Das musste uns genügen, wesshalb wir unser Gigg wieder bestiegen und stromaufwärts gegen die Quellen der Ombla fuhren.

Wenn man auf der Bergfahrt die Hälfte des nur eine halbe Stunde langen Flusses hinter sich hat, so verschliesst ein ungeheuerer Felsen, von welchem her die Ombla zu Thal fliesst, die Aussieht. Man fragt sich vergebens, aus welcher Schlucht denn das Becken der Ombla sich hervorwinden könne; es ist eben Alles von zackigen Felsen, die einen weiten Halbkreis bilden, eingeschlossen und nur aus der weissen Farbe des Flusses erkennt man, dass seine Wasser hier irgendwo mit Gewalt herausbrechen oder durch eine plötzlich verengte Schlucht gezwängt werden.

Es scheint, dass Beides der Fall ist. Man sagt nämlich – und ich weiss nicht, ob irgend Jemand sich darüber Gewissheit verschafft habe – dass der bosnische Fluss Trebinschizza, welcher nicht weit von der österreichisch-türkischen Grenze sich in einen Steinschlund verliert, an der Sohle des Omblathales wieder zu Tage trete. Wie dem auch sei, so viel ist gewiss, dass es einen überraschenden Anblick gewährt, die schäumenden und tosenden Wassermassen aus tausend Ritzen und Sprüngen des nackten Felsen in gewaltiger Wucht mit schneeweissem Gischt herauskochen zu sehen, zu sehen, wie sie unmittelbar darauf in wilder Eile über die Räder der dort befindlichen Mühle stürzen um dann beruhigt und geklärt im majestätischen Laufe sich dem Meere entgegenzurollen.

Bei der Rückfahrt besuchten wir ein einsam am rechten Ufer der Ombla liegendes Franciscanerkloster. Wir mussten lange an der Thüre klopfen, bis uns ein steinalter Laienbruder öffnete, dessen übermässige Magerkeit die Vorstellung Lügen strafte, die man sich gewöhnlich von dem behäbigen Aussehen der in frommem Nichtsthun dahinlebenden Mönche macht. Er zeigte uns bereitwilligst das ganze uralte Klostergebäude, das, wie aus einer alten Inschrift ersichtlich, durch das Erdbeben des Jahres 1666 halb zerstört worden war. In dem riesigen, von einem prächtigen Säulengang umgebenen Hofe lagen und standen einzelne Capitäle und abgebrochene Säulenschafte, das Gras wucherte aus den Fugen der Steinplatten und ein in der Ecke stehender riesiger Lorbeerbaum verdeckte drei oder vier der vergitterten Fenster. Wir waren noch mit dem Lesen einiger alter auf Grabmälern angebrachter Inschriften beschäftigt, als ein zweiter Klosterbruder herabkam. Es war der Pater Guardian; er und der magere Laienbruder bildeten zusammen die ganze »Besatzung« des ausgedehnten Klosters.

Der Pater Guardian war sehr dick und roch unangenehm nach Wein und frischen Zwiebeln. Er führte uns zuerst in ein riesiges Refectorium und dann in die ärmliche Kirche. Wenn man die winzige Kirche mit ihren wenigen Betstühlen und den engen Gängen zwischen denselben mit dem grossartig angelegten Refectorium verglich, so mochte man sich wohl die Frage stellen, wie denn die Mönche, welche ehedem das Refectorium füllten, doch in der Kirche Platz finden konnten. Ich wagte sogar eine derartige Frage an unseren dicken Guardian, der mir aber salbungsvoll erwiderte, dass im Refectorium nicht nur gegessen, sondern auch gebetet wird. Damit war ich geschlagen. Im Refectorium waren weitlaufende altersschwarze Tische aufgestellt, an denen mindestens hundertfünfzig Personen Platz nehmen konnten. Dort speiste der dicke Prior und der magere Laienbruder allein – »wenn sie etwas hatten« – sagte der alte Herr. Der Laienbruder hielt sich demüthig im Hintergrunde.

In einer Ecke des Refectoriums war eine Art Fenster in der Mauer angebracht, das in eine dunkle Küche führt. Um das Fenster herum stand der wohl zu beherzigende Spruch: aequa divisio non conturbat fratres[45]. Ob die »divisio« auch heutzutage noch so gleichmässig sei, wollte uns schier zweifelhaft scheinen, wenn wir den dicken Guardian und den mageren Laienbruder ansahen. Der Guardian machte uns hierauf auf ein rohes alfresco-Gemälde aufmerksam, das sich ebenfalls an der Wand befand. Es stellt einen dicken Fisch vor, der bestrebt ist, einen vor ihm befindlichen mageren Fisch zu verschlingen. Wir glaubten anfangs eine allegorische Anspielung auf den dicken Guardian und den mageren Laienbruder zu sehen, wurden aber bald eines Bessern belehrt.

»Es ist eigentlich ein Wunder,« sagte der Guardian, »wenn es auch Manche nicht glauben wollen. Es war im Jahre 1589 – sehen Sie, da steht es drunter geschrieben, 1589 addi 12 Novembre – als ein Klosterbruder ausging, um Almosen zu sammeln. Es war aber ein schlechtes Jahr gewesen und die Leute hatten selbst nichts – so ging also der Bruder mit seinem leeren Esel traurig dahin am Ufer der Ombla. Da hörte er plötzlich ein Geräusch – – ein kleiner Fisch sprang an das Land – ein anderer grosser Fisch, der den kleinen fressen wollte, ihm nach. Und der Bruder fing alle beide, so dass alle Brüder zu essen hatten, denn der grosse Fisch war ein Thunfisch und wog achtzig Pfund. Darum sind beide hier aufgemalt. Jetzt sind wir nur unser Zwei im Kloster und brauchten kein so grosses Wunder – aber ein kleines Wunder thäte uns gut, denn wir haben wohl Wein und Oel für Beide, aber sonst gar wenig zu essen.«

Einer meiner Begleiter warf die Bemerkung hin, es wäre ein in der Welt ziemlich häufig vorkommender Fall, dass die kleinen Fische von den grossen gefressen werden, aber diese Betrachtung schien dem dicken Guardian zu subtil und er wiederholte nur den Wunsch, dass der liebe Gott recht bald ein Wunder zu Gunsten des Klosters und seiner »Besatzung« wirken möge.

Der magere Laienbruder seufzte.