"Ist die Sakristei auch eingerissen?"

"Das geschah schon vor vierzehn Tagen."

"Hast du einen Spiegel dort gesehen?"

Er besann sich. "Nun freilich, es steht dort einer im Winkel; der Rahmen scheint von Stahl; aber der Rost hat ihn zerfressen."

Die Alte gab ihm einen großen Teppich. "Verhänge den Spiegel sorgsam!" sagte sie; "dann laß ihn hierher ins Ziinmer tragen. Aber leise, damit der Knabe nicht erwacht."

Vincenz ging; und bald wurde von ihm und einem Arbeiter ein hohes, mit dem
Teppich verhangenes Gerät in das Zimmer getragen.

"Ist das der Spiegel, Vincenz?" fragte die Amme; und als er es bejaht hatte, fuhr sie fort: "Stellt ihn zu Füßen des Bettes, so daß der kleine Kuno hineinblicken kann, sobald der Teppich fortgenommen ist."

Nachdem der Spiegel aufgestellt war und die Träger sich entfernt hatten, setzte die Alte sich wieder an die Seite des Bettes. "Ein Wunder muß geschehen!" sprach sie vor sich hin. Dann saß sie mit geschlossenen Augen wie ein steinern Bild; unsichtbar aber kämpften in ihr Furcht und Hoffnung. Sie harrte auf die Rückkunft der Gräfin; aber wie lang mußte sie noch warten, bis der Schlaf die ganz verwachte Frau verlassen haben würde.

Da tat sich die Tür auf, und die Gräfin trat herein. "Es hat mich nicht schlafen lassen, Amme", sagte sie; "verzeih es mir! Du bist so treu und gut, und verständiger wohl als ich; und doch ist mir, ich dürfte das Bett des Kindes nicht verlassen."

Die alte Frau antwortete nicht darauf. "Sagt mir noch einmal, Frau
Gräfin", sagte sie, und das Herz schlug ihr so gewaltig, daß sie die Worte
kaum herausbrachte, "seid Ihr dessen ganz gewiß, daß jene böse Frau Eure
Urahne gewesen ist?"