„Nein, nein!“ rief sie heftig. „Er nahm die Sünderin zum Weibe: mehr nicht. O Gott, ist’s denn nicht genug, daß jeder neue Tag ihm angehört!“
In diesem Augenblicke tönete ein zarter Gesang zu uns herüber.— „Das Kind“, sagte sie. „Ich muß zu dem Kinde; es könnte ihm ein Leids geschehen!“
Aber meine Sinne zieleten nur auf das Weib, das sie begehrten. „Bleib doch“, sagte ich, „es spielet ja fröhlich dort mit seinem Moose.“
Sie war an den Rand des Gebüsches getreten und horchete hinaus. Die goldene Herbstsonne schien so warm hernieder, nur leichter Hauch kam von der See herauf. Da hörten wir von jenseits durch die Weiden das Stimmlein unseres Kindes singen:
„Zwei Englein, die mich decken,
Zwei Englein, die mich strecken,
Und zweie, so mich weisen
In das himmlische Paradeisen.“
Katharina war zurückgetreten, und ihre Augen sahen groß und geisterhaft mich an. „Und nun leb wohl, Johannes“, sprach sie leise; „auf Nimmerwiedersehen hier auf Erden!“
Ich wollte sie an mich reißen; ich streckte beide Arme nach ihr aus; doch sie wehrete mich ab und sagte sanft: „Ich bin des anderen Mannes Weib; vergiß das nicht.“
Mich aber hatte auf diese Worte ein fast wilder Zorn ergriffen. „Und wessen, Katharina“, sprach ich hart, „bist du gewesen, ehe bevor du sein geworden?“
Ein weher Klaglaut brach aus ihrer Brust; sie schlug die Hände vor ihr Angesicht und rief. „Weh mir! O wehe, mein entweihter armer Leib!“
Da wurd ich meiner schier unmächtig; ich riß sie jäh an meine Brust, ich hielt sie wie mit Eisenklammern und hatte sie endlich, endlich wieder! Und ihre Augen sanken in die meinen, und ihre rothen Lippen duldeten die meinen; wir umschlangen uns inbrünstiglich; ich hätte sie tödten mögen, wenn wir also mit einander hätten sterben können. Und als dann meine Blicke voll Seligkeit auf ihrem Antlitz weideten, da sprach sie, fast erstickt von meinen Küssen: „Es ist ein langes, banges Leben! O Jesu Christ, vergib mir diese Stunde!“