Ich weiss nicht, ob der Conte mir es an der Miene ablas, dass ich gerne eine Erklärung über die geheimnissvolle Giltigkeit und Ungiltigkeit der Messe im Hause ……* gehört hätte, oder ob er nur zeigen wollte, welch' uralter Familie er angehöre, die noch solchen alten Brauch zu hegen und zu pflegen das Recht habe, kurz, er erzählte mir Folgendes:
Vor beiläufig zweihundert Jahren wurde der Theil des Hauses, in welchem die Kapelle steht, durch einen Ahnherrn der Familie ……* erbaut. Irgend ein Papst wurde durch irgend einen der Bischöfe von Spalato gebeten, der Familie ……* das Recht zu geben, in ihrer Hauscapelle Messe lesen zu lassen. Da die Familie ……* wohlhabend und im Stande war, für den hochadeligen Luxus einer eigenen Hauscapelle auch tüchtig zu zahlen, so erfolgte die erbetene Erlaubniss. Unter dem Dachboden in irgend einer Kiste musste auch noch das päpstliche Breve aufbewahrt sein. Der Conte hatte es nie gelesen, wohl aber sein Vater, der vor dreissig Jahren gestorben, und ihm einmal sagte, das Breve sei lateinisch. Und weil die Familie ……* seit jeher sich durch Frömmigkeit ausgezeichnet habe, so habe die Capelle auch ganz besondere Privilegien. Jeden Tag dürfe in derselben Messe gelesen werden, auch gelte die Messe für alle Familien-Mitglieder, auch für Diejenigen, die nur in die Familie geheiratet hatten, und ausserdem für drei männliche oder weibliche Dienstboten, aber nicht …
Das war mir doch zu stark. Da stand ich trotz aller Erklärung wieder vor dem ungelösten Räthsel, das ich doch ergründen wollte.
»Entschuldigen Sie, Conte Lole, wie verstehen Sie das von dem Gelten der Messe?«
Der Conte streifte mich mit einem misstrauischen Seitenblick, als ob er nicht recht im Klaren sei, ob ich denn nicht doch ein Ketzer und daher der nöthigen Vorbildung zum Verständniss seiner Erklärung bar sei. »Gelten heisst gelten,« sagte er tiefsinnig, »wenn Sie zum Beispiel Sonntags in meiner Capelle die Messe hören, so haben sie keine Messe gehört, wenn aber ich oder ein Mitglied meiner Familie in derselben die Messe hören, dann haben wir sie gehört. Das Gleiche gilt für drei meiner Dienstleute.«
»Wenn aber vier von Ihren Dienstleuten der Messe beiwohnen, für welchen von den Vieren gilt dann die Messe nicht, Conte Lole?«
Der Conte dachte einen Augenblick nach und entschied dann rasch: »Für den Letztgekommenen. – Sehen Sie, Herr ……, ich weiss recht gut, obwohl ich niemals aus Dalmatien hinausgekommen bin, dass man in der Welt jetzt nicht mehr viel hält auf solche Dinge, aber in unserer Familie, die von sehr altem Adel ist, war man auch immer fromm. Darum hat man uns auch Privilegien gegeben von Rom, wenn wir darum baten, und nicht genug, auch einen Cardinal haben wir schon in der Familie gehabt und auch ein Wunder.« Und der Conte blickte in offenbar gehobenem aristokratischem Selbstbewusstsein bei der Erinnerung an das Wunder um sich, als erwartete er rings um sich plötzlich eine ganze Legion adeliger Wappenschilde der Familie ……* auftauchen zu sehen.
»Das Wunder ist wohl schon sehr alt?« wagte ich zu fragen.
»Nein, es geschah vor fünfzig Jahren. Mein jüngerer Bruder Conte Zandume[21] war mit einem kürzeren Fuss geboren und hinkte. So lange er klein war, wurde das weniger beachtet; die Aerzte sagten, es gäbe kein Mittel dagegen und seine Pesterna[22], die eine Morlakin aus Imoschi war, zog ihn nur alle Abend tüchtig bei dem kürzeren Fuss, dass er schrie, aber das half nichts. So war er zwanzig Jahre alt geworden. Da verlobte ich ihn zu einer Wallfahrt in die Capelle des San Dojmo bei Duimovaz. Es war am 7. Mai, dem Tage des San Dojmo, und wir hatten uns etwas verspätet. Darum war es schon tüchtig heiss, als wir in die Gegend von Duimovaz kamen und auf dem ganzen Wege hindurch predigte ich in einemfort dem Zandume, er solle nur festen Glauben hegen, dann werde Alles gut werden. Fede[23], Zandume, fede! rief ich immer, aber der Zandume war schon müde, weil er hinkte, und sagte nur: »Ja, Lole!« Endlich kamen wir zur Capelle selbst. Viele Kerzen brannten drinnen und vor denselben lag eine Menge Morlaken, Weiber wie Männer und sonst ordinäres Volk auf den Knien. Ich schob sie aber zur Seite, packte meinen Bruder beim Arm, schob ihn voraus und rief in der höchsten Aufregung »Fede, Zandume! fede, fede, Zandume, fede!« (– Hier folgte noch ein Fluch, der sich nicht in's Deutsche, wohl aber in das Ungarische übertragen lässt –) – – – »Da war das Wunder geschehen.«
»Konnte er jetzt gerade gehen?« fragte ich.