"Ich bin dessen ganz gewiß. Aber weshalb fragst du, Amme?"
Die Alte stand auf; und mit fester Hand riß sie den Teppich von dem
Spiegel.
Die Gräfin schrie laut auf. "Mein Kind, mein Kind! Das ist der Spiegel des Cyprianus!"—Als sie aber einen Blick in den sanften Schein des Glases geworfen hatte, so sah sie darin den kleinen Kuno mit offenen Augen auf seinem Kissen liegen; sie sah ihn lächeln, und wie ein Hauch flog das Rot der Gesundheit auf seine Wangen. Sie wandte sich um; da saß er schon aufrecht, frisch und blühend.
"Die Kinder, die Kinder!" rief er mit heller, klingender Stimme und streckte die Anne nach dem Spiegel aus.
"Wo sind sie?" fragte die Gräfin.
"Dort, dort!" rief die Alte. "Seht nur, sie lächeln, sie nicken, ach' und sie haben Flügel; zwei Englein sind es!"
"Was sprecht Ihr?" sagte die Gräfin; "ich sehe sie ja nicht."
"Dort, dort!" rief wieder der kleine Kuno.—"Ach!" setzte er traurig hinzu, "nun sind sie fortgeflogen."
Da sank die alte Amme auf den Stuhl zurück. "Unser Kuno ist gerettet!" rief sie und brach in lautes Schluchzen aus. "Eure Liebe hat das getan und hat den Fluch hinweggenommen von dem Werk des alten Meisters!"
Die Gräfin aber stand und blickte selig lächelnd in den Spiegel. Auf seiner Fläche schwamm wie Duft ein Rosenwölkchen, und deutlich schimmerte ein schlummerndes Kinderantlitz daraus hervor. "Wolf soll es heißen, wenn's ein Knabe ist; Wolf und Kuno!" flüsterte sie leise. "Und laß uns beten, Amme, daß sie glücklicher werden als die, so einstens ihre Namen trugen!"