Ragusa waren damit beschäftigt die trockenen Blätter in grosse Säcke zu füllen. Unter dem Thore stand ein Esel und schnupperte mit der Nase unter den vielen Lorbeerblättern, die noch nicht zum Kranz gewunden waren, und die auch diese Bestimmung offenbar nicht erwarten.

Lorbeerblätter in Säcken und ein Esel dabei! Pah – ist doch Alles nichtig in dieser Welt – selbst Lorbeern!

Auf dem einen Felde der Wand war eine schöne Dido dargestellt mit Aeneas zu ihren Füssen. Die Bauern machten uns auf das Bild aufmerksam und sagten uns, es sei eine Muttergottes mit dem heiligen Antonius von Padua; wer sie aber gemalt habe, wem das Haus gehöre mit dem schönen Parke, der sich in Serpentinen hinter dem Hause bergan zieht, das wussten sie nicht. Sie wussten nur, dass ein sehr reicher Herr der Eigenthümer des Hauses gewesen, dass die Russen und Montenegriner dasselbe zerstörten, dass der Park ober dem Hause jetzt gänzlich verwildert sei und dass das ganze Besitzthum jetzt kaum etwas abwerfe, als ein wenig Oliven und die Lorbeerblätter, die wir sahen. Dafür aber führten sie uns über eine halsbrecherische Holzstiege in das zweite Stockwerk und zeigten uns da eine merkwürdige sechseckige Badestube ganz ohne Fenster und mit einer so niederen Thür, dass man – wörtlich genommen – auf allen Vieren hineinkriechen muss.

Mädchen aus Sette Castelli.

Wir stöberten und krochen noch lange in dem alten Hause und in der blühenden Wildniss herum, von der es umgeben war, ohne von den Leuten eine weitere Auskunft über den Eigenthümer des Hauses erhalten zu können. Der Eigenthümer sei ein reicher Herr, – hiess es – und lebe nicht in Ragusa, das Haus sei verpachtet, und dessen Räume dienen jetzt nur zum Trocknen der Lorbeerblätter. Der Esel dort und noch einige Eseln tragen die Lorbeerblätter sackweise nach Ragusa und von dort aus werden sie weiter verschifft, – nach Triest.